Kopf-an-Kopf-Rennen in Schweden: Wähler haben heute die Wahl – Wer prägt die nächste Regierung?


Stand: 13.09.2026, 08:23 Uhr

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Will Regierungschef bleiben: der Konservative Ulf Kristersson. (Archivbild) © Marius Burgelman/AP/dpa

Bei der Wahl in Schweden hoffen Rechtspopulisten erstmals auf Ministerposten. Doch die Regierungsbildung wird kompliziert.

Stockholm – Rund acht Millionen wahlberechtigte Schwedinnen und Schweden entscheiden am heutigen Sonntag über die zukünftige Zusammensetzung des 349 Sitze umfassenden Reichstags (Sveriges riksdag). Ab acht Uhr sind die Wahllokale geöffnet. Bereits vorab deutete sich in den veröffentlichten Umfragen zur Wahl in Schweden ein äußerst knappes Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den Blöcken an. Lange Zeit lag das rot-grüne Oppositionslager unter der Führung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei deutlich in Führung. Auf den letzten Metern des Wahlkampfs konnte das amtierende Mitte-Rechts-Bündnis jedoch spürbar aufholen. Mehr als zwei Millionen Menschen haben ihre Stimme bereits vorab abgegeben.

Das Parlament wird bei der Schweden-Wahl nach dem Verhältniswahlrecht gewählt, wobei 310 Sitze direkt als feste Mandate in 29 Wahlkreisen vergeben werden und 39 Sitze als Ausgleichssitze dienen. Für den Einzug in den Reichstag gilt landesweit eine Vier-Prozent-Sperrklausel; alternativ reicht ein Stimmenanteil von mindestens zwölf Prozent in einem einzelnen Wahlkreis. Stärkste Kraft im Parlament waren traditionell stets die Sozialdemokraten. Bei der Wahl im Jahr 2022 erzielten sie 30,3 Prozent und führen aktuelle Umfragen mit 29 bis knapp 30 Prozent erneut an.

Wahl in Schweden: Land wird seit 2022 von einer Minderheitsregierung geführt

Seit 2022 wird Schweden von einer Minderheitsregierung aus der Moderaten Sammlungspartei, den Christdemokraten und den Liberalen unter Führung von Ministerpräsident Ulf Kristersson regiert. Diese Mitte-Rechts-Koalition stützte sich im Parlament bisher auf die rechtspopulistischen Schwedendemokraten als Mehrheitsbeschaffer. Vor vier Jahren waren die Moderaten mit 19,1 Prozent nur drittstärkste Kraft hinter den Sozialdemokraten und den Schwedendemokraten geworden. In den aktuellen Umfragen vor der Wahl in Schweden lagen Kristerssons Moderate erneut leicht unter ihrem vorherigen Wahlergebnis, während die Schwedendemokraten stabil bei etwa 18 bis 20 Prozent taxiert wurden.

Eine zentrale Streitfrage des Wahlkampfs vor der Wahl in Schweden betraf die künftige Rolle der Schwedendemokraten unter Parteichef Jimmie Åkesson. Die Ende der 1980er-Jahre im rechtsextremen Milieu entstandene Partei fordert nach vier Jahren parlamentarischer Stützung erstmals eigene Ministerposten und strebt die Verantwortung für die Migrations- und Integrationspolitik an. Ministerpräsident Kristersson stellte eine direkte Regierungsbeteiligung der Rechtspopulisten in Aussicht. Åkesson selbst betont jedoch, auf das Amt des Regierungschefs zu verzichten und Kristersson den Vortritt zu lassen. Er begründete den Machtanspruch seiner Partei damit: „Die Moderaten haben verstanden, dass sie entweder mit uns oder mit den Sozialdemokraten sprechen müssen, wenn sie an der Macht bleiben wollen.“

Sollte es nach der Wahl in Schweden zu einer Regierungsbeteiligung der Schwedendemokraten kommen, wäre dies formal eine Premiere in der schwedischen Geschichte. Der Nordeuropa-Experte und Politologe Tobias Etzold dämpfte laut DPA jedoch Erwartungen bezüglich eines schlagartigen Umbruchs: „Der eigentliche Tabubruch hat vor vier Jahren stattgefunden, als die konservativen Parteien gesagt haben: ‚Wir arbeiten als Minderheitsregierung mit den Schwedendemokraten zusammen.‘“ Wahlforscher Torbjörn Sjöström attestierte der Partei laut Tagesschau zudem eine spezielle Anpassung: „Sie haben einen schwedischen Weg des Populismus entwickelt. Er ist nicht laut oder schreiend, sondern wirkt gemäßigter, bleibt aber provokant.“ Allerdings bewertet Sjöström Kristerssons frühe Festlegung auf die Rechtspopulisten als riskant.

