Medien und Boulevard: Der Superlativ ist nicht super
Stand: 23.08.2026, 17:30 Uhr
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Wer zu oft und in falscher Form Alarm schlägt, erntet irgendwann nur noch Achselzucken.
Der Superlativ ist ein Feind der Vernunft. Leider ist er jedoch ein Freund der Medien. Die Boulevardpresse lebt seit jeher von fetten Ausrufezeichen und großer Lautstärke. In der digitalen Ära sind fast alle Medien ein bisschen wie Boulevardmedien geworden, auch die FR ist davon nicht frei. Im Publikum haben sich viele schon so daran gewöhnt, dass es ihnen vielleicht nicht mehr auffällt. Das Geschrei wirkt wie normale Lautstärke – und der Superlativ wie der Positiv, die grammatikalische Grundform.
Im digitalen „Spiegel“ war vor ein paar Tagen mal wieder von der angeblich „gefährlichsten Schule Deutschlands“ in Ludwigshafen zu lesen. Die Probleme dort mögen gravierend sein. Doch was soll dieses über die Maßen stigmatisierende Etikett? Um die journalistische Sorgfaltspflicht schert sich beim Texten solcher Überschriften offenbar niemand. Wo sonst wenigstens Konjunktive und Wörter wie „mutmaßlich“ oder „angeblich“ verwendet werden, fallen beim Superlativ schnell alle Regeln der Vorsicht und Verifikation. Könnte bitte mal eine Redaktion sagen, nach welchen Fakten, Kriterien und Vergleichen eine Schule zur „gefährlichsten“ ernannt werden darf?
Sollte die Antwort sein, das sei nicht wörtlich gemeint oder nur ein Zitat, und zudem gebe es dort tatsächlich echte Probleme, so wäre das ziemlich lahm. Denn das wäre etwa so, als würde man auch bei einem Menschen, der vielleicht oder mutmaßlich etwas gestohlen hat, bereits von einem Verbrecher sprechen. Oder von einem Schwerverbrecher. Ach was, am besten gleich von einem Schwerstverbrecher. Die Schlagzeile als sprachliche Form der Gewalt: Darüber könnte in Redaktionen nachgedacht werden. Der Superlativ ist nämlich gar nicht so super.
Manchmal löst sein Gebrauch größere Diskussionen aus, wie zuletzt das „Spiegel“-Cover über den AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund. Ist er „der gefährlichste Mann Deutschlands“, wie das Magazin behauptet hat? Man braucht die AfD nicht verharmlosen zu wollen, um den Superlativ hier für unangemessen zu halten. Ist Björn Höcke weniger gefährlich als Siegmund? Gibt es nicht noch weitere problematische Personen?
Auch die starke Personalisierung des möglichen Erfolgs einer rechtsextremen Partei ist fragwürdig. Doch nicht nur beim „Spiegel“, vielerorts im Journalismus herrscht offenbar noch immer die Idee vor, dass Geschichte in erster Linie von „großen“ – guten oder bösen – Menschen respektive Männern gemacht wird.
Die Medien, sogar die seriöseren, greifen oft zu ähnlichen Mitteln wie populistische Bewegungen: übertreiben und überdrehen, verengen von Themen auf einzelne Personen und einfache Geschichten. Auf den digitalen Plattformen setzt sich das fort. Dort schwanken die Beiträge und Wertungen zwischen zwei Polen: ganz großartig oder maximal mies.
Es gibt gute Gründe, vor der AfD zu warnen. Es gibt auch gute Gründe, andere Gefahren zu benennen und drastisch zu werden. Etwa wenn es um die berechtigte Sorge geht, dass die Menschheit den Moment verpasst, an dem sie eine teilweise schon eingetretene Klimakatastrophe noch halbwegs abwenden kann. Doch wer zu oft und in falscher Form Alarm schlägt, erntet irgendwann nur noch Achselzucken.
