Meeresbiologin in der Ukraine: „Meine Arbeit ist jetzt dem Krieg gewidmet“
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Es ist ein sonniger Tag am Strand von Odessa. Das Schwarze Meer ist ruhig, am Horizont sind Schiffe zu sehen. Menschen flanieren über die Uferpromenade. Gerade war wieder Luftalarm, aber das löst keine Aufregung aus. Es ist der Alltag in der ukrainischen Hafenstadt, in der das Licht so samten schimmert. Auch Natalia Dikul wirkt entspannt. Sie sitzt in einem Strandcafé, ist guter Stimmung. Sie lacht oft, aber sie sagt auch: „Ich denke jeden Tag an den Krieg.“
Natalia, 37, liebt das Meer. Sie ist Meereskundlerin, beschäftigt sich mit den Eigenschaften des Wassers, mit den Auswirkungen des Klimawandels, mit der Umwelt in den Ozeanen. Sie gerät schnell ins Schwärmen, wenn sie über das Meer spricht: „Es ist ein Planet auf dem Planeten. So vieles ist noch unerforscht.“ Es ist eine Leidenschaft, zu der sie über Umwege gefunden hat.
Als die russische Invasion im Februar 2022 über die Ukraine hereinbricht, fliehen viele Frauen mit ihren Kindern ins Ausland. Andere bleiben. Der Krieg prägt ihren Alltag und hat ihre Lebenswirklichkeit dramatisch verändert. Nichts ist mehr wie vorher. Sieben Frauen erzählen in unserer Serie, was der Krieg mit ihnen gemacht hat – und wie sie die Rolle von Frauen sehen.
Aufgewachsen ist Natalia in Sjewjerodonezk, in der Region Luhansk. Ihr Geburtsort ist mittlerweile russisch besetzt und weitgehend zerstört. Mit 17 zieht sie nach Kryvyi Rih, die Heimatstadt des ukrainischen Präsidenten. Dort studiert sie Wirtschaft, arbeitet später im Marketing. „Zum Meer bin ich gekommen, als ich mit dem Freediving begonnen habe.“ Ihren Sport betreibt sie semiprofessionell. Ihr persönlicher Tauchrekord liegt bei 43 Metern. 3,5 Minuten kann sie die Luft anhalten.
Natalia taucht in das Blue Hole im ägyptischen Dahab, erlebt meditative Momente unter Wasser. Sie will mehr über die Ozeane erfahren. Also studiert sie an der staatlichen Umwelt-Universität in Odessa und an der Universität im britischen Southampton. Jetzt arbeitet sie bei beim Nationalen Zentrum für antarktische Forschungen. Die Ukraine betreibt mit der „Akademik Vernadsky“ eine eigene Forschungsstation in der Antarktis auf der Galindez-Insel im Nordwesten der Polarregion.
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Eine Wissenschaftlerin hilft den Entschärfern
Natalia war jetzt zweimal in der Antarktis, insgesamt vier Monate. Die meiste Zeit hat sie auf der „Noosfera“ verbracht, einem ukrainischen Forschungsschiff. „Meine Studien haben sich vor allem mit dem Schmelzen der Gletscher beschäftigt.“ Als sie zwischen Dezember und Februar da war, war es für antarktische Verhältnisse ungewöhnlich warm, um die sechs Grad. „Das warme Wasser lässt die Gletscher von unten schmelzen. Die subantarktische Pinguin-Population wächst drastisch an.“
Es sind Folgen des Klimawandels. Die Forscherin ist beunruhigt: „Wir stehen kurz vor einem Kipppunkt.“ Es ist ihr ein Rätsel, warum die Welt sich bekriegt, anstatt zusammenzuarbeiten. Ob sie es sich vorstellen könnte, gemeinsam mit russischen Kollegen zu forschen? Sie schüttelt den Kopf: „Nein, nicht nach dem, was uns Russland angetan hat. Vielleicht können es unsere Kinder.“
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Der Krieg, den Russland in ihr Land getragen hat, beeinflusst auch ihre Arbeit. Natalia hat zu den ökologischen Auswirkungen der Zerstörung des Kachowka-Staudamms vor zwei Jahren geforscht. Die Russen hatten das Bauwerk damals gesprengt, etliche Ortschaften und Teile der Stadt Cherson wurden überschwemmt. Jetzt arbeitet sie als Beraterin für ukrainische Minenentschärfer.
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„Wir müssen unsere Männer unterstützen“
Das Schwarze Meer, das an diesem Tag so spiegelglatt und ruhig aussieht, ist voller tödlicher Gefahren. Minen, nicht explodierte Sprengmittel, Trümmer von abgeschossenen Landstreckendrohnen. „Die Minenentschärfer müssen in bis zu zehn Meter Tiefe arbeiten. Da unten sieht man nichts, das Wasser im Schwarzen Meer ist trübe.“ Natalia klärt die Männer über Strömungen auf, über die Schichten des Wassers. „Meine Arbeit ist jetzt größtenteils dem Krieg gewidmet.“
Natalia sagt, der Krieg beeinflusse das Leben aller Frauen in der Ukraine. „Wir müssen unsere Männer unterstützen, die an der Front für unsere Freiheit kämpfen.“ Auch ihr Mann ist Soldat. „Wir übernehmen jetzt Aufgaben, die früher üblicherweise von Männern erledigt wurden.“ Erstmals führt mit Anzhelika Hanchuk eine Frau das Kommando auf der „Akademik Vernadsky“.
Aktuelle News zum Ukraine-Krieg
Das Grauen des Krieges zeigt sich auch an diesem schönen Sommertag in Odessa. Eine Stunde nach unserem Gespräch tötet ein Schrapnell einer abgeschossenen Drohne nicht weit entfernt von dem Café eine junge Frau, die sich am Strand gesonnt hatte.