Mio und die Unsterblichkeit. Ein Vorabdruck aus Paulus Hochgatterers neuem Roman


Vorabdruck

Mio und die Unsterblichkeit. Ein Vorabdruck aus Paulus Hochgatterers neuem Roman

Paulus Hochgatterers neues Buch handelt von Vergänglichkeit, Wandel, einem Jungen namens Ingemar und von dem, was bleibt

Paulus Hochgatterer

Ein Montag

Ich heiße Ingemar.

Wenn ich das sage, reagieren alle gleich. Wie Stenmark?, fragen sie, und ich sage, ja, wie Stenmark. Manchen steht ins Gesicht geschrieben, dass sie sich am liebsten die Zunge ­abbeißen würden, manche tun so, als wäre nichts, und manche sagen noch: sechsundachtzig Siege im Weltcup, vierzig im Sla­lom, sechsundvierzig im Riesentorlauf. Einige schauen mich an, zögern ein wenig, und du merkst, wie auch sie am liebsten fragen würden: Wie Stenmark? Im letzten Moment kriegen sie die Kurve. Schöner Name, sagen sie dann, kommst du aus Schweden?

Mein Vater behauptet, der Name sei seine Idee gewesen. "In meiner skandinavischen Phase", sagt er, und dann erzählt er von Rentieren, von der Mitternachtssonne und von Nordlichtern auf den Lofoten. Er habe in dieser Zeit beim Anstoßen "Skål" gesagt oder "Hölkyn kölkyn" und sogar diesen fürchterlichen luftgetrockneten Dorsch gegessen. Für seinen Sohn sei einfach kein anderer Name in Frage gekommen. Mit Stenmark habe das Ganze nichts zu tun.

Der alte Mann hält das alles für ein Märchen. "Weißt du, was ich glaube", sagt er und hat dabei dieses Lächeln im Gesicht, das du nur an den Augenwinkeln merkst. "Ich glaube, deine Mutter war als kleines Mädchen in Stenmark verliebt und hat darauf bestanden, dich nach ihm zu nennen. Deinem Vater war das so unangenehm, dass er seine Hölkyn-­kölkyn-Geschichte erfunden und die Verantwortung auf sich genommen hat." Alle seien damals in Stenmark verliebt gewesen, sagt er, auch seine Frau.

Eigentlich braucht man über diese Sache nicht weiter zu reden. In meiner Geburtsurkunde steht "Ingemar" und fertig. Dass meine Eltern zwischendurch einmal überlegt haben, mir einen anderen Vornamen zu geben, ist peinlich, aber nicht so schwer zu verstehen. Ich war sieben oder acht, genau weiß ich es nicht mehr. Jedenfalls war es in der Zeit, in der ich mich mit Unterstützung ein paar Sekunden lang auf den Beinen halten konnte. Andere Dinge – Laufen, Springen, Stehen auf Zehenspitzen – gingen auch damals nicht. Im Turnunterricht saß ich meistens am Rand des Saales. Manchmal wurde jemand bestimmt, dem ich einen Ball zuwerfen sollte. Zwei, drei Minuten Ballwerfen, dann war Schluss. Einmal hörte Gerhard, ein Klassenkollege mit breitem Hintern und unruhigen Augen, nicht auf, den Ball zurückzuwerfen. Er warf und warf, obwohl er sah, dass ich die Arme nicht mehr hochkriegte. Am Schluss warf er mir den Ball ins Gesicht. Dann sagte er: "Deine Eltern müssen ganz schön blöd sein, dich nach einem Skirennläufer zu ­nennen."

