Ich aß einen Monat lang nur Fleisch – das passierte mit meinem Körper


Stand: 05.10.2026, 13:44 Uhr

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Der Stoffwechselwissenschaftler Nick Norwitz probierte die extreme Lion Diet aus – und fand heraus, warum die Regeln für gesunde Ernährung nicht für alle gleichermaßen gelten.

Bei einem flüchtigen Blick auf Nick Norwitz’ YouTube-Kanal oder seinen Instagram-Account – zusammen kommt er dort auf fast 1,5 Millionen Follower – könnte man ihn leicht für „nur einen weiteren Influencer“ halten. Seine Videos haben grelle Vorschaubilder mit spannenden Titeln wie „Was ich über Koffein gerne früher gewusst hätte“ und „Wie viel Schlaf brauchst du wirklich?“.

Content-Partnerschaft

Dieser Artikel von Ella Nunn entstand in Kooperation mit telegraph.co.uk.

Doch hinter diesen Vorschaubildern steckt ein Stoffwechselwissenschaftler, Forscher und Dozent mit einem PhD der Universität Oxford und einem Medizinstudium an der Harvard University. Warum also dieser ausgefallene Content?

Fleisch und Wurst

Zur Verfettung der Leberzellen kann auch der Verzehr von Wurst und Fleisch beitragen. Speck und Bratwurst sollten Sie deshalb lieber von Ihrem Speiseplan verbannen, da sie der Leber nicht gut tun. Setzen Sie stattdessen auf Huhn, Pute, Rind oder mageres Schweinefleisch. © Zoonar.com/monticello/IMAGO

„Diese Videos sind unglaublich effektive Lehrmittel“, erklärt Norwitz. „Wenn ich eines dieser Experimente mache, weckt das Interesse an der Wissenschaft und stößt eine breitere Diskussion an. Es geht niemals darum, dass die Leute mich nachahmen, sondern darum, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen und sie zu ermutigen, mehr zu lernen.“

Ein Monat auf der extremen Lion Diet

Unser Gespräch dreht sich um ein Experiment, das Norwitz im Sommer durchgeführt hat. Das dazugehörige YouTube-Video trägt den Titel „The strange science of eating only meat“.

Einen Monat lang hielt sich Norwitz an die Lion Diet – eine extreme Variante der Carnivore-Diät, populär gemacht von Mikhaila Peterson, der Tochter des Psychologen und Medienkommentators Jordan Peterson. Norwitz’ Ernährung bestand ausschließlich aus Muskelfleisch, tierischem Fett, Salz und Wasser. Am Ende des Monats hatte er weit über 45 Kilogramm Fleisch gegessen.

Am schwersten fiel ihm der Verzicht auf Meeresfrüchte und Kaffee, sagt er. „Aber der Alltag selbst war leicht. Ich aß viel Steak oder habe es durch den Wolf gedreht und zu Burgern verarbeitet. Es war lecker, und ich habe mich daran nicht wirklich überessen. In mancher Hinsicht war das Interessanteste an dem Experiment, wie uninteressant es eigentlich war.“

Was im Körper passierte

Überraschenderweise blieben seine Stuhlgewohnheiten normal, obwohl er einen messbaren Rückgang seiner Omega-3-Werte dokumentierte, höchstwahrscheinlich weil er keinen Fisch aß.

Norwitz hat in der Vergangenheit eine Reihe ähnlicher Ernährungstests durchgeführt. „Ich habe einmal ein Experiment gemacht, bei dem ich von einer weitgehend pflanzenbasierten ketogenen Ernährung, reich an Nüssen, Olivenöl und ungesättigten Fetten, auf eine fleischlastige Kost mit viel gesättigtem Fett und etwas mehr Kohlenhydraten umgestiegen bin.

Mein Cholesterin ist genau so gefallen, wie ich es erwartet hatte, weil ich die besondere Biologie kenne, die meine Cholesterinwerte beeinflusst – und weil Butter nicht der Schuldige ist.“

Eines seiner bekanntesten Experimente bestand darin, 720 Eier in 30 Tagen zu essen – im Schnitt 24 pro Tag –, um die Vorstellung zu hinterfragen, dass große Mengen an Nahrungs-Cholesterin unweigerlich zu einem dramatischen Anstieg des Blutcholesterins führen.

Eier, Fleisch und Cholesterin

Sein LDL- („schlechtes“) Cholesterin sank um 20 Prozent. Bedeutet das also, dass wir alle Fleisch und Eier essen können, ohne uns um unsere Herzgesundheit zu sorgen?

Studien haben einen höheren Konsum von rotem Fleisch – insbesondere verarbeitetem Fleisch – mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko in Verbindung gebracht, auch wenn der Beitrag von gesättigten Fettsäuren, Nahrungs-Cholesterin und anderen Inhaltsstoffen weiterhin diskutiert wird. Gesättigte Fette können das LDL-Cholesterin erhöhen, was zur Plaquebildung in den Arterien beiträgt und das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle steigert.

