Kasseler Jury-Mitglied über den Deutschen Buchpreis
Stand: 03.10.2026, 14:00 Uhr
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Am Montag wird der Deutsche Buchpreis vergeben. Den besten Roman des Jahres hat eine Kasselerin mit ausgesucht: Stefanie Kreuzer. Sie hat an der Universität eine Professur für Literatur- und Medienwissenschaften inne.
Kassel – Der Jury des Deutschen Buchpreises gehört auch Stefanie Kreuzer an, Literaturwissenschaftlerin an der Universität Kassel. Welcher der sechs auf der Shortlist nominierten Titel ausgezeichnet wird, gibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels am Montag, 5. Oktober, 18 Uhr, am Vorabend der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse bekannt. Wir haben mit der Kasseler Professorin gesprochen.
Frau Kreuzer, wie schafft man es, 205 Romane zu sichten?
Ja, 205 Romane waren insgesamt in der Auswahl. Ich finde diese Zahl auch unglaublich. Die deutschsprachigen Verlage dürfen jeweils zwei Texte einreichen und fünf Empfehlungen abgeben. Als Jury haben wir aus diesen Empfehlungen einige weitere Bücher hinzugenommen. Es ist schier unmöglich, alle Texte allein zu sichten, aber wir haben die Aufgabe gewissenhaft befolgt, indem wir als Jury in gemeinschaftlicher Arbeit jedes einzelne Buch gelesen haben.
Also war die Entscheidungsfindung schwierig?
Ja, wir haben einige Bücher durchaus kontrovers diskutiert. Die Atmosphäre war jedoch stets konstruktiv, so dass wir uns schließlich immer sehr gut und harmonisch einig geworden sind. Wir haben den Akzent in jedem Fall auf die Texte gelegt – es geht ja um den ›Roman des Jahres‹. Einige Diskussionen waren auch recht heterogen. Das erklärt sich aus der sehr bunt zusammengestellten Jury, was die literarischen Professionen angeht: mit einer Vertreterin des Buchhandels, der Leiterin eines Literaturbüros, also aus der Kulturarbeit, mit Literaturkritiker:innen von Rundfunk und Zeitungen, dem Leiter des Literaturressorts der „Zeit“. Das ist eine spannende Konstellation, die unterschiedliche Perspektiven versammelt. Auch ich habe als akademische Uni-Vertreterin mit besonderem Bezug zur Gegenwartsliteratur über die Grimm-Poetikprofessur eine spezielle Sichtweise eingebracht.
Wurde dann einfach abgestimmt oder zuletzt Einigkeit erzielt?
Ja, wir hatten auch Abstimmungsprozesse, aber wir haben tatsächlich über jedes einzelne Buch gemeinschaftlich und konsensuell entschieden.
Es gab Diskussionen um die freie Kritikerin Maha El Hissy. Hessens Antisemitismusbeauftragter Uwe Becker sagte, dass mit ihr eine „Multiplikatorin israelfeindlicher Stereotype“ in der Jury sitze. Wie haben Sie diese Debatte erlebt?
Ich habe Maha El Hissy stets als eine fundiert, themenbezogen und nicht ideologisch argumentierende literaturwissenschaftliche Kollegin erlebt und geschätzt. Unsere Longlist und Shortlist zeigen die Perspektivenvielfalt, für die wir gemeinsam als Jury stehen.
Wie wichtig ist der Deutsche Buchpreis für die Literatur und die Buchbranche?
Er ist ein sehr renommierter Preis, der von der deutschen Buchbranche für die Literatur interessierte Öffentlichkeit bestimmt ist, um deutschsprachige Gegenwartsliteratur herauszustellen und zu fördern – und zwar mit einer unabhängigen Jury. Wir waren komplett frei in unserer Entscheidung und hatten keinerlei Auflagen, außer der, dass ein Text ausgezeichnet werden sollte, den wir als Roman labeln können und der in einem bestimmten Zeitfenster erschienen sein muss. Als Literaturwissenschaftlerin freue ich mich darüber, dass es diesen Preis gibt und dass damit Bücher der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur an ein großes Publikum vermittelt werden. Er kommt dem Lesen zugute. Gerade in einer Zeit, in der so wahnsinnig viel publiziert wird und es kaum mehr möglich ist, einen Überblick zu behalten, ist eine solche (Vor-)Auswahl im Sinne einer Empfehlung sehr hilfreich. Vor diesem Hintergrund finde ich ihn eine sehr gute, sehr schöne Einrichtung.
Aber gibt es überhaupt den einen besten Roman eines Jahres?
