Antisemitismus in Deutschland: Judenhass ist ein gesellschaftliches Fieber
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Nach den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus wird darüber gestritten, ob die Linke „antisemitisch“ ist. Der Zank dient weniger der Sorge um die Sicherheit der Juden und schon gar nicht ihrem Wohlbefinden. Ziel ist vielmehr, die Linke, in der Antisemiten und ihre Sympathisanten erheblichen Einfluss besitzen, von diesen Tendenzen sowie deren Vertretern weniger abhängig zu machen. Ein Unterfangen, das aufgrund der Stimmung in Partei und Gesellschaft wohl zum Scheitern verurteilt ist.

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„Antisemitismus“ ist seit dem Ende des Nazi-Reiches 1945 ein Synonym für Auschwitz, die systematische Judenvernichtung. Das ist für die überwältigende Mehrheit der Deutschen bis heute tabu. Damit möchte man nichts zu tun haben. Der Begriff „Antisemitismus“ ist irreführend. Die Nazis und andere Hasser gaben vor, die „semitische Rasse“ sei minderwertig und müsse vernichtet werden – was sie schließlich den Juden antaten.
Doch Hitler und seine Mitläufer glaubten ihrer „Weltanschauung“ selbst nicht. Der Nazichef pflegte freundlichen Umgang mit Arabern, speziell dem Mufti von Jerusalem, Amin al-Husseini. Der hasste die Juden nicht weniger als sein Kumpan Hitler. „Antisemiten“ sind Judenhasser. „Rasse“ dient lediglich der Brandmarkung. Die Behauptung mancher Araber oder geborener Juden, sie könnten keine „Antisemiten“ sein, da sie selbst Semiten seien, ist eine Lüge. Viele Menschen unterschiedlicher Herkunft hassen Juden.
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Judenfeindschaft ist in der Regel mit anderem Hass verbunden
Kehren wir von der grauen, doch mitunter erhellenden Theorie in den deutschen Alltag zurück. Da wird Sorge über die Lebenssituation der Juden deutlich. So erklärte Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel, man tue gut daran, sich in bestimmten Gegenden nicht als Jude, Schwuler, Lesbe erkennen zu geben. Diese Feststellung, die von allen einschlägigen Untersuchungen bestätigt wird, ist eine Kapitulation des Rechtsstaats – und zudem eine Erläuterung der gegenwärtigen Situation. Judenfeindschaft kommt selten allein daher. Sie ist in der Regel mit anderem Hass verbunden – gegen sexuelle und sonstige Minderheiten, gegen Schwache, Arme, spezielle Ausländer, fremde Religionsgemeinschaften.
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Nicht selten werden Minoritäten gegeneinandergehetzt oder diese lassen ihre Feindschaften an Wehrlosen aus. Fanatische Islamisten, die von Teilen der Bevölkerung gefürchtet und verachtet werden, wähnen sich durch ihre Religion legitimiert, Juden und andere Minderheiten anzufeinden, sie zu bedrohen, aktiv zu bekämpfen. Doch es sind keineswegs nur Islamisten, Neonazis und andere Minderheiten, die Juden hassen und angehen.
Antisemitismus verschiebt Fokus: Israel als neuer Sündenbock
Das antisemitische Virus hat sich längst in der Mitte der Gesellschaft etabliert. Umfragen und Analysen erwiesen antijüdische Vorurteile. Oft war dies den Trägern selbst unbewusst. Während meiner Lehrzeit meinte mein Chef, der mich mochte, als Jude sei ich ein geborener Kaufmann. Der damalige Außenminister Steinmeier teilte mir mit, er reise zu meinem Außenminister – nach Israel. Später mochte er sich nicht daran erinnern. Ich dagegen schmerzlich. Warum grenzte er mich aus?
Bis zur Gegenwart ist es nicht angebracht, sich offen gegen Juden zu positionieren. Also erkoren die Judenfeinde Israel in einer Ersatzhandlung zum Sündenbock. So erklärte mir 1993 Dieter Wechtenbruch, der bei der Verteidigung Eichmanns 1961 in Jerusalem mitgewirkt hatte, die Israelis hätten Eichmann einen Befehlsnotstand verwehrt, „doch jetzt tun sie das Gleiche mit den Palästinensern“. Ich hielt dies für eine persönliche Befangenheit. Heute ist diese Einstellung Normalzustand. Auf diese Psycho-Logik basiert das Hamas-Massaker vom 7. Oktober. Die Terroristen rechneten damit, dass Israel mit aller Grausamkeit auf den Massenmord an seinen Bürgern reagieren würde – so geschah es. Es kam zu Kriegsverbrechen – es wäre der erste Waffengang, der ohne kriminelle Aktionen verlaufen wäre. Das öffnete die Schleusen für eine weltweite Kampagne, die die israelische militärische Offensive, inklusive Verbrechen, als „Völkermord“ anprangerte. Auch in Deutschland. Zunächst feierten Hamas-Anhänger das Massaker aus Gaza allenthalben. Noch ehe Israels Armee zum Gegenangriff überging, wurde sie des „Völkermords“ beschuldigt.
Das antisemitische Virus hat sich längst in der Mitte der Gesellschaft etabliert.
Rafael Seligmann,, Publizist und Autor
Antisemitismus in Deutschland: Solidarität mit Juden bleibt aus
In ganz Deutschland wurden Juden beschimpft, bedroht, misshandelt. Vor allem an Universitäten und Schulen. Viele Kinder und Jugendliche mussten in geschützte jüdische Lehranstalten wechseln. Zur Verzweiflung brachte mich und die meisten Juden die Reaktion der breiten Mehrheit. Während Hunderttausende, keineswegs nur Moslems, gegen den „Völkermord der Zionisten“ lautstark protestierten, nicht wenige eine neue Intifada und die Zerstörung Israels herbeizuschreien suchten, kamen bei Solidaritätskundgebungen mit den israelischen Opfern zumeist nur wenige Hundert, in der Überzahl Juden zusammen. Kein Mensch darf mehr zählen als ein anderer. Wo bleiben Mitleid und Solidarität mit den Juden – von denen in fast jeder Politikerrede betont wird, sie seien unverzichtbarer Teil der deutschen Geschichte, Gegenwart, Kultur etc.?
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Bei Auseinandersetzungen mit dem nichtjüdischen Teil meiner Familie lässt mich die Verweigerung der Mitmenschlichkeit gegenüber Juden verzweifeln. Man begreift sich keineswegs als „antisemitisch“. Der Begriff ist zur Phrase geschrumpft. Stattdessen fordere ich Menschenwürde – auch für Juden. Und Nachdenken über unsere Gesellschaft. Weltweit. Denn Judenhass ist keine jüdische Krankheit. Judenhass ist vielmehr gesellschaftliches Fieber. Es sollte uns alarmieren. Uns alle zur Frage veranlassen: Was stimmt hier und woanders nicht, dass wir den Juden Mitmenschlichkeit verweigern?
Rafael Seligmann, geboren 1947 in Tel Aviv, kam als Zehnjähriger in die Bundesrepublik. Der Schriftsteller, Publizist, Politologe und Zeithistoriker hat mehrere Romane und Sachbücher veröffentlicht. Von 2012 bis 2019 gab er die „Jewish Voice from Germany“ heraus. Heute lebt er als freier Autor in Berlin.
Rafael Seligmann,, Publizist und Autor