Höhepunkt mit Sextoys – viel Technik für eine sehr menschliche Sache
Gedanken zum Film
Höhepunkt mit Sextoys – viel Technik für eine sehr menschliche Sache
Der Film "Chéri, ich komme!" basiert lose auf der Geschichte des Womanizers. Sexologin Nicole Siller und Redakteurin Pia Kruckenhauser waren gemeinsam im Kino
Pia Kruckenhauser
Die Lust der Frau hat es in die Kinos geschafft. Grund genug, die Champagnerkorken knallen zu lassen. Es ist nicht selbstverständlich, dass der weibliche Höhepunkt so viel Aufmerksamkeit bekommt. Oder erinnern Sie sich an eine massentaugliche Komödie, in der das Vergnügen der Frau das zentrale Thema ist? Wir uns nicht, deshalb haben wir uns den Film Chéri, ich komme! gemeinsam angesehen.
Wir, das sind Sexologin Nicole Siller und Gesundheitsredakteurin Pia Kruckenhauser. Der Plot basiert lose auf der Erfindung des Womanizers. Dieses Sextoy ist 2014 auf den Markt gekommen, mit dem Anspruch, jeder Frau den Orgasmus zu garantieren. Das will er schaffen, indem er nicht auf klassische Weise stimuliert, also mit Vibration und Eindringen. Der Druckwellenvibrator stimuliert die Klitoris vielmehr ohne Berührung über Schwingungen durch einen Luftstrom. Und was soll man sagen: Das funktioniert wirklich zuverlässig.
Das greift der französische Kinofilm auf. Der Plot: Die Frau hat in 20 Jahren Ehe noch nie einen Orgasmus gehabt, und auch davor nicht. Deshalb geht sie zu einer Sexualtherapeutin, die ihr, neben diversen Übungen, als Hausaufgabe aufgibt, zu experimentieren und mit ihrem Mann zu reden. Letzteres tut sie auch, aber erst, nachdem er sie beim Masturbieren mit Vibrator "ertappt" und sie nicht mehr aus kann.
Das sorgt zuerst für ziemlichen Frust und Ärger bei ihm. Aber dann ist der Erfindergeist des Ehemannes – er ist eben Erfinder, aber mit einer langen Historie an nicht fertiggestellten Entwicklungen – geweckt, er möchte ein Sextoy entwickeln, das seiner Frau den Höhepunkt garantiert.
Gute Sommerunterhaltung
Das alles sorgt natürlich für einige Verwicklungen und absurde Szenen, die einerseits sehr lebensnah, andererseits ziemlich zugespitzt dargestellt werden. Das absolut Positive ist, dass Lust wertfrei und ohne Tabus besprochen wird, ohne dabei ins Ordinäre abzurutschen. Dabei werden auch moralische Prägungen, die Neuordnung einer langjährigen Beziehung mit persönlichen Aha-Momenten, sowie die oft schwierige Beziehung zwischen Eltern und Kindern angesprochen, wenn es darum geht, dass auch Eltern sexuelle Wesen sind.
Schade ist, dass in dem Film der Weg zum Orgasmus fast ausschließlich über die Technik abgehandelt wird. Und dass es zwar um die weibliche Lust geht, aber trotzdem das männliche Erfolgsmoment mit der Erfindung ein zentrales Thema ist. Es ist ja großartig, dass es die Technik gibt. Aber der Mann schafft das sicher auch selbst, ohne Hilfsmittel, wenn die Frau ihm zeigt, was sie will.
Insgesamt sind wir uns einig, dass es eine entspannte Sommerkomödie ist, die einige herzliche Lacher produziert. Gleichzeitig bleibt der Film an der Oberfläche und alles löst sich, wie sollte es in einer Komödie auch anders sein, in Wohlgefallen auf.
Und trotzdem regt er, wenn man sich darauf einlässt, zum Nachdenken an. Genau das haben wir getan.
Pia Kruckenhauser: Der Film erzählt eine Geschichte, die weiter verbreitet ist, als man denkt. Ein Paar ist seit Jahrzehnten zusammen, scheint auch sehr glücklich und trotzdem fehlt etwas. Einmal ausgesprochen, versuchen sie zwar sehr enthusiastisch, das zu ändern, aber man fragt sich schon auch, warum die beiden erst nach zwanzig Jahren auf diese Idee kommen.
Nicole Siller: Das habe ich mich auch gefragt. Es kommt ja tatsächlich nicht selten vor, dass die Frau keinen oder selten einen Orgasmus hat. In den allermeisten Fällen gibt es aber einen Auslöser, warum diese latente Unzufriedenheit erkannt und dann endlich angesprochen wird. Etwa weil die Kinder ausgezogen sind und man wieder Zeit hat, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse besser wahrzunehmen.
Ich finde seine Reaktion im Film aber sehr glaubwürdig. Das Thema kommt auch immer wieder einmal in meiner Praxis auf, und da zeigt sich ganz klar, wie enttäuscht die Männer sind, wenn ihre Frau nicht kommt. Die allermeisten wünschen sich das ja, sie wollen, dass es ihrer Frau gutgeht. Es vermittelt zudem das schöne Gefühl, ein guter Liebhaber zu sein. In dem Plot wird die Lösung allerdings über die Technik gesucht. Und das geht halt am eigentlichen Problem vorbei.
