Interview: Rotkäppchen-Chefin Wiesner über die "soziale Wirkung" der höheren Sektsteuer


Rotkäppchen-Chefin Silvia Wiesner.

AUDIO: Interview – Rotkäppchen-Chefin Wiesner und die Sektsteuer (10 Min)

Interview

Stand: 23.08.2026 09:38 Uhr

Die Sommerpause in der Politik geht zu Ende. Anfang September will der Bundestag über den Haushalt 2027 beraten und was dabei herauskommt, könnte deutschen Sektherstellern weh tun. Die Bundesregierung plant höhere Steuern auf alkoholische Getränke. Wird Sekt zum Luxusartikel? Das haben wir Silvia Wiesner gefragt, die Chefin von Rotkäppchen-Mumm aus Freyburg an der Unstrut in Sachsen-Anhalt – dem Marktführer in Deutschland.

von Sven Kochale, MDR AKTUELL

MDR AKTUELL: Frau Wiesner, planen Sie schon mit der Steuererhöhung oder warten Sie noch ab?

Silvia Wiesner: Zunächst einmal hoffen wir natürlich, dass diese mögliche Fehlentscheidung doch noch kritisch hinterfragt und überprüft wird. Denn für uns ist klar: Wir halten die geplante Erhöhung der Schaumweinsteuer schlicht für falsch, weil sie sozial nicht gerecht ist. Sie benachteiligt Menschen aus der Mitte der Gesellschaft und nicht jene, die sich Champagner leisten können, und weil sie zudem relevanten wirtschaftlichen Schaden anrichten kann.

Trauben der Sorte Solaris reifen an den Reben der Winzervereinigung Freyburg-Unstrut in Zscheiplitz.

Solaris-Trauben in Freyburg: ein Naturprodukt

Deshalb sprechen wir derzeit intensiv mit politischen Entscheidungsträgern, damit die Entscheidung wirklich auf einer fundierten und vollständigen Faktenbasis getroffen werden kann. Dann wird klar, dass höhere Preise für Verbraucher zu niedrigeren Mengen und so auch zu rückläufigen Steuern führen.

Gleichzeitig müssen wir uns natürlich auf Szenarien vorbereiten. Die entscheidende Frage für uns: Wie viel Menge wird unter welchen Vorzeichen im nächsten Jahr gekauft? Und die Beurteilung der benötigten Menge ist in unserer Branche alles andere als trivial. Schließlich ist Sekt ein wunderbares Naturprodukt und hat lange Vorlaufzeiten.

Was würde das denn bedeuten: 20 Prozent mehr Steuer auf eine Sektflasche, also diese typische 0,75-Liter-Flasche?

Das zeigt sich in einer Erhöhung von 20 Cent pro Flasche zuzüglich Mehrwertsteuer. Da kann man natürlich sagen: Wenn ich mir eine Flasche Champagner kaufe, fällt das nicht weiter ins Gewicht. Aber: Nur drei Prozent des Schaumwein-Volumens beziehen sich auf hochpreisigen Champagner. Wo wird die große Menge verkauft? Mehr als 80 Prozent des Volumens, das man sich in Deutschland gemeinhin leisten kann, liegt bei einem Flaschenpreis unter 3,50 Euro. Da möchte auch der deutsche Verbraucher nicht drüber gehen, schon gar nicht in so angespannten wirtschaftlichen Zeiten. Und ich glaube, diese Art von sozialer Wirkung kann nicht gewünscht sein.

Im Aschenbecher eines Mülleimers liegen mehrere Zigarettenkippen, eine leere Wodka-Flasche und eine zusammengeknüllte Bäckertüte

Wieso sollte der Preis einer Sektflasche eine soziale Komponente haben? Man kann ja auch mit weniger feiern.

Für viele Menschen ist dieser Anstoß-Moment einfach was ganz Schönes und noch mal mehr in Zeiten, in denen wir so viele negative Nachrichten haben. Von daher ist es eine schöne Möglichkeit zur Besinnung auf diese doch vorhandenen schönen Momente.

Und Sie raten dann zu Alkohol?

Wir sind ja seit 2008 auch mit alkoholfreien Alternativen am Start. Mit Rotkäppchen hatten wir bereits 2008 angefangen – lange, bevor es zu einem Trend geworden ist. Aber wir haben klar das Credo, dass es um Wahlfreiheit geht, dass die Menschen die Möglichkeit haben sollten, egal ob sie mit einem alkoholfreien oder mit einem alkoholhaltigen Sekt anstoßen möchten.

Auf alkoholfreien Sekt würde ja die Steuer nicht steigen.

Das ist richtig, dennoch gibt es auch hier natürlich einen Zusammenhang, denn die Entwicklung von alkoholfreien Alternativen mit einem sehr guten Geschmackserlebnis setzt natürlich relevante Investitionen voraus in die Technologien, Produktionskapazität, Kommunikation, Markenaufbau. Das muss aus wirtschaftlich erfolgreichem Kerngeschäft finanziert werden.

SAH Sektsteuer

Aber de facto haben wir seit 2008 schon mehr als 120 Millionen Flaschen alkoholfreie Alternativen verkaufen können. Diesen Weg wollen wir natürlich konsequent weiterverfolgen und haben dementsprechend eine reine alkoholfreie Kampagne im letzten Jahr an den Start gebracht.

Nach der Wende hat viel im Osten nicht mehr funktioniert. Aber bei Rotkäppchen war das anders – Kult im Osten, bis heute. Wie viel von diesem Bonus hat die Marke tatsächlich noch?

Die Marke Rotkäppchen ist die stärkste Marke im Bereich Sekt in Deutschland. Das spürt man auch daran, dass sie jede Altersgruppe erreichen kann, also ganz egal ob die GenZ ist oder die Babyboomer.

Die können alle was mit Rotkäppchen anfangen?

Absolut! Hatte ich ehrlicherweise auch gar nicht so gewusst, bevor ich diese wunderbare Rolle antreten durfte. Man sieht einfach, wie stark die Marke ist. Und in diesem Jahr feiern wir de facto auch 170-jähriges Jubiläum.

Angela Merkel betrachtet 2004 gemeinsam mit Gunter Heise Sektflaschen auf dem Fließband der Rotkäppchen-/Mumm-Sektkellerei.

Angela Merkel 2004 am Rotkäppchen-Messestand

Das, was uns aber auch auszeichnet, ist ein hohes Maß an Bescheidenheit als Wert und dementsprechend ein Fokus auf Effizienz und Kostendisziplin. Und auch das ist in Zeiten wie diesen auch absolut eine Voraussetzung, um weiter ein wirtschaftlich stabil aufgestelltes Unternehmen sein zu können.

Wie belasten Sie denn die Energiepreise oder Zölle und Abgaben?

Da sind wir genauso betroffen wie andere Unternehmen. Wir schauen natürlich, welche unserer aktuellen Investitionsprojekte jetzt entschieden werden müssen oder wo wir noch warten können. Szenarien beziehen sich auf die Mengen etwa, mit denen wir für das nächste Jahr rechnen können oder rechnen müssen. Das fängt an bei der Auswahl der Trauben, bei der Auswahl des Grundweins für die Sektherstellung und so weiter. Das ist bei Sekt, bei einem Naturprodukt, bei dem allein die Reifung schon mindestens sechs Monate in Anspruch nimmt, natürlich extrem herausfordernd.

MDR AKTUELL, redaktionell bearbeitet (ksc)