In Erinnerung an Boris Marte


Andreas Treichl

In Erinnerung an Boris Marte

Boris Marte prägte Österreichs Kultur- und Stiftungslandschaft wie wenige andere. Er verband Erinnerungskultur, Kunst, Bildung und gesellschaftliches Engagement mit einer unerschöpflichen Lust am Gestalten. Andreas Treichl erinnert an einen langjährigen Weggefährten, Ideengeber und engen Freund

Kommentar der anderen

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Andreas Treichl

Ein Mann mit grauem Haar und Brille spricht in ein Mikrofon. Er trägt ein helles Hemd und ein dunkles Sakko. Der Hintergrund ist neutral und unscharf.
Boris Marte im Mai 2025 im Rahmen der Wiener Festwochen anlässlich der "Rede an Europa". Marte, 1964 geboren, verstarb diese Woche.

Der 13. Mai war dieses Jahr ein schöner und recht warmer Frühlingstag. Hunderte Menschen waren bereits seit mehr als einer Stunde am Wiener Judenplatz und begannen zu tuscheln, als die liberale Intellektuelle Anne Applebaum ihre "Rede an Europa" beendet hatte. Da betrat Boris nochmals die Bühne. Er nahm Bezug auf Applebaums Rede, nur mit ein paar Sätzen, und dann atmete er tief und hörbar ein und aus, er tat es ein zweites und ein drittes Mal und seine Hände deuteten: Macht mit, macht es mir nach, atmet mit mir.

Es folgten ihm nicht viele und er stieg ein wenig traurig wieder von der Bühne.

Er wusste an diesem Tag, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit sein letzter Auftritt bei einer "Rede an Europa" am Judenplatz sein würde. Seine "Rede an Europa" konzipierte Boris im Jahr 2018 und begann sie am Europatag 2019, der Historiker Timothy Snyder war der erste Redner. Boris gestaltete sie speziell für den Judenplatz und das Mahnmal, das es in dieser Form ohne Boris nicht geben würde. Es war Boris Marte, der das von Simon Wiesenthal initiierte und von Rachel Whiteread gestaltete Mahnmal in der entscheidenden Phase von 1998 bis 2000 umsetzte. Er war damals der Kabinettchef des Wiener Kulturstadtrats Peter Marboe. Boris bestand darauf, die Erinnerung an die Shoa mit der Geschichte der Judenverfolgung in Wien zu verknüpfen, ohne die Singularität der Shoa damit herabzuwürdigen. Daher die Verbindung des Mahnmals mit den Ausgrabungen.

Ein Platz für die Erinnerung

Boris hatte sich schon viele Jahre zuvor intensiv mit Erinnerungspolitik und der österreichischen NS-Vergangenheit beschäftigt. Er wollte nicht noch einen Ort der verordneten Erinnerung schaffen, sondern einen Platz für die Erinnerung von unten und von innen, aus den Menschen heraus. Es gelang ihm, trotz großer Widerstände, das Projekt umzusetzen. 18 Jahre später schaffte er es, durch die "Rede an Europa" die Erinnerung an den Holocaust mit der Verantwortung jetziger Generationen für die Zukunft Europas und seiner Werte zu verbinden. Und heuer, als er nach Anne Applebaum am Judenplatz auf der Bühne stand, wollte er uns daran erinnern. Sein tiefes Atmen war für ihn wie eine Erlösung: Wenn wir aus der Geschichte lernen, können wir ein wunderbares, friedliches Europa schaffen.

Ein Mann mit Brille und Mikrofon in der Hand steht lächelnd vor einem großen Globus und einer farbigen Wand. Er trägt ein weißes Hemd und ein Namensschild.
Boris Marte hatte die seltene Fähigkeit, aus Ideen Wirklichkeit werden zu lassen – und dabei stets die Gesellschaft im Blick zu behalten.

