Debatte ausgelöst: Trump stellt Südkorea-Manöver infrage


Tausende Soldaten aus den USA und Südkorea proben bis zum 27. August den Ernstfall, sprich: einen Angriff Nordkoreas. Das gemeinsame Grossmanöver hat Tradition, seit einem halben Jahrhundert üben die Streitkräfte miteinander. Schliesslich zählt Südkorea zu den wichtigsten Verbündeten der USA. In kaum einem anderen Land haben sie mehr Truppen stationiert.

Nun aber stellt US-Präsident Donald Trump die Tradition in Frage. Wenige Stunden vor Beginn des Manövers kritisierte er die Übungen als «teuer» und «feindseliges Signal» an Nordkorea (das damit droht, Südkorea im Konfliktfall auszulöschen). Künftig sollen die Manöver kleiner ausfallen.

Verbündete werden unbekümmert vor den Kopf gestossen

Die Ankündigung steht beispielhaft für das, worin sich Trump aussenpolitisch wirklich von seinen Vorgängern unterscheidet: die Geringschätzung von Bündnissen.

Schon vor Trump haben die USA ihre Interessen immer wieder auch unter Verletzung des internationalen Rechts durchgesetzt – doch den Verbündeten wurde bei Entscheidungen stets ein hoher Stellenwert zugemessen. Davon ist bei Trump wenig übrig.

Partner stösst er unbekümmert vor den Kopf. Dänemark müsse Grönland abtreten, Kanada will er ganz einverleiben. Brüskiert hat er ferner Japan und Taiwan, arabische Verbündete und Israel.

Es ist ein folgenschwerer Politikwechsel. Denn die Position der USA als Supermacht Nummer eins ruhte jahrzehntelang auf ihren Bündnissen: Die USA boten Schutz und verlangten im Gegenzug Gefolgschaft. Ein Grossteil der Welt ist bis heute amerikanisches Einflussgebiet – technologisch, wirtschaftlich, militärisch.

Natürlich gab es immer schon Meinungs­ver­schieden­heiten, doch in der Regel räumte man sie diskret aus dem Weg. Die USA übten hinter verschlossenen Türen Druck aus, doch nur selten stiessen sie einen Verbündeten öffentlich vor den Kopf. Die Stabilität der Bündnisse kam an erster Stelle.

Trump hingegen geht mit Verbündeten auch gerne im Scheinwerferlicht auf Konfrontation. Damit ist er von Fall zu Fall durchaus erfolgreich, oft genug waren Verbündete bereit, seinen Forderungen nachzugeben.

Die Reaktion: mehr Alleingang, neue Bündnisse

Langfristig aber zerstört er Vertrauen und bringt die Partner dazu, sich mehr und mehr von den USA zu lösen: indem sie den Alleingang suchen, neue Bündnisse eingehen – oder sich China zuwenden, dem grossen Rivalen der USA.

In Südkorea erwägen Spitzenpolitiker den Bau einer eigenen Atombombe, um die Abschreckung Nordkoreas selbst sicherstellen zu können. Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei haben sich vor kurzem zu einer neuen Verteidigungsallianz zusammengeschlossen. Staaten wie Kambodscha wenden sich von den USA ab und suchen die Nähe Chinas.

Vertrauensverlust auf Kosten amerikanischer Macht

Wenn die USA gemeinsame Manöver wie jenes in Südkorea zusammenstreichen, mögen sie kurzfristig ihre Ausgaben senken, langfristig schmälern sie vor allem ihren Einfluss. Zumal sich der Vertrauensverlust nicht leicht rückgängig machen lässt.

Nach Trumps erster Amtszeit versprach Joe Biden, Amerikas Führungsrolle wiederherzustellen, die alten Allianzen zu erneuern und verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Doch ob nach Trumps zweiter Amtszeit noch viele einer solchen Ansage Glauben schenken wollen, ist fraglich.

Langfristig dürfte Ländern wie Südkorea, Dänemark oder Saudi-Arabien deshalb mehr Unabhängigkeit von den USA als die zuverlässigste Strategie erscheinen – auf Kosten amerikanischer Macht.

Sebastian Ramspeck

Internationaler Korrespondent

Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen

Sebastian Ramspeck ist internationaler Korrespondent für SRF. Zuvor war er Korrespondent in Brüssel und arbeitete als Wirtschaftsreporter für das Nachrichtenmagazin «10vor10». Ramspeck studierte Internationale Beziehungen am Graduate Institute in Genf.

Mehr Artikel von Sebastian Ramspeck