Welche Stoffe bei Hitze wirklich kühlen – Tipps vom Textilforscher
Interview
«Fürs Büro ist ein Woll-Shirt eine gute Wahl»: Ein Textilforscher über die optimale Kleidung bei Hitze
Seide gaukelt eine kühlende Wirkung nur vor. Polyester kann den Schweiss grossflächig verteilen und dem Körper so beim Kühlen helfen. Der Materialforscher René Rossi erklärt, mit welchen Stoffen wir am besten durch heisse Tage und warme Nächte kommen.
06.08.2026, 08.02 Uhr
7 Leseminuten

«Man kann auch ein T-Shirt mit Wasser benetzen. Dann hat man eine schöne Verdunstungskühle», sagt der Fachmann.
Getty
Während des Videogesprächs sitzt René Rossi in seinem Büro und trägt ein graues Poloshirt. Der Professor an der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) untersucht seit Jahrzehnten Textilien für viel zu heisse Tage und schweisstreibende Aktivitäten. Er erklärt, welche Materialien helfen, den Sommer im Büro, beim Sport und in der Nacht bestmöglich zu überstehen.
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Herr Rossi, sehe ich richtig, dass Sie heute ein Baumwoll-T-Shirt tragen?
Ja, das ist so.

René Rossi
PD
Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Aus unseren Hautzellen gelangt ständig Wasserdampf an die Oberfläche. Das kühlt den Körper. Aber wenn der Wasserdampf auf der Haut kondensiert, wird es unangenehm.
Dann haben wir Schweisstropfen auf der Haut.
Genau. Baumwolle speichert diese Feuchtigkeit ganz gut. Dadurch fühlt sich die Haut trocken an. Wolle wäre aber noch besser.
Das freut mich. Ich trage heute ein T-Shirt aus Merino-Wolle. Warum ist das die bessere Wahl als Ihr Baumwoll-T-Shirt?
Die Feuchtigkeit sollte ins Innere der Faser eindringen, und das funktioniert bei Wolle besser. Deshalb bilden sich bei Baumwolle schneller nasse Flecken als bei Wolle. Und deshalb stinken Woll-Shirts nicht. Bakterien ernähren sich nämlich von verschiedenen Komponenten im Schweiss und produzieren Geruchsstoffe, die wir als unangenehm empfinden. Sie kommen aber bei Wolle nicht an den Schweiss, weil der im Inneren der Faser eingeschlossen ist. Fürs Büro ist ein Woll-T-Shirt deshalb eine gute Wahl. Allerdings sollten Sie Ihr Merino-Shirt nicht beim Joggen anziehen.
Wieso nicht?
Dann hätten Sie keine Verdunstungskühlung, bis die Wollfasern mit Feuchtigkeit gesättigt – also nassgeschwitzt – sind.
Wenn der Schweiss verdunstet, wird der Haut Wärme entzogen. Sie kühlt ab – und die Körpertemperatur bleibt in einem ungefährlichen Bereich. Wie kritisch ist es, wenn das beim Sport nicht gelingt?
Während wir hier sitzen, produziert unser Körper etwa 100 Watt Wärme. Ein Marathonläufer produziert rund 1000 Watt. Seine Körperkerntemperatur steigt so stark, dass ihm ein Hitzeschlag droht, wenn er die Wärme nicht abgeben kann. Und das gelingt eben am besten durch Verdunstung des Schweisses.
Sollte man beim Sport deshalb ganz auf Textilien verzichten, die Schweiss in die Fasern aufnehmen?
Es gibt Sportarten, bei denen ein Gemisch aus Wolle und Polyester gut funktioniert. Dazu gehört gemächliches Wandern in den Bergen. Da schwitzt man ein wenig, braucht diesen Schweiss aber nicht unbedingt, um den Körper herunterzukühlen. Finger weg aber von Wolle oder auch Baumwolle bei sehr schweisstreibenden Sportarten.
Welches Material wäre da empfehlenswert?
