hr bietet jüdischer Loge nach neuem Gutachten Gespräche an
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Streit um Grundstücksentschädigung hr bietet jüdischer Loge nach neuem Gutachten Gespräche an
Seit zwei Jahren streitet die B'nai B'rith-Loge mit dem Hessischen Rundfunk darüber, ob ein in der NS-Zeit enteignetes Grundstück vollständig entschädigt wurde. Ein neues Gutachten bringt nun Bewegung in den Konflikt. Der hr schlägt Gespräche mit einem neutralen Vermittler vor.
Daniel Neumann (links) vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden, Andrea Schneider-Braunberger (mitte), Geschäftsführerin der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte und Ralph Hofmann, Präsident der B’nai B’rith-Loge. Bild © hessenschau.de
"Die Schatten der Vergangenheit sind lang", sagt Daniel Neumann. Am Freitagvormittag steht der Vorsitzende des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen im holzvertäfelten Salon der B'nai B'rith-Loge im Frankfurter Westend. "Und gerade jetzt erreichen sie auch den Hessischen Rundfunk."
Bild © hr
Die jüdische Loge, ein vor allem karitativ tätiger Verein mit mehr als 100-jähriger Geschichte, hat erstmals zu einer Pressekonferenz eingeladen. Anlass ist ein seit rund zwei Jahren andauernder Streit mit dem Hessischen Rundfunk (hr). Es geht um ein in der NS-Zeit enteignetes Grundstück und die Frage, ob dieses nach dem Krieg vollständig entschädigt wurde.
2.000 Quadratmeter nicht berücksichtigt?
Seit gut zwei Jahren schwelt zwischen der Loge und der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt ein Konflikt, um ein ehemaliges Grundstück der Loge an der Eschersheimer Landstraße. 1936 war die Loge gedrängt worden, das 4.800 Quadratmeter große Areal unter Wert an den Reichsrundfunk zu verkaufen. Noch bevor der Verkauf jedoch realisiert werden konnte, wurden die jüdischen Logen verboten und ihr Eigentum enteignet.
"Es handelt sich ganz klar um einen Fall von Arisierung", sagt Andrea Schneider-Braunberger, Geschäftsführerin der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte. Sie hat die Geschichte des Grundstücks im Auftrag der B'nai B'rith-Loge untersucht. Nach dem Krieg sei das Gelände in den Jahren 1948/49 zunächst in die Treuhänderschaft des Landes Hessen übergegangen und schließlich an den hr gefallen.
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Bild © hr, Eberhard Krieger| zur Audio-Einzelseite
Im Jahr 1952 einigte sich der hr mit der Jewish Restitution Successor Organization (JRSO) im Restitutionsverfahren auf eine Zahlung von 160.000 D-Mark. Die Nachforschungen der B'nai-B'rith-Loge legen nun allerdings nahe, dass seinerzeit ein Flurstück von gut 2.000 Quadratmetern Größe nicht in die Berechnung dieses Verfahrens einbezogen worden sei. Ein Jahr später habe der hr - inzwischen an der Bertramswiese ansässig - das Grundstück als Teil eines größeren Grundstückspakets für einen Millionenbetrag weiterverkauft.
Über den Vorgang hatte als Erstes das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtet. Der hr widersprach den Darstellungen in dem Bericht.
Loge wirft hr "Hinhalten" vor
Die Erkenntnisse aus den eigenen Nachforschungen hat die Loge dem hr erstmals 2024 mitgeteilt. Seitdem sei das Verhalten des Unternehmens auf "Verzögerung" und "Hinhalten" ausgelegt gewesen, sagt Ralph Hofman, Präsident der B'nai B'rith-Loge. "Wir hatten zunächst gar nicht vorgehabt, an die Öffentlichkeit" zu gehen.
