Lucas Museum of Narrative Art in Los Angeles eröffnet
Das Raumschiff ist gelandet. Gegenüber von Los Angeles’ populärem „Natural History Museum“ und dem jüngst vollendeten dritten Teil des California Science Center von ZGF Architects, das mit seinem silbrig schimmernden und 61 Meter hohen himmelstürmenden Edelstahl-Konus tatsächlich das Space Shuttle „Endeavour“ in vollständiger vertikaler Startposition samt Booster-Raketen und Außentank ummantelt, steht mit dem an diesem Dienstag eröffneten „Lucas Museum für erzählende Kunst“ nun ein weiteres Sternenschiff in Silberweiß.
Als gebautes Spaceship für einen Regisseur, der vor allem mit der neunteiligen Weltraum-Saga „Star Wars“ Weltruhm erlangte (und mit dem milliardenschweren Verkauf seines Imperiums an Walt Disney das nötige Spielgeld für das hinter vorgehaltener Hand nicht unter anderthalb Milliarden Dollar zu habende Privatmuseum inklusive 400 Millionen Endowment für Erhaltung und Ausbau der immensen Sammlungen) – erfüllt das mehr als zweihundert Meter lange Star-Trek-artige Museumsgebäude damit die Bedingungen „Sprechender Architektur“, die seit dem Mittelalter die Deckungsgleichheit von Bauform und Symbolik sowie deren klare „Lesbarkeit“ verlangt.
Die Luckenwalder Hutfabrik Steinberg von Erich Mendelsohn etwa weist die expressive Form eines Hutes auf, und der Renaissancebau des spanischen Königspalastes Escorial nördlich von Madrid bildet mit seinen zahlreichen quadratischen Höfen im Grundriss den Marterrost des spanischen Nationalheiligen Laurentius ab. Und obwohl der chinesische Architekt Ma Yansong anfangs eher von flachen Wolkenformationen sowie den schwelgenden Blätterdächern und Baumkronen des Parks gegenüber angeregt wurde, lässt er die Raumschiff-Assoziation der allermeisten Betrachter gerne zu.
Fast 100.000 Quadratmeter Fläche und dennoch ökologisch durchdacht
Das verwundert nicht: Wie die zwei Scheiben des Raumschiffs Enterprise oder der ebenfalls tellerförmige Millennium Falcon aus „Star Wars“ verschmilzt Ma Yansong zwei gigantische längsovale Ellipsoide zu einer elegant geschwungenen Großform, deren Dach er zur Hälfte begrünt hat, um den Bau mit 91.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche auf fünf Stockwerken nahtlos an Nord- und Südende in den noch einmal doppelt so großen Skulpturenpark übergehen zu lassen. Die von der Hauptschauseite vom Natural History Museum aus abgewandte Westflanke hingegen ist vollständig mit gleichermaßen organisch geschwungenen Solarpaneelen bedeckt.
Yansong und sein Büro MAD Architects sind mittlerweile weltweit bekannt für ihre organisch fließenden und von der Natur inspirierten Entwürfe nach der sogenannten „Shanshui City“-Philosophie. Das vergangenes Jahr eröffnete Fenix Museum in Rotterdam und das Opernhaus im chinesischen Horbin von 2015 sind ebenso beredte Beispiele für die Organik und Harmonie im Bauen wie die in die grünen Hügel von Quzhou hineingebauten Rundpavillons, die wie Tempelpagoden und futuristische fliegende Untertassen zugleich aussehen. Und selbst der aktuell errichtete Taiping International Airport mit seinen fünf sternförmig ausgreifenden Gate-Tentakeln wirkt wie ein entspannt daliegender Seestern aus Stahl.

Dabei ist die Baukunst Yansongs äußerst anspielungsreich: Die 1271 individuell zugeschnittenen, jeweils mehrere Tonnen schweren Paneele, aus denen der Bau besteht, wirken mit ihrer Polymerbeschichtung über Gipskern außen wie Zyklopenmauerwerk, innen wie edel polierter Stucco Lustro. Der Oculus über dem Eingangshof zwischen Nord- und Südflügel wiederum ist offen und lässt wie sein Vorbild in der Kuppel des Pantheons in Rom von gleichem Durchmesser Luft, Licht und auch das in Kalifornien seltene Regenwasser nach unten durchrieseln, womit die Architektur furios mit den Naturelementen spielt. Auch am nördlichen Ende des Riesenbaus, der mit seinem schlitzartigen Panoramafensterband wie das Gesicht eines freundlichen Aliens aussieht, tritt das Kühlwasser der Klimaanlagen in Form eines breiten Wasserfalls nach außen.

