Krankenkassen verlieren Hunderte Millionen: Ein Skandal, der eine unbequeme Frage stellt
Krankenkassen verlieren Hunderte Millionen
Ein Skandal, der eine unbequeme Frage neu stellt
Aktualisiert am 09.08.2026 - 03:47 UhrLesedauer: 4 Min.
Hunderte Millionen Beitragsgeld haben Krankenkassen offenbar verspekuliert – aufgeklärt ist wenig. Der Fall belebt eine Debatte, die die Kassen eigentlich vermeiden wollen.
Es ist ein Skandal, der sich immer weiter ausweitet – und doch in der Öffentlichkeit kaum Beachtung findet. 28 Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigungen sollen mehr als 500 Millionen Euro Beitragsgelder in einen risikoreichen Fonds gesteckt und wohl größtenteils verloren haben. Das berichtet der Rechercheverband von "Süddeutscher Zeitung" und WDR/NDR.
Doch viele Fragen sind noch offen: wie viel Geld etwa genau verloren gegangen ist, ob noch mehr Krankenkassen Beitragsgelder in Produkte des Verius-Fonds gesteckt haben und ob es weitere risikobehaftete Investitionen gibt. Diejenigen, die darauf Antwort geben könnten, schweigen sich aus.
Auch das Bundesgesundheitsministerium antwortet ausweichend. Dabei könnte dieser Eklat eine Debatte wiederbeleben, die der neue Gesundheitsminister erst angestoßen hat – und die bei den Kassen in der Vergangenheit auf viel Gegenwehr gestoßen ist: die Frage, ob es eigentlich viel weniger Krankenkassen geben müsste.
Wer trägt die Schuld? Darüber könnten Gerichte entscheiden
Noch hat sich Carsten Linnemann in seiner neuen Funktion als Gesundheitsminister nicht zu den verspekulierten Millionen geäußert. Auch seine Vorgängerin Nina Warken hielt sich in der Angelegenheit bedeckt. Das könnte auch damit zusammenhängen, dass eine zentrale Frage noch ungeklärt ist: Wer trägt die Schuld daran, dass die Millionen verloren gingen? Eine kleine Gruppe von Kassen und Kassenärztlichen Vereinigungen hat die Fondsgesellschaft nämlich auf Schadenersatz verklagt, weil ihnen angeblich niemand gesagt habe, dass in riskante Immobiliengeschäfte investiert werde, berichtet die "Süddeutsche Zeitung" (SZ). Eine der beklagten Banken weist das gegenüber der "SZ" zurück.
Das alles ist nur herausgekommen, weil Journalisten des Rechercheverbunds von "SZ" und NDR/WDR tief in das Thema eingestiegen sind, interne Dokumente und Akten auswerten konnten. Die Medien berichten, dass viele Kassen und Kassenärztliche Vereinigungen zudem eine Auskunft dazu verweigern. Auch der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen will den Vorgang nicht kommentieren. "Der GKV-Spitzenverband ist keine Aufsichtsbehörde gegenüber den Krankenkassen", teilte ein Sprecher t-online mit.
In der Opposition regt sich Kritik, vor allem mit Blick auf die Reformen im Gesundheitssystem. Kurz vor der Sommerpause etwa hatte der Bundestag noch das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz verabschiedet, das auch den Beitragszahlern einige Härten zumutet. Es soll verhindern, dass bei den Krankenkassen ein Defizit von mehr als 18 Milliarden Euro aufläuft und damit auch die Beiträge steigen müssen.
"Die Versicherten müssen am Ende doppelt zahlen"
Gerade mit Blick auf diese Einsparungen fehle ihr das Verständnis dafür, dass nun offenbar Hunderte Millionen Euro verspekuliert worden sind, sagte die Grünen-Haushaltspolitikerin Paula Piechotta der "SZ". Der Fall untergrabe das Vertrauen in die Kassen und ihre Fähigkeit, mit Geld umzugehen.
Linken-Politiker Ateş Gürpınar, Sprecher für Gesundheitsökonomie in der Bundestagsfraktion, forderte von den Kassen Transparenz ein. "Dass viele Kassen weiterhin verschweigen, wie tief sie im Sumpf des Kapitalmarkts drinstecken, ist völlig absurd", sagte Gürpınar und kritisierte: "Die Versicherten müssen am Ende doppelt zahlen, weil ihre Beiträge verzockt wurden, während die Bundesregierung ihnen die Leistungen kürzt."