Boris dachte tief und breit, er forschte weit zurück und träumte und plante weit nach vorne. Anfang der 1990er-Jahre ging in die Politik, in die er über den damaligen ÖVP-Obmann und Vizekanzler Erhard Busek immer tiefer eintauchte. Boris’ Glaube an die Zukunft eines gemeinsamen Europas und seine Lust darauf, es zu gestalten, hat hier sicher einen Förderer gefunden. Sein Interesse an Bildung, Forschung und Wissenschaft – die Ministerien, die Busek verantwortete – ist seit damals immer nur noch größer geworden. Nach seiner Zeit in der Bundespolitik, arbeitete er eng mit Peter Marboe in der Wiener Stadtregierung zusammen. Über die Jahre wurde Boris zu einer ganz wichtigen Persönlichkeit im Kulturleben.

Es wurde mehr daraus

Das war auch der Grund dafür, dass ich ihn vor 25 Jahren in unsere Gruppe holte. Wir hatten gerade die größten Banken in Tschechien und der Slowakei gekauft und ich suchte jemanden für unser Konzernsponsoring. Weil Boris eben Boris war, wurde sehr bald klar, dass viel mehr daraus werden würde – und so kam es. 2002 gründete Boris unser Netzwerk aus freien Galerien in Zentral- und Osteuropa, "tranzit"; 2003 gründeten wir die ERSTE Stiftung, 2004 die Kunst-Sammlung "Kontakt", 2006 die Zweite Sparkasse.

2007 begannen wir ein wunderbares Projekt der Stadterneuerung auf den Gründen des Südbahnhofs, mit Museen, Markthallen und Konzertsälen. Geschuldet der Finanzkrise und dem Desinteresse der Gemeinde Wien blieb davon nur der Campus, aber auch der erfüllt uns heute mit großer Freude – und es gäbe ihn in dieser einzigartigen, offenen Form nicht ohne Boris Marte. Genauso wenig wie es ohne ihn George gäbe, die mittlerweile erfolgreichste digitale Plattform in Mitteleuropa, oder das FLIP, unseren Zugang, Jugendlichen Wissen über Wirtschaft und Finanzen spielerisch zu vermitteln. So gibt es praktisch nichts, was diese Gruppe so anders macht als alle anderen, das nicht auch die Handschrift von Boris trägt.

Gleichzeitig und nebeneinander

Boris arbeitete für die Bank und die Stiftung, manchmal hintereinander, aber meistens gleichzeitig und nebeneinander. Seine Kenntnis und seine Euphorie brachte er auch in verschiedenen Kultur-Gremien ein. Und natürlich setzte er gemeinsam mit seiner Frau alle Hebel in Bewegung, damit an der seltenen Blutarmut, von der auch ihre Kinder betroffen sind, intensiver – und mit deutlichen Fortschritten – geforscht wird.

Nur ganz selten gab es Momente, in denen man ihm Erschöpfung oder Müdigkeit ansah oder sie aus seinen Worten erspüren konnte. Er wischte sich selber mit neuen Ideen die Müdigkeit aus den Augen und er war immer für alle da. Und er hatte immer neue Ideen. Sie gingen ihm nie aus.

Kämpfen für eine Gesellschaft

Das, was ihn so besonders machte, war, dass er in all seinen Funktionen immer für die Gesellschaft, für eine freie, demokratische und starke Zivilgesellschaft, für Bildung und Inklusion, dachte und wirkte. Er hatte eine unbeugsame Haltung und kämpfte für eine Gesellschaft, von der wir leider weit entfernt sind.

Jetzt ist er nicht mehr da, für seine Familie nicht, für seine Freunde nicht, für die ERSTE Stiftung nicht, für die Erste Group nicht und für mich nicht, mit dem er mehr als die Hälfte seines Erwachsenenlebens gearbeitet, gelacht, geflucht, gesponnen und gejubelt hat.

Er ist nicht mehr da, aber er hat uns so viel hinterlassen, dass er für immer unter uns bleiben wird. (Andreas Treichl, 7.10.2026)

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