Im Garten des Unbehagens und am Dancefloor bei Impulstanz


Spezial

Im Garten des Unbehagens und am Dancefloor bei Impulstanz

Grace Tjang von der Brüsseler Needcompany sucht nach verlorenen Erinnerungen in "The Garden of Earthly Disquiet". Anderes lädt ein, selber zu tanzen

Pia Pilsbacher

Eine Frau steht in einer künstlerischen Bühneninstallation mit Projektionen von Pflanzen, Mustern und einem Hirsch. Glaswände, durchscheinende Stoffe und Lichteffekte erzeugen eine surreale Atmosphäre.
"The Garden of Earthly Disquiet" von Grace Tjang handelt vom Schmerz Indonesiens.

Wie geht man um mit einer Rastlosigkeit, die sich in seiner ganzen Herkunftsgeschichte festgeschrieben hat? Grace Tjang wurde im indonesischen Surabaya geboren, einer Stadt, die unter niederländischem und britischem Kolonialismus gelitten hatte, schließlich von Japan besetzt und ab 1945 zum Brandherd der Befreiung Indonesiens wurde. In ihrer jüngsten Arbeit The Garden of Earthly Disquiet übersetzt die Choreografin den Schmerz mehrerer Generationen und eines ganzen Landes in eine ätherische Performance, die jetzt bei Impulstanz als österreichische Erstaufführung zu sehen sein wird.

Bekannt ist Grace Tjang eigentlich als Grace Ellen Barkey – für ihre jüngeren Arbeiten nahm sie jedoch den Nachnamen ihrer Großmutter an. Damit entschied sie sich, zumindest an sich selbst einen Akt der Dekolonialisierung vorzunehmen und zugleich die eigene Familiengeschichte zu honorieren.

Ausgebildet zur Tänzerin und Schauspielerin an der Theaterschule von Amsterdam, lebt und arbeitet sie heute in Brüssel, 1986 gründete sie zusammen unter anderem mit Jan Lauwers die Needcompany. Als transdisziplinäre Künstlerin bewegt sie sich in ihrem Œuvre an der Schnittstelle zwischen Tanz, Theater, Performance und visueller Kunst. Mit ihren Werken war sie bereits wiederholt bei Impulstanz zu Gast oder in musealen Kontexten wie dem Wiener Mumok zu sehen. Frei nach Frank Zappas "To me, absurdity is the only reality" erschafft sie in ihren Arbeiten absurde Welten, die sich entweder durch Mangel oder Überfluss in stetem Ungleichgewicht befinden.

"Vergessene Erinnerungen"

Clowneske, anthropomorphe Figuren verkörpern Melancholie oder Humor, groteske Übertreibungen nehmen Form an. So auch in The Garden of Earthly Disquiet, wo Tjang sogenannte "vergessene Erinnerungen" zum Leben erweckt. Sie schickt ihre Performerinnen und Performer auf die Suche nach dem Ursprung von Emotionen wie Schmerz und Trauer, aber auch nach Trost und der Freude an Nähe und Zusammensein – eine zugleich "herzzerreißende wie herzerwärmende“ Reise.

Das Vergessen wird zu einem bewussten Akt, der die Realität erträglicher machen soll: Eine fantastische und zugleich düstere Welt dient als Kulisse für eine gewaltvolle Geschichte, in der Familien auseinandergerissen werden. Mit illusionistischen Darstellungen grenzt Grace Tjang sich gewissermaßen von höchstpersönlichen Gegebenheiten ab: Beide ihrer Elternteile wurden als Kinder von ihren Müttern getrennt. Live-Musik von Aya Suzuki, die an indonesische Traditionen anknüpft, begleitet die Darstellenden durch einen hypnotisierenden Tanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Tipp: Spannende Einblicke in die Arbeitsweise der berühmten Needcompany bietet das "Needlabp", einmalig am 24. Juli, 19 Ohr, im Odeon. (Caroline Schluge)

Freestyle Dance Contest im Arsenal

Eine tanzende Person führt während des
Der Impulstanz Freestyle Dance Contest ist offen für alle Stile, Altersgruppen, Fähigkeitsstufen.