Zeichnung in den Räumen der B’nai B’rith-Loge. SIe zeigt das ehemalige Logengebäude an der Escherheimer Landstraße. Bild © hessenschau.de
Landesverbandschef Daniel Neumann hat aus Protest gegen den Umgang des hr mit der Angelegenheit kürzlich sein Aufsichtsratsmandat bei der hr werbung GmbH, einer Tochtergesellschaft des Senders, niedergelegt. "Die Zurückhaltung, die Zögerlichkeit, die Ausweichmanöver und die formal-juristischen Argumentationen, die da eine Rolle gespielt haben, waren weit von dem entfernt, was ich unter moralisch-historischer Verantwortung einer solchen Institution wie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk erwarten würde."
Neues Gutachten, neue Erkenntnisse
Tatsächlich hatte der hr noch Anfang September erklärt, dass eine interne Aufarbeitung des Sachverhalts sowie eine Untersuchung durch eine externe Kanzlei "keine Hinweise auf eine möglicherweise nicht ordnungsgemäße Restitution" ergeben hätten. Die Aufklärung werde zudem dadurch erschwert, dass dem hr bis heute nicht alle historischen Unterlagen zugänglich seien.
Am Freitagmorgen allerdings erklärte der Sender, dass ihm ein neues, "kurzfristig beauftragtes Gutachten" vorliege. Dieses nehme unter anderem auf ein historisches Dokument von 1951 Bezug, das dem hr nach eigenen Angaben erst im Zuge der "Spiegel"-Recherchen bekannt geworden sei. In dem neuen Gutachten bewerte eine vom hr beauftragte Kanzlei das historische Dokument als relevant. Es eröffne die Möglichkeit, dass "bei der damaligen Entschädigung möglicherweise unwissentlich ein Flurstück an der Eschersheimer Landstraße unberücksichtigt geblieben sein könnte".
Bisher habe die B'nai B'rith-Loge ihre seit 2024 geltend gemachten Ansprüche nicht rechtlich hinreichend begründen können, so der hr. Deshalb habe sich das Unternehmen gezwungen gesehen, entsprechende Forderungen zurückzuweisen. Der hr bedauere, dass ihm die nun vorliegenden Unterlagen nicht schon früher zugänglich gewesen seien, hieß es in der Mitteilung.
Der hr verwies zugleich auf die Maßnahmen, die er seit Bekanntwerden der Vorwürfe eingeleitet habe. Dazu zählten Gespräche mit den beteiligten Organisationen, Angebote für mehr Transparenz und eine gemeinsame historische Aufarbeitung sowie Vorschläge zur Förderung von Erinnerung und Gedenken.
Intendant schlägt neutralen Vermittler vor
"Der hr bietet jetzt erneut Gespräche unter der nun geänderten Sachlage an und schlägt auch die Hinzuziehung eines von beiden Seiten akzeptierten neutralen Vermittlers vor", erklärt hr-Intendant Florian Hager,. "Das Anliegen der Loge hat uns von Anfang an bewegt, denn lebendiges jüdisches Leben ist für unsere Gesellschaft von zentraler Bedeutung."
Der Hessische Rundfunk sei weiterhin bereit, sich seiner Geschichte zu stellen und auch schwierige Kapitel offen und verantwortungsvoll aufzuarbeiten, so Hager. Deshalb sei bereits im Juni 2026 eine unabhängige wissenschaftliche Studie in Auftrag gegeben worden, die die gesamte Gründungsphase der Rundfunkanstalt aufarbeiten und dabei auch die Frage von Eigentumsverhältnissen beleuchten soll. Mit der Studie wurde das Leibniz-Institut für Medienforschung/Hans-Bredow-Institut beauftragt.
Loge bleibt skeptisch
Das Angebot des hr wird bei der B'nai B'rith-Loge begrüßt - allerdings mit einer gewissen Skepsis. "Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben", sagt Daniel Neumann. Das Gesprächsangebot sei ein "erster Schritt", dem noch "viele weitere Schritte folgen" müssten.
"Die Loge ihrerseits ist bereit, auf den hr zuzugehen und ist jederzeit gesprächsbereit gewesen. Sie hat ein hohes Interesse an der Aufarbeitung der Geschichte und einer Verantwortungsübernahme durch den hr", so Neumann.