Schenderlein wird als Staatsministerin für Sport und Ehrenamt abberufen – Nachfolge offen


Der Sport ist meist das letzte Glied in einer Nachrichtensendung, das galt schon bei den Komikern von „RTL Samstag Nacht“ („Und damit zum Spooocht!“). Und es galt auch am Montagmittag, als Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) den nächsten Akt seiner „Neujustierung“ im Kabinett verkündete. Merz wiederholte, wie zu Beginn einer neuen Serienepisode bei Netflix, was zuletzt geschehen war, dann ging es weiter mit allerlei neuen Twists; etwa zum neuen Verkehrsminister, dessen Verkündung Merz vor einigen Tagen hatte aufschieben müssen, weil ihm der Wunschkandidat kurz zuvor abgesprungen war. Ehe das Staatsministerium für Sport und Ehrenamt an der Reihe war.

Da bestätigte Merz, was zuletzt schon durchgesickert war: Christiane Schenderlein, vor 14 Monaten erst ins Amt gehievt, wird als Parlamentarische Sekretärin zum neuen Gesundheitsminister transferiert. Dann baute Merz den nächsten Cliffhanger ein. Wer auf Schenderlein folgen soll, werde er „zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgeben“. Konfrontiert mit der Meldung, dass laut Handelsblatt Nadine Keßler die Auserwählte sei, die einstige Fußballerin und heutige Fußballfunktionärin, antwortete Merz in bester Fußballfunktionär-Manier, dass er über keine Namen spekuliere, sich aber „zügig“ um Vollzug kümmern wolle.

Es ist durchaus verständlich, dass Ministerposten für Sport und Ehrenamt bei diesem personalpolitischen Sommersturm gerade an die Seite gewirbelt werden, andererseits: Es soll ja durchaus ein paar Millionen Menschen geben, die sich hierzulande ehrenamtlich engagieren, insbesondere in Sportvereinen. Zum anderen verantwortet der Staatsminister auch die Spitzensportförderung, was vor allem immer dann Nachrichtenwert hat, wenn deutsche Athleten alle zwei Jahre in den olympischen Medaillenwertungen abrutschen. In jedem Fall konnte man an der Art, wie um diesen Posten in den vergangenen Tagen debattiert worden war, einiges ablesen – bis hin zur Frage, was ein Staatsministerium für Sport und Ehrenamt leisten soll.

Nadine Keßler soll seit zwei Wochen überlegen, ob sie den Ministerposten annehmen soll

Dass es eine Abteilung für Sport und Ehrenamt im Kanzleramt gibt, war ein Novum zu Beginn der aktuellen Legislatur; vor allem die Interessenvertreter des Sports hatten sich davon Großes erhofft. Der Sport war zuvor im Innenministerium angesiedelt gewesen, dort wähnten ihn viele als Anhängsel. Ein Staatsminister im Kanzleramt dagegen würde die Interessen des Sports direkt am Tisch platzieren, wenn dort über alle wichtigen Vorhaben debattiert würde, von der Rente über Infrastruktur bis zum Finanzhaushalt.

Die erste Ernüchterung folgte, als Christiane Schenderlein als neue Amtsinhaberin präsentiert wurde. Der organisierte Sport hatte sich, wenig überraschend, einen Fürsprecher erhofft, in jedem Fall jemanden, der die verwinkelten Gänge des Betriebs etwas kennt, mit all seinen Sportfachverbänden und Landessportbünden. Schenderlein? Brachte Expertise überall außer im Sport mit, vor allem in der Kultur. Wichtiger war offenbar, dass sie als Frau aus dem ostdeutschen Flügel der CDU gewisse Proporzkriterien erfüllte. Auch deshalb war der Flügel dem Vernehmen nach vor den Landtagswahlen in Ostdeutschland zuletzt mächtig sauer über Schenderleins Abberufung – und würde es im Falle einer Berufung der Pfälzerin Keßler auch bleiben.

Die zweite Ernüchterung – für den Sport – setzte ein, als Schenderlein das zentrale Gesetzesvorhaben der Koalition präsentierte: das neue Sportfördergesetz, das die jahrelangen Reformbemühungen der Politik zum Abschluss führen sollte. Der erste Entwurf ballte dann viel Macht in den Händen einer Spitzensportagentur, die deutlich unabhängiger als bisher von Sport und Politik die Förderung lenken sollte. Der Sport, der so lange Fördergelder empfangen und zugleich darüber mitentschieden hatte, war selbst in Aufsichtsgremien an den Rand gedrängt – ein Umstand, den zentrale Organe wie der Bundesrechnungshof stets eingefordert hatten. Olaf Tabor, im DOSB zuständig für die Leistungssportabteilung, verstieg sich in einer ersten Reaktion gar in die These, die Politik plane den „Staatssport“

Entscheidend war freilich, wie das Gesetz den Bundestag zuletzt verließ, und da durfte sich der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) als Dachvertretung des Sports keineswegs beschweren. Er hatte sich im Aufsichtsrat der geplanten Spitzensportagentur etwa deutlich mehr Einfluss gesichert, dazu gar ein verkapptes Vetorecht für die Wahl der beiden Vorstände, die künftig maßgeblich entscheiden sollen, wie der Spitzensport hierzulande gefördert wird.