Norwitz betont jedoch, dass Ernährung weit nuancierter und individueller ist, als es die Ernährungswelt oft glauben machen will. „Manche Menschen halten eine Carnivore-Diät für die beste Ernährungsform für den Menschen, und ich möchte betonen, dass ich das nicht glaube – und ich denke auch nicht, dass jeder so essen sollte“, sagt er.

Gesättigtes Fett: Risiko oder Werkzeug?

„Trotzdem ist es keine Diät, die bisher tiefgehend erforscht wurde, und ich halte sie eher für ein Werkzeug – möglicherweise, um die Darmgesundheit zurückzusetzen oder Stoffwechselprobleme zu verbessern – als für eine Ernährungsreligion.“

Die negative Wirkung von Nahrungs-Cholesterin auf das Blutcholesterin werde oft übertrieben, sagt Norwitz. „Wenn du mehr Cholesterin isst, produziert deine Leber weniger – dein Körper ist gut darin zu kompensieren.“ Beim Thema gesättigte Fette sei die Lage jedoch deutlich kontroverser.

Norwitz räumt ein, dass gesättigte Fette das LDL-Cholesterin anheben können. Einer der Mechanismen besteht darin, dass sie die Zahl der LDL-Rezeptoren auf den Leberzellen verringern, sodass die Leber weniger LDL-Partikel aus dem Blutkreislauf entfernt.

Mehr als nur ein Nährstoff

Die Frage ist dann, wie bedeutsam dieser Anstieg des LDL-Cholesterins tatsächlich ist – und ob er sich in einem höheren Risiko für Herzkrankheiten niederschlägt. Norwitz verweist auf ein Review im Journal of the American College of Cardiology, dem zufolge sich die gesundheitlichen Effekte gesättigter Fette nicht einfach aus dem isolierten Nährstoff ableiten lassen: Entscheidend sind auch das Lebensmittel, in dem das Fett vorkommt, und die übrige Ernährung.

Das Review kam zu dem Schluss, dass vollfette Milchprodukte, unverarbeitetes Fleisch und dunkle Schokolade, obwohl sie das LDL-Cholesterin leicht anheben könnten, nicht konsistent mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes verbunden waren; die Belege stützten daher keine generelle Einschränkung dieser Lebensmittel.

Im Gegensatz dazu stammt das gesättigte Fett in ultra-verarbeiteten Lebensmitteln (UPFs) wie Keksen, Fertiggerichten und Chips typischerweise aus billigen raffinierten Ölen, die mit raffinierten Stärken und zugesetztem Zucker kombiniert sind. Diese Mischung kann das LDL-Cholesterin erhöhen und wurde zudem mit einer schlechteren Stoffwechselgesundheit in Verbindung gebracht.

Wenn Biologie die Ernährungsregeln sprengt

Während also die Quelle des verzehrten gesättigten Fetts ein Teil des Puzzles ist, könnte laut Norwitz der individuelle Stoffwechsel und die Biologie eines Menschen noch wichtiger sein. Er verweist auf eine kürzlich in Cell Metabolism veröffentlichte randomisierte kontrollierte Studie, in der eine kohlenhydratarme ketogene Diät mit einer mediterranen und einer fettarmen, pflanzenbasierten Ernährung verglichen wurde.

Von 55 ursprünglich randomisierten Teilnehmenden schlossen 42 die Studie ab; alle litten an metabolisch ungesunder Adipositas, und jede Diät war auf einen Gewichtsverlust von rund 10 Prozent ausgelegt.

Die Teilnehmenden der ketogenen Gruppe aßen etwa Wurst, Speck und Eier zum Frühstück, während jene in der fettarmen, pflanzenbasierten Gruppe Haferflocken und Obst bekamen. Obwohl die ketogene Diät 46-mal mehr Nahrungs-Cholesterin und siebenmal mehr gesättigte Fette enthielt als die pflanzenbasierte Ernährung, unterschieden sich die LDL-Werte zwischen den drei Gruppen nicht signifikant. Zudem verzeichneten die Personen in der ketogenen Gruppe die größten Verbesserungen bei Leberfett, hepatischer Insulinsensitivität, Remission von Prädiabetes und täglichen Blutzuckerwerten.

Der Einfluss des Körpergewichts

Aus Norwitz’ Sicht zeigt dies, dass der Body-Mass-Index (BMI) im Kontext einer kohlenhydratarmen Ernährung einen wesentlich stärkeren Einfluss auf das LDL-Cholesterin hat als die Zufuhr gesättigter Fette. Die Metaanalyse seines Teams von 41 randomisierten kontrollierten Studien ergab ebenfalls, dass bei Menschen mit Low-Carb-Diäten der Ausgangs-BMI eng mit Veränderungen des LDL-Cholesterins verknüpft war, während die Aufnahme gesättigter Fette es nicht war.

Umgekehrt konzentrierten sich deutliche Anstiege des LDL-Cholesterins auf Menschen mit niedrigerem BMI. „Je schlanker Menschen sind, desto stärker steigt ihr LDL auf einer Low-Carb-Diät tendenziell an“, sagt Norwitz. „Das Ironische ist: Die Leute zeigen mit dem Finger auf die Butter, dabei ist der Waschbrettbauch schuld.“ Eine mögliche Erklärung dafür sei ein biologisches Konzept namens Lipid-Energie-Modell.