Kruckenhauser: Dass sie offensichtlich zu wenig miteinander über die Themen reden, die die relevanten wären. Ich verstehe das einerseits, es ist nicht selbstverständlich, hier eine Sprache zu finden. Gut für die, die es können, aber in meiner Erfahrung gelingt das nicht allen. Und je länger man es nicht tut, desto schwieriger wird es. Aber wenn man sich nicht überwindet, egal, wie unangenehm es einem ist, wird sich halt nie etwas ändern.
Das Problem ist, dass es viel zu wenige Vorbilder dafür gibt, was weibliche Lust ist und wie sie aussieht. Ich kann mich an einen einzigen Film erinnern, der das Thema tatsächlich aus der Perspektive der Frau aufgreift, das war Meine Stunden mit Leo mit Emma Thompson. Den fand ich großartig.
In den allermeisten Filmszenen, in denen Sex gezeigt wird, ist es immer noch der Akt an sich, kurz, zackig, rein, raus und dann kommen beide explosiv. Aber dieses Bild kommt aus der Pornografie und entspricht ganz oft nicht der Realität. Nur wie soll man das wissen, wenn man nicht wirklich darüber spricht und wenn nie eine andere Art gezeigt wird?
Siller: Sex ist zudem viel mehr als nur dieser eine Akt. Er beginnt mit der Kommunikation, dem Umgang miteinander, dem Austausch. Ich weiß von Paaren, bei denen Reden fast schon wie ein Aphrodisiakum wirkt. Dann gilt es auszuprobieren, was Spaß macht und erregt, mit Fingern, Lippen, Zunge, undundund.
Dazu kommt, dass Orgasmus fast immer als dieser unglaubliche, oft explosive Höhepunkt dargestellt wird. Zumindest bei der Frau ist das aber viel zu eindimensional. Der Orgasmus kann ganz sanft und leise sein, man ist sich vielleicht nicht einmal sicher, ob es einer war und merkt es eher an dem schönen Gefühl, das nachhallt. Er kann kurz, laut und intensiv sein, er kann in Wellen verlaufen oder man kommt mehrmals hintereinander. Manche spüren ihn lokal, andere im ganzen Körper, bis unter die Schädeldecke. Und er kann jedes Mal anders sein. Es gibt nicht den einen weiblichen Orgasmus.
Diese Darstellung des einmaligen, absoluten Höhepunkts ist auch ein sehr männlicher Blick. Das führt aber dazu, dass Männer oft aufhören, wenn die Frau einmal gekommen ist. Dabei ist das manchmal erst der Anfang.
Kruckenhauser: Da ist wirklich die Frau gefragt. Sie muss kommunizieren, was sie braucht, was ihr gefällt, ob es fester oder sanfter sein soll. Apropos Intensität, das ist im Film auch ganz spannend. Ein erster Prototyp des Womanizers saugt total stark, nach dem Prinzip mehr ist immer besser. Aber ich weiß von vielen Frauen, dass dieses Prinzip für sie eher nicht stimmt. Oft ist es gerade die ganz sanfte Stimulation, die der Erregung erst die Möglichkeit gibt, zu entstehen und zu wachsen.
Siller: Bleiben wir noch kurz bei der Kommunikation. Die ist wirklich wichtig, weil man sich auch verkopfen kann und das Thema dann zerredet. Dadurch entsteht womöglich ein ziemlicher Druck. Ja, Lust entsteht nicht einfach, sie ist eine Entscheidung. Vor allem, wenn frau sich eben schwertut mit dem Höhepunkt. Aber es gilt, einen guten Mittelweg zwischen reden und ausprobieren zu finden.
Und es ist auch in Ordnung, wenn man einmal keinen Orgasmus hat. Wenn man es schafft, sich im Kopf die Erlaubnis zu geben, keinen Höhepunkt haben zu müssen, nimmt das Druck raus. Es gelingt leichter, wieder aus dem Kopf raus- und in den Körper hineinzugehen. Lust entsteht ja dann, wenn man sich hingeben kann. Und das will geübt und gepflegt werden.
Kruckenhauser: Das Gute am Womanizer ist, wenn man sich schwertut loszulassen, aus welchem Grund auch immer, oder wenn man Sex mit sich selbst haben will, damit funktioniert es garantiert. Das berichten im Grunde alle Frauen. Und das ist großartig. Aber es ist ein anderer Orgasmus als mit einem Gegenüber und lässt sich im Grunde nicht vergleichen. Es hat eben diesen recht technischen Aspekt. Ich lege mich hin oder stehe unter der Dusche oder wie auch immer, ich habe ein technisches Gerät, das die Arbeit erledigt und ich konsumiere.
Siller: Genau. Ich bin auch der Meinung, dass es großartig ist, dass wir das haben. Aber es schmälert die Notwendigkeit, sich auszutauschen, aufeinander einzugehen. Mir erzählen immer wieder Männer in der Beratung, dass ihre Partnerin, wenn sie beim gemeinsamen Liebesspiel kommen will, ihm regelmäßig den Vibrator in die Hand drückt. Daran ist ja nichts grundsätzlich Falsches, es gibt auch immer wieder Lebensphasen, in denen ein Hilfsmittel in der Paarbeziehung sehr praktisch ist.
Aber auf Dauer ist es etwas einseitig und es sorgt durchaus für Frustrationsmomente, auf beiden Seiten. Klar, reden und ausprobieren dauert länger und beinhaltet keine unmittelbare Erfolgsgarantie. Aber ich bin der Meinung, dass es sich immer auszahlt. (Gesprächsprotokoll: Pia Kruckenhauser, 25.7.2026)
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