Das sind Materialien, die Feuchtigkeit nicht aufnehmen, sondern auf der Haut verteilen – damit wir auf einer möglichst grossen Fläche von der Verdunstungskühlung profitieren. Denn die Schweissdrüsen sind nicht gleichmässig verteilt. An manchen Stellen schwitzen wir stark, an anderen kaum. Diese Schweissverteilung ermöglichen synthetische Fasern, zum Beispiel Polyester. Im Gegensatz zu Naturfasern nimmt Polyester den Schweiss nicht in die Fasern auf.
Sprechen Sie von einem gewöhnlichen Funktionsshirt, wie es viele Leute beim Sport tragen?
Nein. Das sind Unterhemden, die man unter einem Sport-Shirt trägt. Ihr Garn besteht aus sehr vielen feinen Fasern. Dann gibt es nämlich eine sehr grosse Anzahl an sogenannten Kapillaren zwischen den Fasern. Sie brauchen wir, um Feuchtigkeit optimal zu verteilen. Ausserdem liegen diese Textilien eng an, und sie müssen sehr dünn sein, so wie eine zweite Haut.
Warum?
Der Schweiss wandert an die Oberfläche des Textils. Dadurch verdunstet die Flüssigkeit mit einer gewissen Distanz zur Haut. Ist der Stoff zu dick, kühlt die Verdunstung eher die Umgebung als die Haut.
Sollte man so ein ganz dünnes, schweissverteilendes Shirt am besten immer im Sommer tragen? Schliesslich heizt sich der Körper bei über 30 Grad Celsius Aussentemperatur nicht nur beim Sport auf.
Das kann man tun. Man kann auch eine alltagstaugliche, schönere Schicht darüber tragen. Nur haben wir dann das Problem, dass die meisten Menschen sich nicht wohlfühlen werden. Ihr Körper wird zwar gekühlt, aber sie fühlen sich nicht so. Unter anderem, weil das hautenge Shirt einen gewissen Schutz vor Wind bietet. Man merkt in diesem Shirt viel weniger vom Fächer oder Ventilator.
Na und? Man ist ja bestmöglich gekühlt.
Aber die Haut kann uns falsche Informationen vermitteln. Es gibt verschiedene Formen des Komforts, und die beeinflussen sich teilweise negativ.
Was meinen Sie damit?
Es kann sein, dass man mit der Verdunstungskühlung bestens gekühlt wäre. Dann wäre der thermische Komfort optimal. Wenn sich aber das T-Shirt bewegt und wir dadurch Flüssigkeit auf der Haut spüren, haben wir im hautsensorischen Komfort ein Problem. Schweiss zu spüren, ist eben unangenehm. Darüber hinaus gibt es den psychologischen Komfort. Ein schweissverteilendes Shirt kühlt zwar, vielleicht findet man es aber nicht schön. In dem Fall hat man auch ein Problem. Dann trägt man lieber wie ich ein Baumwoll-Shirt, das thermophysiologisch nicht optimal ist, wenn man stark schwitzt.
Aber immerhin hat man nicht direkt nasse Flecken, wenn man schwitzt.
Wir opfern den thermischen Komfort, damit wir den psychologischen Komfort haben. Das ist okay. Im Alltag ist es bei den meisten Leuten nicht lebenswichtig, dass sie ihren Körper so stark wie möglich kühlen. Aber wer zu einer vulnerablen Gruppe gehört, also zum Beispiel etwas älter ist, kann eher überhitzen. Man müsste ältere Leute wirklich dazu bringen, dass sie ihre Verdunstungskühlung optimieren.
Also sollten ältere Menschen bei grosser Hitze zu Hause schweissverteilende Sport-Shirts tragen?
Es geht auch anders. Sie könnten Tücher mit Wasser benetzen und auf den Nacken legen. Man kann auch ein T-Shirt mit Wasser benetzen, bevor man in die Hitze geht. Dann hat man sofort eine schöne Verdunstungskühlung.
Haben Sie auch einen Tipp für einen Schlafanzug, um möglichst gut durch viel zu warme Nächte zu kommen?
