Mann rettet mit seinen Organen vier Menschen – Witwe erzählt


Stand: 17.08.2026, 08:00 Uhr

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Thomas Götschel bekam eine neue Leber, Anja Nicole Schaaf gab die Organe ihres Mannes zur Spende frei.

Thomas Götschel bekam eine neue Leber, Anja Nicole Schaaf gab die Organe ihres Mannes zur Spende frei. © Michael Faust

Anja Nicole Schaaf verliert ihren Mann nach einer Herzoperation. Sie stimmt einer Organspende zu – und sitzt zehn Stunden an seinem Bett, um sicher zu sein, dass er wirklich tot ist.

Frankfurt – Immer wieder droht Anja Nicole Schaaf die Stimme zu brechen, wenn sie vom Pfingstwochenende 2024 spricht. Ihr Mann und sie wollten gerade in die Flitterwochen aufbrechen. „Er hatte sich extra diesen 3-Tage-Bart stehen lassen, den ich so mochte“, sagt die heute 56-Jährige. Drei Monate zuvor hatten sie geheiratet, „nach dem verflixten siebten Jahr“. Aufgrund einer genetischen Disposition hatte ihr Mann einen zu hohen Cholesterinspiegel, eigentlich habe er das mit viel Sport aber gut in Schach halten können. Doch kurz vor der Abreise geht es dem 54-Jährigen plötzlich extrem schlecht. Statt in den Urlaub fahren die beiden ins Uniklinikum.

So läuft eine Organspende ab

Um als Organspender infrage zu kommen, müssen zwei Kriterien erfüllt sein: Man atmet nicht mehr selbstständig und alle Hirnfunktionen sind unumkehrbar erloschen. Um den Hirntod festzustellen, werden verschiedene Untersuchungen gemacht. Unter anderem gehört dazu ein Gehirn-CT, nachdem man ein Kontrastmittel gespritzt hat. Erreicht das Kontrastmittel das Gehirn nicht, heißt das, dass es auch für Sauerstoff, ohne den das Gehirn nicht funktionieren kann, kein Durchkommen mehr gibt. Parallel werden die Angehörigen gefragt, ob eine Organspende in Betracht käme. Stimmen sie zu oder hat der Patient vorgesorgt, schließen sich weitere Untersuchungen an, um Krebs oder andere Krankheiten auszuschließen, die den Empfänger dahinraffen würden. Währenddessen sucht die Deutsche Stiftung Organtransplantation nach einem geeigneten Empfänger: Je besser die Gene zusammenpassen, desto kleiner ist die Abstoßung. Gibt es eine Übereinstimmung, wird das Organ entnommen und transplantiert. Die Angehörigen haben davor und danach die Möglichkeit, sich zu verabschieden.

Weil seine Herzkranzgefäße verstopft sind, muss er sofort operiert werden. „Die OP sollte fünf Stunden dauern, nach sechseinhalb wusste ich, dass etwas nicht stimmte.“ Ihr Mann erleidet eine Hirnblutung, einige Zeit später wird klar, dass er nie wieder aufwachen wird. „Das war ein Schlag ins Gesicht, der Worst Case mal 100.000“, sagt Schaaf. Und doch, als der behandelnde Oberarzt an sie herantritt und fragt, ob eine Organspende in Betracht kommt, weiß sie sofort, was zu tun ist. „Die Entscheidung fiel mir einfach, weil mein Mann entschieden hatte: Wenn der Körper nicht mehr kann, sollen Teile von ihm weiter Gutes tun.“

Vier Menschen gerettet

Nur eins ist Anja Nicole Schaaf, die am Mittwoch zum Festakt zur Ehrung der Uniklinik für deren herausragenden Einsatz für die Organspende gekommen ist, wichtig: sicher zu sein, dass ihr Mann auch wirklich tot ist. „Ich saß bestimmt zehn Stunden an seinem Bett, ich hätte gemerkt, wenn er Schmerzen gehabt hätte.“ Den letzten Ausschlag gab ein CT, das zeigte, dass das Gehirn keinen Sauerstoff mehr bekommt. Nun weint sie doch noch. „Mein Mann hat mit seinen Organen vier Menschen gerettet. Er bleibt ein Held.“

Ein solch offener Umgang mit dem Thema Organspende sei leider immer noch eher die Ausnahme, sagt Dr. Florian Raimann, der Transplantationsbeauftragte des Uniklinikums. Allein im ersten Halbjahr 2026 hätten Angehörige in 31 Fällen eine Organspende abgelehnt, 78 Prozent von ihnen hätten nur gemutmaßt, was die Sterbenden gewollt haben könnten. Dem gegenüber stehen zwölf an der Uniklinik durchgeführte Organspenden im Jahr 2025 und elf im Jahr zuvor. 600 Menschen in Hessen warten auf ein Spenderorgan.