Meine Mutter weinte, als ich die Sache zu Hause berichtete, und mein Vater stammelte irgendwas vom Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt. Dann sagte er, er werde jetzt auf der Stelle Frau Graff, meine Lehrerin, anrufen, so etwas gehe nicht. Ich sagte drauf: "Die wird nichts tun." Mein ­Vater fragte, warum nicht, und ich sagte: "Gerhard hat Zipfel­ohren." Meine Mutter fragte, was ich damit meine, und ich sagte: "Menschen mit Zipfelohren sind böse." Sie bekam sofort ihren Psychotherapeutinnenblick und sagte, man dürfe Menschen wegen ihrer körperlichen Eigenheiten nicht verspotten, und mein Vater sagte, wenn ich wolle, könne ich mir einen neuen Vornamen aussuchen. So etwas sei möglich, man brauche nur aufs Standesamt zu gehen.

Ein Mann mittleren Alters mit Brille und kurzem, hellbraunem Haar trägt ein dunkelblaues Sakko und ein schwarzes Hemd. Er blickt freundlich Richtung Kamera. Der Hintergrund zeigt eine helle, strukturierte Wand.
Paulus Hochgatterer, geboren 1961 in Amstetten/Niederösterreich, lebt als Schriftsteller und Kinderpsychiater in Wien. Er erhielt diverse Preise und Auszeichnungen, u.a. den Österreichischen Kunstpreis 2010.

Als ich das Ganze später dem alten Mann berichtete, sagte er, er kenne auch böse Menschen mit Zipfelohren. Es sei eigentlich erstaunlich, dass so wenig über diesen Zusammenhang gesprochen werde. Dann lachte er und meinte, dieser Gerhard habe natürlich in erster Linie ein paar Flatterwatschen verdient, linksrechtslinksrechts. Den Verzweiflungsvorschlag meines Vaters könne er allerdings auch verstehen. Krüppelkinder solle man nicht kränken, schon gar nicht, indem man ihnen die Namen von Skirennläufern gebe, und wenn man die Sache ausbessern könne – warum nicht. Er selbst habe da übrigens einen Vornamen im Köcher, den er mir sofort überlassen würde, neuwertig, könne man sagen, oder genauer: ein einziges Mal verwendet, vor ziemlich genau vierundneunzig Jahren.

Am späten Abend des 14. November 1932, erzählte der alte Mann, sei sein Bruder zur Welt gekommen, völlig überraschend und vier Wochen zu früh. Die Hebamme, die man ­gerade noch verständigen habe können, habe nicht einmal ­ihren Mantel abgelegt gehabt, als sie ihn, gewissermaßen im Hineinstürzen ins einzige Schlafzimmer der kleinen Schneiderkeusche, in der die Familie gewohnt habe, in einem bereitliegenden frischen Leintuch aufgefangen habe. Der Bub habe zwar nur zwei Kilo vierzig gewogen, sei jedoch von Anfang an rosig gewesen und habe kräftig geschrien. Er habe weder einen Klaps gebraucht noch kaltes Wasser, und es sei völlig klar gewesen, dass er nach dem Vater Josef heißen werde, wie denn auch sonst. Die Hebamme habe das Kind abgenabelt und mit einem Waschlappen provisorisch gereinigt. Erst danach sei sie aus ihrem Mantel geschlüpft. Sie habe den Vater des alten Mannes um eine Tasse Feigenkaffee gebeten und sich dann hingesetzt, um auf die Nachgeburt zu warten.