Hier entwickelt sich Bewegung aus dem Moment und vor einer Vielfalt an tänzerischen Hintergründen: Beim Freestyle Dance Contest am 25. Juli steht die Bühne weit offen für Personen aller Stile, Altersgruppen und Fähigkeitsstufen, die zu Musik improvisieren wollen. DJ Worst Messiah stellt die musikalische Flexibilität jener auf die Probe, die den Wettbewerb wagen.

Choreograf und Performer Storm, seit Jahrzehnten zentrale Figur der Urban-Dance-Szene, führt bereits seit 2015 voller Charisma und Energie durch den Contest. Über den Sieg entscheidet eine glänzende Jury: LaTasha Barnes, Farah Deen und Jassem Hindi. Sie leiten beim diesjährigen Festival selbst Workshops zu Disziplinen von House bis Jazz.

Die kreativste und überzeugendste Performance wird mit einer Residency beim Impulstanz-Festival des kommenden Jahres belohnt. Inbegriffen sind eine Woche Zugang zu einem Studio, Unterkunft in Wien sowie Performance-Tickets und Workshops. Zur Teilnahme kann man sich seit dieser Woche registrieren. Wer stattdessen lieber zuschauen möchte, sollte bereits vor dem offiziellen Start um 20.15 Uhr beim Arsenal sein, denn der Einlass folgt, gegen eine freie Spende, dem First-come-first-serve-Prinzip. (Pia Pilsbacher)

Alles tanzt bei Partys

Weil es so etwas wie eine Überdosis Wien-Charme gar nicht gibt, ist es nur konsequent, dass der Indie-Musiker fiio seine von der Hauptstadt geprägte Musik in eines ihrer repräsentativsten Gebäude bringt: Am 23. Juli kommt der junge Songwriter zur Festival Lounge im Vestibül des Burgtheaters. Seine Texte feiern den urbanen Lifestyle seiner Generation. Das geht nicht ohne Augenzwinkern, aber immer ins Ohr.

Ein Mann in dunkler Kleidung mit roten Akzentlinien hält einen glänzenden antiken Helm mit rotem Kamm in den Händen. Der Hintergrund ist schlicht blau-grau.
Indie-Musiker fiio feiert den urbanen Lifestyle seiner Generation.

Mit eingängigen Bläserarrangements und mitreißenden Rhythmen bringen Katatropic im Rahmen der Party-Schiene Soçial am 27.7. frische Energie auf die Bühne, die man anderswo in Wien vergeblich sucht. Das achtköpfige Ensemble serviert Tanzwilligen musikalisch alles von Afrobeat bis Jazz. Die softeren Seiten des Rap lassen sich am 30.7. mit bac erkunden: Seine einprägsamen Popmelodien klingen vom Klavier, die Lyrics handeln etwa von ersten Dates oder Selbstzweifeln. Der Sound des gebürtigen Äthiopiers, der in Kärnten aufgewachsen ist, bleibt trotzdem unbeschwert und bringt Abwechslung in die Szene.

Zum Abschluss kommt die Impulstanz-Partysaison traditionell mit einer Feier, dieses Jahr erstmals im Arkadenhof des Rathauses. Am 7.8. werden bei "the biggest expressions ever’26" die Ergebnisse der Workshops des vergangenen Monats gezeigt, im Anschluss wird gefeiert. Das DJ-Line-up setzt sich aus Personen zusammen, die das Festival auch mit ihren Workshops und Public-Moves-Klassen geprägt haben: DJ Sora ist spezialisiert auf House und Clubmusik, Awir Leon und Stéphane Peeps bringen den Dancefloor mit Hip-Hop-Einflüssen in Bewegung.

Da die Public Moves bei diesem Festival ihr zehnjähriges Bestehen feiern, bekommen die kostenfreien Tanzklassen im öffentlichen Raum am 8.8. zusätzlich ein gebührendes Geburtstagsfest. Zehn Kurse laden zum Mittanzen ein, anmelden kann man sich dafür ab 1.8. – auch Publikum ist willkommen. (Pia Pilsbacher, 20.7.2026)

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