Mehr als eine Notlösung? Polen probieren Käfig-Panzerungen – wunde Punkte bleiben offen
Stand: 23.09.2026, 19:35 Uhr
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Polens Kavallerie probt den Ernstfall gegen Putin mit Leopard-Umbauten. Die NATO kämpft unter Zeitdruck um das Überleben jedes einzelnen Kampfpanzers.
Warschau – „Experten bezeichnen sie als eine begrenzte, improvisierte Lösung, die jedoch für die vorgesehenen Bedrohungsszenarien wirksam zu sein scheint“, schreibt Arie Egozi in CPM Defense-Network. Offenbar experimentieren einige NATO-Partner aktuell verstärkt an „Cope Cages“, den Gitter-Überbauten von Panzern, die im Ukraine-Krieg nicht anders gegen Drohnen-Angriffe zu schützen sind. Polen ging damit sogar in ein aktuelles Manöver – hinkt aber wohl deutlich einer Ideal-Lösung hinterher: Ihre Leopard-Panzer scheinen weiterhin dem Abschuss freigegeben zu bleiben.

„Czarny Obrońca” („Schwarzer Verteidiger”) hieß die Übung zwischen dem 14. und 24. September, während der rund 11.000 Soldaten sowie 880 Fahrzeuge und Waffensysteme der polnischen Landstreitkräfte, Luftstreitkräfte und Marine ihre Einsatzbereitschaft demonstrieren sollten. Die Hauptrolle spielte laut Militär aktuell die 11. Gepanzerte Kavalleriedivision (11 Lubuska Dywizja Kawalerii Pancernej) – in der dienen als Kampfpanzer hauptsächlich Leopard 2A4, Leopard 2A5, Leopard 2PL. Um die Lehren aus dem Ukraine-Krieg in einen nächsten Konflikt womöglich gegen Wladimir Putins Armee umzusetzen, gingen die Leopard-Panzer mit Anti-Drohnen-Käfigen ins Manöver. Allerdings blieb eine Achilles-Ferse, wie der Defense Express moniert. Vor allem über dem Sektor für Motor und Getriebe seien Schutzstrukturen ausgespart worden, schreibt Borys Gulkevych.
Greift Putin bis 2030 an? Polen schickt sich an, seine Fahrzeuge für den Ernstfall „wetterfest“ zu machen.
Was seiner Meinung nach einem Drohnenangriff Tür und Tor öffnete. Zwischen Turm und Seitenwänden hat der Defense-Express-Autor weitere Lücken ausgemacht – die hält er lediglich gegenüber den zielsichersten Piloten von First-Person-View-Drohnen für gefährlich. Allerdings sieht er deutlich, dass sich Polens Panzerkräfte anschicken, ihre Fahrzeuge für den Ernstfall „wetterfest“ zu machen: „Angesichts der Tatsache, dass die Übungen von Black Defender 26 die Interaktion mit UAVs [Unmanned Aerial Vehicle] beinhalteten und einige gepanzerte Fahrzeuge rote Kreuze aufgemalt hatten, die als Ziele für Angriffe oder Treffermarkierungen dienten, kann man davon ausgehen, dass der aktuelle Drohnenschutz eine Testversion ist und auf der Grundlage verschiedener Testergebnisse eine bessere Variante entwickelt wird.“
„Die erste Form ist die Innovation von unten nach oben, basierend auf Pioniergeist, Eigeninitiative und der Fähigkeit der Einheiten, ihre Vorgehensweisen und Ausrüstung an die operativen Gegebenheiten anzupassen. Jüngste Konflikte haben gezeigt, dass diese taktische Agilität entscheidend geworden ist.“
Laut Militär Aktuell habe der stellvertretende Verteidigungsminister Paweł Bejda betont, der Sinn von „Czarny Obrońca” liege in der Erprobung neuer Ausrüstung unter realistischen Bedingungen. Die Briten scheinen allerdings bereits entschieden zu haben, dass die Käfig-Lösung eine Sackgasse sei. Bereits Ende 2025 haben die Briten mit Käfigen aus Fiberglas experimentiert und auf jeden Fall die Hälfte des Gewichts von Stahl-Käfigen gespart. Das schien aber auch der einzige Nutzen gewesen zu sein, wie Army Technology (AT) berichtet hat. Laut einem Verantwortlichen der „ Army Trials Unit“ (ATU) hätten die Überbauten die Einsatzfähigkeiten eines versuchsweise umgebauten Challenger-2-Panzers deutlich eingeschränkt. Der ATU‑Verantwortliche äußert sich deutlich, Käfige nur im Notfall einsetzen zu wollen, wie AT berichtet:
„Wir werden uns in einem Umfeld mit vielen Drohnen befinden, [in diesem Fall] werden wir einen Schutzkäfig anbringen. Aus Nutzersicht war es jedoch sehr schwierig, den Panzer zu navigieren und taktisch einzusetzen. Das Lagebewusstsein war massiv eingeschränkt. Dinge wie [das ferngesteuerte Waffensystem] konnten nicht verwendet werden.“ Offenbar gehen die Franzosen tatsächlich pragmatischer mit dem Thema um. Im Vorfeld der europäischen Rüstungsmesse „Eurosatory“ Mitte Juni 2026 hat der französische Generalstabschef Pierre Schill verdeutlicht, dass Putins antieuropäische Aggression die NATO schlichtweg zu Kompromissen zwinge; die Entwicklung neuer Technik benötige Zeit und sei daher sekundär angesichts dessen, dass Russland die NATO bis 2030 in begrenzte Konflikte zu verwickeln drohe.