Diese Forschungsbibliothek offenbart viel über Lucas’ Filme
Das gigantische Areal ist dabei klar gegliedert. Im Südpavillon ist hinter dem von der Decke abgehängten originalen Raumflitzer Anakin Skywalkers die Bibliothek installiert. Die allen Besuchern offenstehende Forschungsstätte beherbergt insgesamt 45.000 Publikationen zu nahezu allen Bildern im Museum und insbesondere zur Herkunft seiner Filmbildideen, die anhand von Lucas’ Annotationen in den Büchern den Entstehungsprozess seiner Epen nachvollziehen lassen. Der große Lesesaal mit zwei hohen Emporen und augenbildschirmschonendem Ausblick in den Südpark ist sehr wertig wie eine alte englische Bibliothek mit dunklen Holzregalen ausgestattet. Außen Zukunft, innen gediegene Vergangenheit?

Das Fließende traditionell chinesischer Architektur vermeidet bekanntlich rechte Winkel, und tatsächlich findet sich auf den beinahe hunderttausend Quadratmetern keine einzige harte Ecke. Selbst die warmes Oberlicht der kalifornischen Sonne einlassenden Deckenöffnungen sind amorph geformt. In engster Verzahnung mit seinem Architekten Yansong hat Lucas die 35 Galerien für seine Sammlungsschwerpunkte konzipiert, aus insgesamt 40.000 Objekten „nur“ anderthalbtausend ausgewählt. Glaubenssatz war ihm dabei, wie er bei der Eröffnung bekannte, die sehr amerikanische Grundhaltung: „Wenn es dich emotional anspricht, dann ist es Kunst. Ich bin fest davon überzeugt, dass der Betrachter selbst entscheiden sollte, was Kunst ist“. Einen in Marmor gemeißelten Kanon gibt es hier nicht, ebenso keine didaktischen Saaltexte – Lucas und seine Frau Mellody Hobson trauen ihren Gästen die eigenständige Entschlüsselung der Mythen diverser Völker bedingungslos zu.
Die Star-Wars-Sammlung macht nur sieben Prozent des Gezeigten aus
Herzkammer des Erzählens in Bildern – die Fans entzückende Kollektion zu Star Wars mit originalen Modellen und Stage Design etwa von Doug Chiang macht nur sieben Prozent der insgesamt gezeigten Objekte aus – muss naturgemäß die Malerei sein, die Lucas seit fünf Jahrzehnten mit besonderer Hingabe sammelt. Sie begleitet den Menschen seit Beginn seiner Kulturgeschöpfwerdung 40.000 vor Christus in Form der Höhlenmalerei, weshalb man diesen Teil des Museums der Museen durch einen höhlenartigen Gang mit einer Reproduktion der tiefroten Stier-Darstellungen von Altamira betritt, die unter vielen anderen Modernen Picasso als Vorbild der schrittweisen Abstraktion seiner eigenen Stiere und Minotauren nutzte. Überhaupt Reproduktionen: Einige US-Kunstkritiker bemängelten im Vorfeld, dass gerade die Malerei-Abteilung mit zu vielen Faksimiles aufwarte. Eine Luxusdiskussion, denn um seine Aufgabe einer möglichst lückenlosen Geschichte des bildlichen Erzählens zu erfüllen, muss es eben auch eine farbstrahlende Komplettrekonstruktion der Sixtinischen Kapelle sein, da Michelangelos vertrackte Erzählmodi ebenso unverzichtbar für die Gesamtstory sind wie das Original in Rom.

Die Fülle an Originalen, die das Schlitzohr Lucas auf Auktionen, im Ankauf anderer Sammlungen wie auch von Hollywood-Freunden wie Steven Spielberg oder Woody Harrelson oder im Fall eines polychromen ägyptischen Reliefs mit dem bunt geschilderten Nachleben eines hohen Beamten von zirka 2200 vor Christus von Antiquaren erwarb, bleibt in jedem Fall erstaunlich. Eine Lindenholzfigur Sankt Sebastians von Jörg Lederer aus dem Jahr 1515 stellt angesichts der vielen Einstichlöcher der Pfeile bei gleichzeitig schmerzfreier Pokerface-Mimik die grundsätzliche Frage nach dem glaubhaft Heroischen in Holz wie im Film; selbiges leistet Artemisia Gentileschis „Triumph der Galatea“ aus der Mitte des 17. Jahrhunderts.

Und von Lucas Cranach wird eben keine seiner rasch auserzählten Schlafzimmer-Nackedeien gezeigt, sondern ein komplex komponiertes „Urteil des Salomo“ kurz vor der grausamen Beinahe-Triage des Zerteilens eines Kindes.