Wohl eher nicht. Es gibt sicherlich stets mehr als einen guten Text. Das Ziel des Deutschen Buchpreises ist es, Akzente zu setzen in der Fülle der jährlichen Neuerscheinungen. Es geht bei der Long- und Shortlist um Romane, die eine besondere Wirkung in der Leserschaft entfalten sollen. Gleichzeitig steht es der Jury frei, Texte zu berücksichtigen, die vielleicht nicht nur das breite Publikum ansprechen, die etwa sperrig sind, polarisieren, unkonventionell, künstlerisch oder experimentell erzählen und keine prädestinierten Bestseller sind. Sehr komplex, vielschichtig und multiperspektivisch erzählt ist etwa „Gulistan“ von Karosh Taha. Ein Text, der etwas Traumhaftes hat und gleichzeitig sehr politisch ist.
Das heißt, schon die Erwähnung auf der Shortlist ist ein großer Erfolg?
Genau. Wie auch auf die Longlist zu kommen und damit ein Aufmerksamkeitssignal zu erhalten. Und es gibt natürlich auch darüber hinaus exzellente Texte, die es verdient hätten, so herausgestellt zu werden, aber nicht mit diesem öffentlichkeitswirksamen Label der Nominierung bedacht werden können.
Welche Qualität hat dieser Literaturjahrgang 2026? Stehen die 20 Titel dort alle zurecht?
Ja, unbedingt. Als Jurymitglied kann ich zwar sowieso nichts anderes sagen, ohne unsere eigene Auswahl retrospektiv anzuzweifeln. Doch alle Texte haben es durchaus zurecht dorthin geschafft. Nach der Lektüre mancher Texte, sieht man die Welt anders. Das ist mir etwa bei „Liefern“ von Tomer Gardi ganz deutlich geworden. Dieser Roman handelt von Lieferdiensten. Wir haben in der Jury gemeinsam festgestellt, dass man nach der Lektüre dieses Textes sämtliche Lieferboxen auf dem Rücken von Fahrradkurieren mit anderen Augen sieht. Wir haben auch versucht, Themen einzufangen, thematisch zu filtern. Es gab auffällig viele Romane, die über Generationen hinweg Frauen fokussieren. Es gab immer wieder politische Themen, in Bezug auf Migration, auf Fremdheit. Mehrsprachigkeit selbst war ein Thema. Einige Texte haben speziell auf die deutsche Vergangenheit rekurriert, auch aus der DDR-Perspektive. Frauen sind zurecht stark vertreten – als Protagonistinnen und Autorinnen.
Es gibt mit Leh-Wei Liao zum ersten Mal eine Kasseler Autorin auf der Longlist.
Ihr Roman „Glaszeit“ schreibt sich sehr schön ein in das internationale, globalisierte Denken und Leben und rückt mit ihrer Protagonistin eine junge deutsche Ärztin in Taipei auf der Suche nach ihrer taiwanesischen Mutter, ihrer eigenen Identität und ihrer kulturellen Herkunft in den Fokus.
Gab es eher Kritik oder Zustimmung zu Ihrer Jury-Auswahl?
Ich glaube, es gibt immer beides bei solchen Listen. Wir haben natürlich die Medienechos rezipiert. Betont worden ist die Auswahl junger Autor:innen und dass es eine gute Mischung von neuen und bekannten Namen sei. Zwar wurden durchaus auch einzelne Namen und Titel vermisst. Doch insgesamt habe ich den Eindruck, dass es bisher eine relativ große Zustimmung gibt.
Steht der Siegertitel fest?
Nein, die entscheidende Jurysitzung findet erst kurz vor der Preisverleihung statt. Ich freue mich bereits sehr auf die abschließende Jurysitzung und die Verleihung. Ich finde es auch schön, dass wir ein bisschen Zeit haben werden, mit den Juroren und auch den Autor:innen ins Gespräch zu kommen. In dieser Juryarbeit sind Perspektiven aus Verlagswesen, Kulturarbeit und Journalismus zusammengelaufen. Es war für mich als Literatur- und Film-/Medienwissenschaftlerin unglaublich spannend, in die Literaturbetriebsstrategien und die Mechanismen der Medien rund um den Deutschen Buchpreis einen Einblick zu bekommen. Ich habe diese Juryarbeit als tolle und bereichernde Erfahrung empfunden und genossen – und als eine besondere Ehre.
Zur Person
Stefanie Kreuzer (51, geboren in Homberg) lehrt nach ihrer Promotion an der Goethe-Universität in Frankfurt und der Habilitation an der Universität Hannover seit 2017 in Kassel, wo sie die Professur für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft/Medienwissenschaft innehat und die Grimm-Poetikprofessur organisiert.