Und dann sei er gekommen, sagte der alte Mann, die Hebamme sei mit ihrem Feigenkaffee gerade fertig gewesen. Keiner habe mit ihm gerechnet gehabt, Ultraschall­untersuchungen habe es nicht gegeben, Zwillingspaare in der Verwandtschaft genauso wenig. Winzig und blau, sei er plötzlich dagelegen, und die Hebamme, deren erster Kommentar "Noch einer!" gelautet habe, habe in ihrer Überraschung ein paar Sekunden gebraucht, ihn an den Knöcheln zu fassen und hochzuheben. Er habe ebenfalls ausreichend prompt geatmet, und es sei alles, was man sich so wünsche, an ihm dran gewesen. Angesichts des Gewichts von einem Kilo fünfundsiebzig habe die Hebamme jedoch auf einer Nottaufe bestanden. Der Teufel schlafe nicht, und wenn er verhindern könne, dass die Seele eines Neugeborenen in den Himmel komme, freue er sich besonders. "Wie nennen wir ihn denn?", habe sie gefragt. Da der Vater in seiner Überwältigung stumm geblieben sei, habe sie einen Namenskalender aus ihrer Tasche gezogen und nach einem Blick in denselben "Leopold" gesagt. "Aber Leopoldi ist erst morgen", habe der Vater gestammelt. Die Hebamme habe gelacht und auf ihre Armbanduhr getippt. "Heute", habe sie gesagt, Mitternacht sei inzwischen vorüber. Der Vater habe den Weihwasserkrug geholt, alle drei – er, die Hebamme und auch die durch die unerwartete Segnung zweier Buben sichtlich überforderte Mutter – hätten den Daumen eingetaucht und ein Kreuz auf die Stirn des Kindes gezeichnet. Die Hebamme habe die übliche Formel gesprochen und unmittelbar danach, mit dem Vermerk "lebend ge­boren, notgetauft, römisch-katholisch" den Namen "Leo­pold" auf den Geburtsbogen geschrieben. Als Tag der Geburt habe sie allerdings den 14. und nicht den 15. November eingetragen – Zwillinge mit unterschiedlichem Geburtsdatum seien im Personenstandsregister nicht vorgesehen.

Drei Tage später sei die Schwester seiner Mutter auf Besuch gekommen, erzählte der alte Mann, um "die Kinder zu preisen", wie es in dieser Gegend heiße. Ihr Ehemann, dem einen Buben als Taufpate zugedacht, sei gleich damit einverstanden gewesen, sein künftiges Amt auf den anderen auszudehnen, unter der Bedingung allerdings, dass derselbe ab sofort seinen Namen trage.

Eine schwarze Katze schaut hinter einem roten Mauervorsprung hervor.
Schwarz und wach: Eine Katze spielt im Verlauf von Paulus Hochgatterers Roman, der am 27. August erscheint, eine tragende Rolle.

Drei Tage lang sei er also Leopold gewesen; drei Tage lang sei auf diese Weise sein wahres Geburtsdatum bezeugt worden, sagte der alte Mann. Mit den folgenden Jahrzehnten als Karl sei er gut zurechtgekommen, gebe es doch, wenn man ehrlich sei, hinsichtlich Solidität keinen nennenswerten Unterschied zwischen "Karl" und "Leopold".

Ich wisse zwar nicht, was er mit Solidität genau meine, sagte ich, als mir der alte Mann damals den Vorschlag machte, aber, nein danke, den "Leopold" dürfe er behalten, er solle nicht böse sein. "Vielleicht brauchen Sie ihn selbst noch einmal", sagte ich, "vielleicht hängt Ihnen Ihr 'Karl' in ein paar Jahren doch zum Hals raus." Er grinste. Ja, vielleicht, sagte er, dann nehme er sich meinen "Ingemar".

Die Sache mit der Anrede war übrigens ziemlich rasch erledigt zwischen uns. "Du sagst 'Sie' zu mir", sagte er, "alles andere wäre komisch. Außerdem darfst du mich 'alter Mann' nennen." "Sie dürfen 'Krüppelkind' zu mir sagen", antwortete ich. "Will ich aber nicht", sagte er. Ich sagte, ein klares "Krüppelkind" fühle sich hundertmal besser an als ein durch die Zähne gequetschter "Mensch mit Beeinträchtigung". Er sagte: "Du bist nicht der alleinige Maßstab", und ich sagte, na, wer denn sonst.