Da klingen zwölf schon wenig, allerdings war es 2022 nur eine einzige. „Ich erinnere mich, dass wir damals telefoniert haben“, erzählt Ana Paula Barreiros, die geschäftsführende Ärztin der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) Region Mitte mit Blick auf Uniklinikums-Chef Jürgen Graf, „und du gesagt hast: Das geht so nicht“. Kurz darauf trat Florian Reimann seinen Dienst als Transplantationsbeauftragter an. Er arbeitete für jede Abteilung ein konkretes Ablaufkonzept aus, organisierte Schulungen und erinnerte die Mitarbeiter der verschiedenen Intensivstationen immer wieder daran, dass sie potenzielle Organspender identifizieren und melden sollen.

Für diese erfolgreiche Stärkung der Organspende wurde die Uniklinik vom Land Hessen und der DSO ausgezeichnet. Denn gemessen an der Zahl der Intensivbetten liegt sie bei der Zahl der Organspender bundesweit auf dem zweiten Platz. Auch Schaaf ist voll des Lobes: „Ich durfte kommen, wann ich wollte, und hatte immer einen Ansprechpartner.“ Genauso liebevoll hätten sich die Mitarbeiter um ihren Mann gekümmert. Er habe immer gepflegt ausgesehen, sei sogar rasiert gewesen. „Das hätte ihm so gefallen.“

Dass Menschen ihre Organe nach dem Tod nicht spenden, kann Schaaf nicht verstehen. „Sie kommen sonst eh nur unter die Erde oder werden verbrannt. Ich wünschte, das Thema wäre in der Gesellschaft kein so großes Tabu mehr.“ Das würde sich auch Transplantationsbeauftragter Reimann wünschen. „Ein plötzlicher Tod ist eine absolute Ausnahmesituation für die Angehörigen. Wenn man sich nie dazu geäußert hat, was man sich am Lebensende wünscht, ist die Entscheidung eine riesige Bürde, die man den Angehörigen ganz einfach nehmen könnte.“ Mit einem Testament, einer Patientenverfügung, einem Eintrag ins Organspenderegister – oder einfach einem Gespräch am Küchentisch.

Zwei Jahre auf eine Spenderleber gewartet

Ohne eines davon würde Thomas Götschel heute wohl nicht mehr leben. Er hatte eine andere Blutgruppe als seine Mutter, deshalb bekam er direkt nach der Geburt eine Bluttransfusion – die mit Hepatitis C infiziert war. Eigentlich habe er nie Probleme gehabt, bis ihm sein Arzt vor drei Jahren mitgeteilt habe, dass er an Leberkrebs erkrankt sei. „Ich war nie ein Trinker, deshalb war das doppelt blöd.“ Zwei Jahre kämpfen die Ärzte darum, dass der Tumor nicht größer wird. Zwei Jahre wartete der heute 53-Jährige auf eine Spenderleber.

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Er schaute gerade einen Actionfilm, als die Uniklinik gegen 23 Uhr bei ihm anruft. „Eigentlich hatte ich mit einer Transplantation schon abgeschlossen.“ Doch an diesem Freitagabend im November 2023 ist eine passende Spenderleber gefunden. „Von da an war alles absolut professionell, ich konnte mich einfach reinfallen lassen.“ Vor der OP sagt er zum Chirurgen: „Auch wenn es nicht klappt: Ich bin Ihnen sehr dankbar.“

Aber es klappt. „Als ich wach geworden bin, hatte ich gleich ein gutes Gefühl“, sagt Götschel. Seit die leichte Abwehrreaktion abgeklungen sei, sei alles wunderbar. „Alle hatten und haben immer ein offenes Ohr, die Menschen hier sind fast wie eine Familie für mich.“ Die Schokoküsse, die er immer wieder auf der Station verteilt, sind legendär. „Man will ja irgendwie was zurückgeben.“ Auch den Angehörigen des Spenders hat Götschel in einem anonymen Brief gedankt. „Dieser Mensch ist immer in mir und ich hege unsere Leber wie einen Schatz.“