Leben mit FASD: „Warum hat sie mir das angetan?“
Stand: 30.08.2026, 19:00 Uhr
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Weil ihre Mutter in der Schwangerschaft Alkohol trank, lebt Monique Hain mit einer Behinderung. Die Krankheit FASD gehört mit bundesweit rund 1,5 Millionen Betroffenen zu den häufigen angeborenen Erkrankungen - dennoch ist sie kaum Thema.
Hannover – Eine Frage würde Monique Hain ihrer Mutter gern stellen: „ich würde sie gern fragen, warum sie das gemacht hat. Warum sie mir das angetan hat.“ Hains Mutter trank in der Schwangerschaft Alkohol, den Preis dafür musste die Tochter zahlen: Monique leidet an einer fetalen Alkoholspektrumstörung, kurz FASD.
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Dieser Artikel ist in Kooperation mit epd entstanden.
Medizinisch beschreibt Dominika Gottscholl von der hannoverschen FASD-Beratungsstelle „aufgeklärt“ die Kernbeeinträchtigung als Schädigung der sogenannten Exekutivfunktionen. Gemeint ist jener Bereich des Gehirns, der Verhalten, Gefühle und Emotionen steuert. „Alltagsfertigkeiten, die für uns sehr selbstverständlich sind, sind für die Betroffenen sehr, sehr schwer“, erklärt Gottscholl.

Wie sich das anfühlt, beschreibt Monique Hain mit einem eigenen Bild: „Bei mir ist es halt so, als ob nur eine Gehirnhälfte funktioniert. Die andere ist bei mir kaputt“, sagt sie und verdeckt, um es anschaulich zu machen, eine Gesichtshälfte mit Hand. Vieles verstehe sie nicht auf Anhieb, für manches brauche sie entsprechend länger als ein gesunder Mensch, erläutert die junge Frau.
Zellgift Alkohol kann zu schweren Entwicklungsstörungen führen
Obgleich die FASD nicht allzu präsent im öffentlichen Bewusstsein ist, gehört sie zu den häufigen angeborenen Erkrankungen. Nach Schätzungen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sind bis zu 1,5 Millionen Menschen in Deutschland betroffen. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit geht von jährlich mindestens 10.000 Neugeborenen mit FASD aus, davon etwa 3.000 mit der schwerwiegendsten Form, dem Fetalen Alkoholsyndrom. Betroffene Kinder können Fehlbildungen an Gesicht und Gliedmaßen haben, zudem kann das Zellgift Alkohol beim Ungeborenen zu Wachstums- und Endwicklungsstörungen führen und Nierenschäden und Herzfehler nach sich ziehen.
Die Diagnostik unterscheidet zwischen dem Vollbild FASD, dem partielle Fetale Alkoholsyndrom und alkoholbedingte neurologische Entwicklungsstörungen, bei denen körperliche Merkmale fehlen. Bis zur richtigen Einordnung vergeht oft viel Zeit, weiß Beratungsstellen-Mitarbeiterin Dominika Gottscholl: „Viele Betroffene bekommen zunächst ganz viele andere Diagnosen, etwa ADHS, Schizophrenie oder Depressionen.“
Eine Alkoholmenge, die in der Schwangerschaft unbedenklich wäre, gibt es nach Angaben von FASD Deutschland nicht. Die Selbsthilfeorganisation warnt davor, das Risiko allein bei suchtkranken Frauen zu verorten: Bereits regelmäßiges Trinken oder gelegentliches zu viel Trinken bei festlichen Anlässen könne Schäden verursachen. Nach einer internationalen Studie, auf die sich der Verein beruft, trinkt in Deutschland im Schnitt mehr als jede vierte Frau während der Schwangerschaft Alkohol. Entsprechend fordert FASD Deutschland verstärkte Aufklärung über die Risiken des Trinkens während der Schwangerschaft und - bislang vergeblich -Warnhinweise auf alkoholischen Getränken.
Forderungen nach besserer Unterstützung für Betroffene
Neben wirksamer Prävention fordern Verbände wie die Lebenshilfe eine bessere soziale und medizinische Unterstützung der Betroffenen. Dazu zählen etwa eine verlässliche Früherkennung im Kindesalter, die rechtliche Anerkennung der Behinderung sowie lebenslange, passgenaue Hilfen - von spezialisierten Versorgungszentren bis hin zu Angeboten im Erwachsenenalter. Nicht zuletzt müssten Pflegefamilien für Minderjährige sowie Gastfamilien für Erwachsene künftig spürbar mehr Unterstützung und gesellschaftliche Anerkennung erfahren, betont der Berliner Landesverband der Hilfsorganisation.
Monique Hain wuchs ebenfalls in einer Pflegefamilie auf. Schon wenige Monate nach ihrer Geburt wanderte die leibliche Mutter in die USA aus, der Kontakt riss ab - bis heute. „ich würde sie gern fragen, warum sie das gemacht hat“, wiederholt die junge Frau mit ruhiger, fester Stimme. Eine Antwort auf ihre Frage wird sie vermutlich nie bekommen. (von Julius Meißner)