Aus dem Kreis der Koalitionäre findet lediglich der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion bislang deutliche Worte. "Wir als SPD-Bundestagsfraktion erwarten, dass die Vorgänge umfassend aufgeklärt werden", teilte Christos Pantazis in einer Pressemitteilung nach der ersten Veröffentlichung von "SZ" und WDR/NDR im Juli mit. Dabei müsse auch geklärt werden, wie Investitionen in dieser Höhe möglich gewesen sind und ob die bestehenden Aufsichts- und Kontrollmechanismen ausreichend funktionieren.
Kassen sollen "alles zur Schadensbegrenzung Erforderliche" einleiten
Eine Forderung, über die das Gesundheitsministerium derzeit noch nicht spekulieren möchte. Zumindest in der Theorie gelten bereits eng gefasste Regeln. Im Vierten Sozialgesetzbuch heißt es, die Mittel der Träger der Sozialversicherungen seien "so anzulegen und zu verwalten, dass ein Verlust ausgeschlossen erscheint, ein angemessener Ertrag erzielt wird und eine ausreichende Liquidität gewährleistet ist". Risiken müssten durch eine Mischung und Streuung der Anlagen begrenzt werden.
Das Ministerium teilte t-online am Freitag mit, es werde nach Klärung des Sachverhaltes prüfen, ob gesetzlicher Änderungsbedarf bestehe. Das könne aber nur in Absprache mit dem Arbeitsministerium geschehen, das federführend für das vierte Sozialgesetzbuch ist. Formal zuständig als Aufsichtsbehörde ist dabei das Bundesamt für Soziale Sicherung, das den beiden Ministerien unterstellt ist. Die Behörde hat die Rechtsaufsicht über die bundesunmittelbaren Sozialversicherungsträger, also etwa Krankenkassen, die in mehr als drei Bundesländern tätig sind.
Doch kann die Behörde nach eigenen Angaben den Kassen bei Investitionen nur Hinweise und Empfehlungen geben, nicht aber eine Risikobewertung vornehmen. Diese obliegt den Kassen selbst. "Die getätigten Geldanlagen selbst sind weder anzeige- noch genehmigungspflichtig", teilte die Behörde t-online im Juli mit. Sie habe die betroffenen Kassen aufgefordert, "alles zur Schadensbegrenzung Erforderliche einzuleiten" und stehe mit ihnen im engen Kontakt.
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Von mehr als 90 auf 10 Krankenkassen?
SPD-Gesundheitspolitiker Pantazis geht bei seinen Forderungen im Juli noch einen Schritt weiter. Im Zuge der anstehenden Strukturreformen müsse neben den Kontrollmechanismen außerdem in den Blick genommen werden, ob die derzeitige Anzahl gesetzlicher Krankenkassen langfristig noch sachgerecht ist, so Pantazis. Er greift damit eine Forderung auf, für die ausgerechnet der neue Gesundheitsminister Carsten Linnemann immer wieder lautstark geworben hat, zumindest noch in seiner Zeit als CDU-Generalsekretär.
"Wenn ich sehe, dass da Milliarden ausgegeben werden für nichts, weil es keinen Wettbewerb gibt, dann müssen wir da ran, und deswegen sind über 90 Krankenkassen zu viel", hatte Linnemann etwa im April dieses Jahres gesagt und gefordert, die Zahl solle auf zehn reduziert werden. Auf eine erneute Frage von t-online, welche Konsequenzen das Ministerium nun unter Linnemann erwäge, antwortete das Haus nicht.
Bei den Kassen hatte Linnemanns Forderung im Frühjahr empörte und wütende Reaktionen ausgelöst, der GKV-Spitzenverband wertet das als Angriff auf die Selbstverwaltung der Krankenkassen. Uwe Klemens, Verwaltungsratsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes, sprach gar von "Planwirtschaft" und "Zwangsfusion". Will die Regierung das also umsetzen, müsste sie mit erbittertem Widerstand der Kassen rechnen. Ob Linnemann seine Forderung nun als Gesundheitsminister also Realität werden lässt, ist längst nicht ausgemacht.