Zunächst muss man sich überlegen: Wird man flüssig schwitzen? Am Anfang der Nacht ist das wahrscheinlich noch nicht der Fall. Eine Naturfaser wie Baumwolle kann in dieser Phase angenehm sein, weil sie eine gewisse Menge an Feuchtigkeit aufnimmt und dadurch für ein angenehm trockenes Gefühl sorgt. Aber irgendwann in der Nacht wird man womöglich doch flüssig schwitzen. Deshalb wäre eine clevere Materialmischung aus Polyester und einem Naturstoff gut. Bei der Wahl des Schlafanzugs sollte man aber auch berücksichtigen, ob man einen Ventilator hat.
Warum?
Hat man eine Luftbewegung im Zimmer, dann kann man einen Pyjama tragen, der eher luftig ist. So unterstützt man den Luftaustausch. Die warme Luft auf der Haut kann dann wegtransportiert werden. Wenn man überhaupt keine Luftbewegung hat und weiss, dass man flüssig schwitzen wird, könnte man ein Shirt tragen, das den Schweiss auf der Haut verteilt. So hätte man ein Optimum an Verdunstungskühlung.
Viele Menschen schwören nachts – aber auch am Tag – auf Seide.
Seide kühlt zwar nicht, hinterlässt aber ein kühlendes Gefühl. Es ist ein sehr feines Material mit einer glatten Oberfläche. Solche Materialien fühlen sich kalt an, wenn sie sich bewegen und die Haut immer wieder erneut berühren. Aber das hat etwas mit der thermischen Trägheit zu tun und nicht mit der Kühlwirkung.
Das müssen Sie erklären.
Wenn wir ein Metall bei 20 Grad Celsius anfassen, dann fühlt es sich kalt an. Ein Holzstück fühlt sich bei derselben Temperatur warm an. Dieser erste Kontakt sagt uns nicht, ob das Material kühlt oder wärmt. Er sagt einfach, wie viel Wärme direkt von dem Material wegtransportiert wird. Aufgrund dieser sogenannten thermischen Trägheit empfinden viele Menschen einen luftigen Seidenkimono als angenehm.
Gibt es nichts Besseres? Es müsste doch ein Material geben, das die Hitze von aussen abhält und die Wärme wegtransportiert, die unser Körper produziert.
Dafür muss man die kurzwelligen Infrarotstrahlen der Sonne davon abhalten, durch die Kleidung zu gelangen. Gleichzeitig müssen die langen Infrarotstrahlen aus dem Körper hinausbefördert werden. Da gibt es gewisse Konzepte. Aber sie sind momentan eher auf akademischer Stufe.
Ich habe eine Studie zu Seide gelesen, die auf Nano-Ebene verarbeitet wurde, um das zu erreichen. Unter dem Textil war eine Platte. Diese Platte sollte die Haut simulieren. Trotz sehr warmer Aussentemperatur blieb die Hautplatte unter der Nano-Seide recht kühl. Aber mir ist aufgefallen: Schweiss war gar kein Thema bei diesem Versuch.
Das ist meine grosse Kritik an solchen Studien. Man kann ja ein Textil extrem eng stricken. Dann hat man kaum Poren und kann die Infrarotstrahlen der Sonne abhalten. Aber wie soll man die Feuchtigkeit von der Haut wegbringen? Das funktioniert, wenn das Textil Löcher hat. Allerdings gehen dann auch die wärmenden Infrarotstrahlen der Sonne durch.
So ein Ärger. Es könnte sich also recht unangenehm unter der Nano-Seide anfühlen. Wird man es irgendwann einmal schaffen, dieses Problem zu lösen und das perfekte Kleidungsstück für den Sommer zu kreieren?
Ich arbeite jetzt seit 35 Jahren an diesem Thema. Man brauchte dafür als Materialform anstatt eines gewebten Stoffs eine Folie mit Nano-Strukturen. Momentan können wir daraus keine komfortable Kleidung herstellen. Ausserdem würde uns bei solchen Materialien das angenehme Gefühl des Luftaustauschs fehlen. Wie soll man denn mit einer porenlosen Struktur dieselbe Luftdurchlässigkeit erreichen wie mit einer porösen Struktur, die ja Löcher hat? Ich bin skeptisch, dass das klappt. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.
Dieser Artikel erschien erstmals am 30. 7.2026 in der NZZ am Sonntag. Bei der vorliegenden Version handelt es sich um eine aktualisierte Fassung.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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