Wenn Kohlenhydrate stark eingeschränkt werden, könnte die Leber vermehrt triglyceridreiche Partikel aussenden, um Fett im Körper zu transportieren. Da schlanke, insulinempfindliche Menschen diese fettbasierte Energie besonders effizient nutzen, werden diese Partikel schnell entleert, was letztlich zu einer höheren Konzentration von LDL-Partikeln im Blutkreislauf führt.

Das Oreo-Paradox

Mit einem BMI von nur 21 und wenig Körperfett gehört Norwitz selbst zu dieser schlanken, insulinempfindlichen Gruppe. In einem seiner beliebtesten Experimente demonstrierte er, wie individuell Ernährung wirken kann. 16 Tage lang aß Norwitz täglich 12 Oreos, während er ansonsten seine übliche ketogene Ernährung beibehielt. Angesichts dieses deutlichen Anstiegs an raffinierten Kohlenhydraten hätte man logischerweise erwarten können, dass sein LDL-Cholesterin steigt.

Stattdessen fiel sein LDL-Wert um 71 Prozent – ein stärkerer Rückgang als jener, den er später während einer sechswöchigen Hochdosis-Statintherapie beobachtete. Die Ergebnisse veröffentlichte er als Medizinstudent an der Harvard University gemeinsam mit Prof. William Cromwell, einem klinischen Lipidologen.

Der Punkt sei natürlich nicht, dass Oreos den Cholesterinspiegel senken oder Statine überflüssig machen würden. Vielmehr, sagt Norwitz: „Das Experiment sollte zeigen, dass man Erstaunliches erreichen kann, wenn man seine eigene Biologie versteht. Jeder von uns weicht in irgendeiner Weise vom Durchschnitt ab und ist in bestimmter Hinsicht ein Ausreißer.“

Wie viel helfen allgemeine Ernährungsregeln?

Seine Botschaft lautet nicht, dass ketogene oder Carnivore-Diäten für alle geeignet sind oder dass man gesättigte Fette und LDL-Cholesterin einfach ignorieren kann. Stattdessen ist er überzeugt, dass wir über pauschale Regeln zu einzelnen Nährstoffen hinausblicken und betrachten müssen, wie der Stoffwechsel einer Person auf ihre Ernährung als Ganzes reagiert.

Unabhängig davon, wodurch ein individueller Anstieg des LDL-Cholesterins verursacht wird, bleibt ein erhöhter LDL-Wert ein etablierter Risikofaktor für atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Frage ist, wie dieses Risiko zu bewerten ist, wenn LDL im Rahmen einer kohlenhydratarmen Diät und ansonsten günstiger Stoffwechselmarker steigt.

„Das eigentliche Ziel ist, zu erkennen, dass dein Leben eine Reihe von Experimenten sein kann – und deinen Lebensstil durch die Brille des wissenschaftlichen Prozesses zu betrachten“, sagt Norwitz. Wer seinen Cholesterinspiegel senken oder abnehmen möchte, solle die verfügbaren Optionen recherchieren, eine konkrete Veränderung wählen, das Ergebnis messen und beurteilen, ob es funktioniert hat.

Insulinresistenz erkennen und verbessern

Herauszufinden, ob eine Insulinresistenz vorliegt, sei ein sinnvoller erster Schritt, sagt Norwitz. Das Verhältnis von Triglyceriden zu HDL könne Hinweise darauf liefern, sei jedoch kein diagnostischer Test und es gebe keinen einheitlich akzeptierten Schwellenwert. Wer sich um seine Stoffwechselgesundheit sorgt, kann diese gemeinsam mit Werten wie Blutzucker, HbA1c, Blutdruck und Taillenumfang von der Hausärztin oder dem Hausarzt beurteilen lassen.

Einer der einfachsten Wege, eine Insulinresistenz zu verbessern, besteht laut Norwitz darin, raffinierte Kohlenhydrate und Zucker zu reduzieren. Idealerweise sollte all dies unter Anleitung und Aufsicht einer Ärztin oder eines Arztes geschehen, fügt er hinzu. „Es ist ihre Aufgabe, bei sicherem Ausprobieren zu helfen – aber am Ende liegt es in der Verantwortung der Patientinnen und Patienten, die Kontrolle über ihre eigene gesundheitliche Entwicklung zu übernehmen.“

Letztlich werfen die Experimente von Norwitz eine Frage auf, die weit komplexer ist, als ob Fleisch, Eier oder gesättigte Fette an sich „gut“ oder „schlecht“ für Cholesterin und Herz sind: Wie sehr sollten wir uns auf allgemeine Ernährungsempfehlungen für die Bevölkerung verlassen, wenn unsere individuellen Reaktionen derart drastisch variieren können? Weitere Informationen über Nick Norwitz und seine Arbeit finden Sie unter nicknorwitz.com