Und auch in der Hängung von Frida Kahlos seltenem „Selbstporträt, gewidmet Dr. Eloesser“ von 1940 in herbstlich gedeckten Tönen vor entlaubten Bäumen spürt man deutlich den Bezug der Bilder aufeinander. Das Selbstbildnis, das Kahlo als Dank für eine ärztliche Behandlung auf kalifornischem Boden malte und das nur deshalb angekauft werden konnte – Mexiko würde heutzutage keine Ausfuhrgenehmigung für Gemälde seiner nationalen Ikone mehr erteilen –, bildet mit Diego Riveras formal sehr ähnlichem „Porträt der Dolores Reachi als junges Mädchen“ von 1949 daneben eine eingängige Parallele.

In der Fotografie-Abteilung – ja, auch dieses Medium sammelt Lucas neben Malerei, Skulptur, Graphik, Comic und Zeichnung ernsthaft – hängen nicht nur die bekannten Ikonen wie Dorothea Langes „Migrant Mother. Nipomo, California“ von 1936 mit der sorgenvoll in die Zukunft schauenden verhärmten Mutter und den sich schamvoll abwendenden strubbeligen Töchtern an ihren Schultern. Auch W. Eugene Smiths „A Walk to Paradise Garden“, Gordon Parks „Shady Grove, Alabama“ oder Ruud Van Empels „Mood #6“ unterstützen den Generalbass des Landes der dann doch oft begrenzten Möglichkeiten.

Aus den sieben monographischen Ausstellungsteilen zu volksnah anekdotisch erzählenden US-Künstlern wie N. C. Wyeth, Maxfield Parrish oder Joseph Leyendecker ragt jene zu Norman Rockwell heraus. Ihn einen Carl Spitzweg der amerikanischen Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu nennen, wäre keine Beleidigung. Wie Spitzweg seine biedermeierlichen Mitbürger detailliert und mit Augenzwinkern schildert und dabei – wie der Kunsthistoriker Martin Warnke eindrücklich gezeigt hat – selbst im „Armen Poeten“ eine Menge verborgener Anspielungen auch politischer Art versteckt hat, so charakterisiert Rockwell seine Zeitgenossen auf unnachahmliche Weise.

Sehr nah an den Bild für Bild ausformulierten Storyboards seiner Filme (denen mit atemnehmenden Meisterwerken wie jenem zu „Indiana Jones“ eigene Räume gewidmet sind) liegt die Kunst des Comic. Wer den Auktionsmarkt der vergangenen Jahre für die oft schwarz-weißen Graphik-Meisterwerke verfolgt hat, kam nicht umhin zu bemerken, dass häufig beträchtliche Preise von einem ungenannten Großsammler gezahlt wurden. So hängt hier im Lucas Museum das strahlend farbfrische Cover von Uderzos „Asterix und Obelix – Die Lorbeeren des Cäsar“ im Original neben „Persepolis“ der jüngst verstorbenen Marjane Satrapi neben Moebius neben Robert Crumb neben Mel Ramos neben Charles M. Schulz et cetera. Ein Schwerpunkt liegt auf den frankobelgischen Comics wie Hergés „Tintin“, doch auch frühe amerikanische Zimelien in der Kinderbuchgalerie wie John Tenniels „The Rabbit Scurried Away into the Darkness“ von 1864 schlagen in Bann. Die Liste wäre endlos fortzusetzen, aus dem Kanon der Comic-Heroen fehlt außer Walt Disney niemand, und eine eingehende Betrachtung all der in die bandes dessinées eingestreuten Finessen und liebevoll ausgestalteten Details würde allein einen Tag in Anspruch nehmen. Für jeden Comic-Aficionado wird L.A. von nun an zum Mekka.

Natürlich dürfen in der Engelsstadt mit ihren wenig engelsgleichen sozialen Ungleichheiten auch Abteilungen zu Streetart von Banksy über JR bis KWAS und zu der seit den Zwanzigern vividen Kunst des Muralismo, der politischen Monumentalwandmalerei von Diego Rivera, Thomas Hart Benton und Ben Shahn (von dem aktuell Hauptwerke in Washington durch Trump bedroht sind) bis zu modernen Vertreterinnen des Genres wie Judith F. Baca nicht fehlen.

Und selbst den Park besiedelt die gleiche kuriose Mischung aus überlebensgroßen Protagonisten seiner Filme wie dem schwabbeligen Jabba the Hutt in nobler Bronze und amerikanischen (was hier das gesamte Amerika und nicht nur die USA meint) Ikonen der skulpturalen Kunst, angefangen bei kolumbianischen Botero-Folklorefiguren bis zu Rodeo-Cowboys auf springenden Hengsten. Nach dem Parforceritt durch die vierzigtausendjährige Geschichte des Erzählens in Bildern im Innern ist diese zweite Augenweide in Grün eine Wohltat.
Lucas Museum of Narrative Art. Exposition Park, Los Angeles. Ein zweibändiger Katalog im Taschen Verlag mit 832 Seiten und den wichtigsten Bildern des Museums kostet 175 Euro.