Wahl in Schweden: Kristersson und der Kampf gegen die Banden 

Ein beherrschendes Thema im Wahlkampf der Schweden-Wahl war die Bekämpfung der organisierten Bandenkriminalität und der tödlichen Schießereien. Die Regierung verweist auf eigene Erfolge und verzeichnet einen Rückgang der Schießereien, strebt jedoch weitere Strafrechtsverschärfungen an. Dazu gehört die Absenkung des Straffähigkeitsalters von 15 auf 14 Jahre, um die Rekrutierung von Minderjährigen durch kriminelle Netzwerke zu unterbinden. Während Kristerssons Block auf härtere Cum-Strafen setzt, versprechen auch die Sozialdemokraten ein Durchgreifen gegen Banden. Anderssons Vorstöße für die härtesten rechtlichen Maßnahmen stoßen bei ihren potenziellen Bündnispartnern, den Linken und den Grünen, jedoch auf Widerstand.

In der Asyl- und Migrationspolitik setzte das bisherige Bündnis gemeinsam mit den Schwedendemokraten bereits erhebliche Verschärfungen durch. Die Regeln für Familiennachzug und Aufenthaltstitel wurden massiv erschwert, befristete Aufenthaltstitel wurden zur Norm und Rückkehrprogramme aufgelegt. Die Regierung rühmt sich damit, die Asylzahlen auf den niedrigsten Stand seit Jahrzehnten gedrückt zu haben. Åkesson erklärte im Wahlkampf: „Ich bin sehr stolz darauf, dass es uns gelungen ist, die Debatte und die Politik über Einwanderung in diese Richtung zu lenken, sodass wir nun Europas restriktivste Asylpolitik verfolgen.“

Auch bei der Energieversorgung und den Lebenshaltungskosten verfechten die beiden Lager gegensätzliche Konzepte. Ulf Kristersson erteilt dem reinen Ausbau erneuerbarer Energien eine Absage: „Mehr Wind ist nicht die Antwort auf Schwedens Problem. Kernkraft ist die Lösung.“ Seine Regierung plant den Bau neuer Atomreaktoren, senkte die Spritsteuern auf Diesel sowie Benzin und strich Elektroauto-Subventionen. Demgegenüber fordert Magdalena Andersson den Ausbau der Windenergie, Rentenerhöhungen sowie Maßnahmen zur Senkung der Energiepreise. Der linke Block setzt zudem auf höhere Steuern für Banken und Spitzenverdiener, um Entlastungen für einkommensschwache Haushalte sowie Investitionen in Bildung und Gesundheit zu finanzieren.

Bei Wahl in Schweden: Rechtspopulisten könnten erstmals Teil der Regierung werden

Neben inhaltlichen Differenzen erschwerten auch Skandale im Umfeld des Ministerpräsidenten den Wahlkampf vor der Schweden-Wahl. Ulf Kristersson sah sich Vorwürfen der Vetternwirtschaft ausgesetzt. Zudem belasteten Sicherheitslücken die Regierung: Einer Investigativjournalistin gelang unangemeldeter Zugang zu Kristerssons Privaträumen, und der Nationale Sicherheitsberater trat zurück, nachdem er sensible Dokumente in einem Hotel-Schließfach vergessen hatte, die von einer Reinigungskraft mit mutmaßlich extremistischen Kontakten entdeckt worden waren.

Gleichwohl droht beiden politischen Lagern nach der Stimmabgabe eine äußerst langwierige und komplizierte Regierungsbildung. Im linken Lager zeichnet sich Streit ab: Die Sozialdemokraten wären für eine Mehrheit voraussichtlich auf die sozialistische Linkspartei (2022: 6,7 Prozent) angewiesen. Allerdings lehnt die liberal-bürgerliche Zentrumspartei (2022: 6,7 Prozent) jegliche Zusammenarbeit mit den Linken ab. Im konservativen Lager ist die Zitterpartie ähnlich groß, da die Zuwächse der einzelnen kleineren Partner ungewiss sind. Wahlforscher Sjöström fasste die Konstellation laut Tagesschau vor der Auszählung zusammen: „Im Moment sieht es so aus, als würde es auf die Entscheidung zwischen zwei Optionen hinauslaufen“ – nämlich der Angst vor dem Einfluss der Linken auf der einen und der Furcht vor den Rechtspopulisten auf der anderen Seite. (Quellen: dpa, AFP, Tagesschau, bpb) (fbu)