An solchen Punkten fange ich an nachzudenken. Nicht darüber, ob man "Krüppelkind" sagen darf oder "Fettsack" oder "Eskimo". Über das Allgemeine. Zum Beispiel darüber, ob es überhaupt andere Maßstäbe gibt als die, die man in sich trägt. "Du denkst über die großen Dinge nach", sagt der alte Mann. "Die kleinen lohnen sich nicht", sage ich, obwohl ich weiß, dass das Unsinn ist. "Und ob sich die kleinen lohnen", sagt der alte Mann. "Beweisen Sie’s mir", sage ich. Er überlegt und nach einer Weile beginnt er von früher zu erzählen, von seiner Kindheit oder von seiner Zeit als Lehrer, davon zum Beispiel, wie seine Schwester versucht habe, ihm und seinem Bruder das Kreuzstich­sticken beizubringen, oder von jenem alten Militärfernglas, das bei ihnen zu Hause herumgelegen sei. Mit ihm habe er Wolken und Jagdflugzeuge beobachtet und, viel später, gemeinsam mit den Kindern seiner Schulklasse, die Kraniche am Herbst­himmel oder die Rehe auf den Äckern neben dem Schulgebäude.

Die kleinen und die großen Dinge. Seit zwei Tagen habe ich dieses Gefühl im rechten Unterarm. Als würden unter der Haut winzige Bürstchen auf und ab fahren. Al-Wahidi sagt zwar, es gebe da keinen Zusammenhang, aber ich schätze, dieses Gefühl ist kein gutes Zeichen. Den Mittelfinger, den Ringfinger und den kleinen Finger der rechten Hand kann ich noch beugen und strecken. Besser beugen als strecken. Daumen und Zeigefinger haben sich vor drei, vier Monaten verabschiedet. Da waren vorher auch die Bürstchen da.

Fred hat damals geweint. Wochenlang hatte er mit mir Pinzettengriff trainiert, dann war es plötzlich vorbei. "Mach dir nichts draus", hab ich gesagt, "atmen, reden, denken ist auch okay." "Nur atmen, reden, denken ist Scheiße", hat er gesagt. Dann hat er sich dafür entschuldigt. Fred ist mein Physiotherapeut. Er weint sonst nie.

Ich drücke auf den Knopf. Ich möchte raus. Lori kommt. "Wo ist Jack?", frage ich. "Keine Ahnung", sagt sie, "was brauchst du?" "Den Lamborghini", sage ich, "ich möchte raus." "Ich kann das nicht", sagt sie. "Weiß ich", sage ich, "wo ist Jack?"

Buchcover von
Paulus Hochgatterer, "Mio und die Unsterblichkeit". Roman. € 23,70 / 144 Seiten. Zsolnay, Wien 2026. (Das Buch erscheint am 27. August).

"Hier." Er steht in der Tür, schiebt Lori zur Seite. "Ich will raus", sage ich.

Jack studiert Forstwirtschaft, spielt stundenlang "­League of Legends" und ist mein persönlicher Assistent. Das heißt, er ist da, wenn meine Eltern nicht können. Oder wollen. Er sagt, er ist mein Kammerdiener. Über die großen Dinge rede ich mit ihm nicht.

Ich weiß nicht, warum, aber der Moment, in dem er mich rüberhebt, ist immer einer, in dem die Zeit stillsteht und ich nachdenke oder mir Kitschdinge vorstelle.

Diesmal stelle ich mir vor, dass ich gern einen Seidenschwanz sehen würde, kurz nur, eine halbe Minute, höchstens. Ich stelle mir den rundlichen Körper vor, die Federhaube, die Farbflecken. Einer würde mir genügen, draußen auf dem Strauch vielleicht, zwischen den roten Beeren. Ich weiß, einer allein wäre ungewöhnlich, aber das ist mir egal. Seidenschwänze kommen in Scharen, landen auf Eber­eschen und trillern ganz leise. Sie sind Irrgäste aus Russland. So hat es der alte Mann erzählt. (Paulus Hochgatterer, 22.8.2016)

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