DOSB-Mitgliederversammlung

:Es ruckelt mal wieder zwischen Sport und Politik

Der Deutsche Olympische Sportbund feiert bei seiner Mitgliederversammlung seine Olympiabewerbung. Doch das wird vor allem vom Streit mit der Politik über das Sportfördergesetz überlagert.

Und noch eine Änderung, die zumindest manche Sportverbände nicht grämen dürfte: Sie müssen sich dem Zentrum für Safe Sport, das alle Formen von interpersonaler Gewalt künftig unabhängig untersuchen soll, nicht verpflichtend anschließen, um Fördergelder zu erhalten. Dass Bund und Länder dieses Zentrum zuletzt gegründet hatten, schrieb sich Schenderlein in ihrer Bilanz, die sie am Montag verkündete, gleichwohl auf die Fahnen, so wie den Umstand, dass ihr Sportfördergesetz „in der letzten Sitzungswoche mit großer Mehrheit vom Bundestag verabschiedet“ wurde. Alles in allem habe sie in 14 Monaten „die zentralen Vorhaben des Koalitionsvertrages“ umgesetzt, dazu zähle auch mehr Geld für den Spitzensporthaushalt, für Trainerinnen und Trainer und weniger Bürokratie für Ehrenamtliche. Dass sie über ihren Transfer wohl keineswegs nur erfreut war, verhüllte sie hinter der Feststellung, dass sie den Wunsch des Kanzlers respektiere.

Weshalb sie dann gehen musste? Da kursierten in sportpolitischen Zirkeln am Montag durchaus abweichende Deutungen. Manche, wie Dagmar Freitag (SPD), einst Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, merkten an, dass das Sportfördergesetz klar die Handschrift des DOSB trage; der Paradigmenwechsel, den Schenderlein sich vorgenommen hatte, wäre demnach gescheitert. Andere bemerkten, dass die Staatsministerin beim Sportfördergesetz trotz aller Aufweichungen dem Sport noch einiges entgegengesetzt habe, der DOSB also durchaus Grund zum Grollen habe. (DOSB-Vorstand Otto Fricke dankte Schenderlein am Montag „für die gute und angenehme Zusammenarbeit trotz teils unterschiedlicher Interessen“.) Relativ unbestritten ist, dass Schenderlein selbst vielen in der eigenen Fraktion am Ende zu sportfern war, in vielen Fragen überfordert wirkte. Man spürte das, wenn Schenderlein hinter geschlossenen Türen problematische Vorgänge wie jene in der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft recht sanft behandelte – auch wenn sie damit längst nicht alleine war –, oder wenn Abgeordnete von CDU und CSU der Ministerin selbst in öffentlichen Sitzungen nicht beisprangen.

So dürfte sich an der Nachfolge, die Merz „zügig“ verkünden will, auch ablesen lassen, welche Art von Staatsminister sich der Kanzler wünscht. Zum einen soll ja auch der Bund ab dem kommenden September eine deutsche Olympiabewerbung vorantreiben, wobei diese außenpolitische Lobbyarbeit im Grunde nicht in den Kernbereich einer Staatsministerin fällt. Diese soll im Kanzleramt zuvorderst alle Schnittstellen zum Sport abklopfen, sei es bei Gesetzesvorhaben zu Steuer, Rente, Arbeitsschutz oder Infrastruktur, das alles für die Bereiche Sport und Ehrenamt – ein kleinteiliges wie komplexes Unterfangen, das ohne profunde Kenntnisse eines Verwaltungsapparats noch komplexer wird.

So ist es umso spannender, dass Nadine Keßler zuletzt in die Pole-Position gerückt ist. Die einstige Nationalspielerin des VfL Wolfsburg verantwortete als Funktionärin bei der europäischen Fußball-Union (Uefa) bis zuletzt die Frauenfußballsparte. Keßler hat sich dort dem Vernehmen nach durch ihr Organisationstalent bewiesen, sie gilt als ausgewiesen durchsetzungsfähig. Ein Staatsministerposten erfordert aber noch einmal ganz andere Fertigkeiten, zumal von einer Managerin aus dem Profibereich, die künftig auch fürs Ehrenamt zuständig sein soll. Schon wird im Hintergrund spekuliert, ob sich der soeben runderneuerte Fußball eine Lobby im Lande schaffen will: Hans-Joachim Watzke, der Vizepräsident im Deutschen Fußball-Bund (DFB), spielte schon in der Bundestrainerpersonalie Jürgen Klopp eine zentrale Rolle; er gilt auch als Keßlers Fürsprecher – und als Jugendfreund von Friedrich Merz.

Trotzdem hat die 38-Jährige nach SZ-Informationen mindestens bis zum Montagmittag gezögert. Dabei hatte sie den Gedanken, die Uefa Richtung Kanzleramt zu verlassen, schon vor rund zwei Wochen am Uefa-Sitz in Nyon platziert, also weit vor Merz’ Personalrochade am Montag.

Fortsetzung folgt.