Was hilft Panzern gegen Drohnen? Trotz der rasanten Anpassungsdynamik bleibt ein Käfig erste Wahl
„Die erste Form ist die Innovation von unten nach oben, basierend auf Pioniergeist, Eigeninitiative und der Fähigkeit der Einheiten, ihre Vorgehensweisen und Ausrüstung an die operativen Gegebenheiten anzupassen. Jüngste Konflikte haben gezeigt, dass diese taktische Agilität entscheidend geworden ist“, so Schill laut Defense News. Tatsächlich ist die Käfig-Option im Ukraine-Krieg aus der Not geboren – und trotz des seit 2022 schwelenden Konflikts sowie der hohen Innovationskraft vor allem der Ukraine bleiben Panzer im offenen Gefecht Freiwild für Drohnen. Ungeachtet der kriegsbedingt rasanten Anpassungsdynamik gilt ein Käfig somit als erste Wahl. Das haben auch die beiden Supermächte USA sowie Russland begriffen und setzen ungehindert auf diese anachronistisch anmutende Technik.
US-Präsident Donald Trump ummantelt seine Panzer jetzt üppig mit Dollarnoten – vor allem in Form von Käfigen. 108 Millionen Dollar will die US-Regierung allein in diesem Haushaltsjahr in die Verbesserung der Überlebensfähigkeit ihrer Panzerwaffe investieren. Das Pentagon finanziere „ein modulares Paket an Schutztechnologien, die in aktuelle und zukünftige Panzerfahrzeuge integriert werden können, um deren Funktionalität und Überlebensfähigkeit zu erhalten“, schreibt aktuell Kyle Gunn für das Magazin Task & Purpose. Von „Radarstörern bis hin zu Thermolack“ solle die Palette reichen, so Gunn. 92 der beantragten 108 Millionen Dollar würden für „Cope Cages“ eingeplant, berichtet Task & Purpose. Gunn schreibt, dass die Verantwortlichen diese Aufbauten als „Abwehrsysteme für Angriffe auf höchstem Niveau“ erachten – anders also als etwa die Briten.
Lehre aus Ukraine-Krieg? Jetzt setzt Putin für seine Landstreitkräfte auf das Prinzip „günstig und gewaltig“
Army Technology spricht über die Tests aus 2025 von einer hohen Fiberglas-Konstruktion, „die fast den gesamten Kampfpanzer umschließt und den Dieselmotor am Heck, die Hauptluke und den Turm abdeckte und sich bis zu den Ketten erstreckte“ – also weit mehr, als sich die Polen um den Leopard herum zu bauen trauten. Der Verantwortliche der Tests aber blieb ernüchtert: „Hat es die Kampfkraft erhöht?“, soll ein mit den Tests Vertrauter gefragt haben. „Nein“, so der Test-Leiter, wie ihn AT zitiert, „denn im Großen und Ganzen verringert es die Fähigkeit, richtig zu manövrieren“. Russland allerdings scheint von solchen Rückschlägen unbeeindruckt zu bleiben, berichtet aktuell hartpunkt.
Laut dem Fachmagazin setzt Putin für seine Landstreitkräfte auf das Prinzip „günstig und gewaltig“: Die aktuell ausgelieferten Kampfpanzer der Typen T-90M und T-72B3M fahren unter einer wahrhaftigen Käseglocke und sind ausgestattet mit „dem markanten ,Tsar Tent‘ (Zarenzelt) – einer weitläufigen Anordnung aus Stahlstangen und Gummielementen, die an einem Schutzkäfig über dem Turmdach angebracht wurde. Diese Anpassung dient dazu, die Sicht der Panzerbesatzung und die Schwenkfähigkeit des Turms zu gewährleisten – was bei früheren Modifikationen für den Kampfeinsatz nicht der Fall war“, so hartpunkt-Autor Sam Cranny-Evans. Ihm zufolge hätten die Russen ihre Taktik für die Landkriegsführung insofern geändert, dass sie bewusst mit knapperen Ressourcen operieren:
„Der Schwerpunkt der Modernisierungen scheint auf der Durchhaltefähigkeit zu liegen. Das heißt, ein Kampfpanzer soll eine höhere Anzahl von Drohnen-Treffern aushalten können, um die Wahrscheinlichkeit zu steigern, dass er weiter an einer Offensive teilnehmen kann.“ Ein Prinzip, das die NATO schon immer verfolgt hat, und in dem jetzt die Antagonisten wetteifern – das aber endlich ist: „Wir stoßen an die Grenzen des Machbaren, was den Schutz einer Plattform angeht, ohne dass sie zu groß oder zu schwer für die zivile Infrastruktur wird“, hatte der britische Telegraph bereits 2022 Jack Watling vom britischen Thinktank „Royal United Services Institute“ (RUSI) zitiert.
Vielleicht wird auch die Käfig-Lösung künftig praktikabler, weil Panzer in der Zukunft ihren Turm einbüßen könnten und ohnehin anders manövrieren müssten, weil sie anders eingesetzt würden, so Ralf Raths, der Wissenschaftliche Direktor des Deutschen Panzermuseums in Munster gegenüber IPPEN.MEDIA: „Vielleicht kommen Fahrzeuge wie die früheren Sturmgeschütze wieder in Mode.“ (Quellen: CPM Defense-Network, Militär aktuell, Defense Express, Army Technology, Defense News, Task & Purpose, hartpunkt, Telegraph) (hz)