Mit 78 in Ruhestand: Liebe machte ihn zum Fototechniker


Stand: 03.10.2026, 08:00 Uhr

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In dieser Werkstatt reparierte Heinrich Gerhardt 56 Jahre lang Fotokameras.

In dieser Werkstatt reparierte Heinrich Gerhardt 56 Jahre lang Fotokameras. © Arndt Pröhl

Heinrich Gerhardt aus Bad Heilbrunn lernte den Beruf nur, um seinen künftigen Schwiegervater zu beeindrucken. 56 Jahre später geht er in den Ruhestand.

Bad Heilbrunn – 1972 wusste Heinrich Gerhardt: „Anka ist die Frau meines Lebens, ich will sie heiraten.“ Blieb nur die Frage, wie er seinen künftigen Schwiegervater davon überzeugen konnte, dass er der Richtige für dessen Tochter war. Gerhardt kam eine Idee: „Ich könnte eine Ausbildung zum Foto-Mechaniker machen.“ Denn sein künftiger Schwiegervater war begeisterter Hobbyfotograf – und Gerhardt wusste, dass er damit punkten konnte. Es sollte eine der besten Entscheidungen seines Lebens werden. Der Schwiegervater war von seinen Fähigkeiten beeindruckt. Heinrich Gerhardt und Anka sind inzwischen seit 54 Jahren glücklich verheiratet – und aus dem Versuch, den Schwiegervater zu überzeugen, wurde ein Beruf fürs Leben. Nach 56 Jahren als Fotomechaniker ging er nun in den Ruhestand.

„Klapperdinger, die die Flüge anzeigen“ gebaut

Nach dem Schulabschluss 1962 zog es Heinrich Gerhardt ins Handwerk. Er ging bei der Düsseldorfer Firma Kiepe, einem Hersteller von Elektroausrüstungen für Straßenbahnen und Züge, in die Lehre. „Das war sehr vielseitig, man musste in allen Richtungen Metall bearbeiten – drehen, fräsen, bohren, schweißen, löten, lackieren.“ Hier eignete er sich Fähigkeiten an, die ihm später entscheidend helfen sollten. Nach der Bundeswehr wechselte er zur Firma Autophon. Dort baute er als Mechaniker elektronische Informationsanlagen für Börsen, Banken und Flughäfen. „So Klapperdinger, die die Flüge anzeigen“, sagt Gerhardt.

Vom Techniker zum Chef – und zurück

Dann gab es einen doppelten Umbruch: 1969 lernte Heinrich Gerhardt im Fasching seine Anka kennen, und die Firma Autophon zog nach Kassel um. Gerhardt musste sich deshalb nach einem neuen Arbeitgeber umsehen. Da kam es ihm gelegen, dass der Kamera- und Objektivhersteller Canon gerade Techniker suchte. Den rasanten Aufstieg des Unternehmens erlebte er hautnah mit: „Als ich 1970 bei Canon angefangen habe, waren wir neun Techniker“, erinnert er sich. „1982 war ich Werkstattleiter, wir hatten 100 Techniker und 25 Leute im administrativen Bereich.“ Doch als Chef von 125 Mitarbeitern fühlte er sich zunehmend unwohl: „Man kümmert sich nur noch um die Verwaltung und Kundenakquise – das war überhaupt nicht mein Ding.“

„Das hat sofort eingeschlagen“

Versuchsweise arbeitete Gerhardt als Selbstständiger nach Feierabend als Fotomechaniker: „Das hat sofort eingeschlagen“, erinnert sich Anka Gerhardt. „Er ist zu Fotohändlern gegangen und kam mit Taschen voller Kameras zurück.“ Als Anka ein Haus in Bad Heilbrunn erbte, beschlossen die Gerhardts 1985, vom Rheinland nach Oberbayern zu ziehen. „Den Fotohändlern war es egal, ob sie ihre Kamera nach Düsseldorf oder Bad Heilbrunn schicken.“

„Unsere Ehejahre zählen doppelt“

Noch vor der Eröffnung der Werkstatt und ohne jede Werbung standen die ersten Kunden vor der Tür: „Am Anfang mussten die Leute noch durch die Wohnungen meiner Tante zur Werkstatt gehen“, erinnert sich Anka. Die gelernte Arzthelferin musste sich in ihrer neuen Rolle erst zurechtfinden. „Bei Canon hatte mein Mann eine Sekretärin. Das hat er bei mir auch versucht: ,Hol‘ mal, bring‘ mal, mach‘ mal, schreib‘ mal.‘“ Sie gewöhnte sich jedoch schnell daran – ebenso daran, zusätzlich Haushalt und die 1987 geborenen Zwillinge zu versorgen. „Ich sage immer: Unsere Ehejahre zählen doppelt, weil Tag und Nacht zusammen sind. Aber das ist schön, da kann man fachsimpeln.“ Heinrich Gerhardt bestätigt: „Wir haben uns prima ergänzt in der Zusammenarbeit.“

Ein-, zweimal täglich ein Erfolgserlebnis

Nicht im Traum hätte er daran gedacht, bis zu seinem 78. Lebensjahr als Fotomechaniker zu arbeiten: „Eigentlich habe ich gedacht: Vielleicht hast du mit 50 genügend Geld beisammen, um in Rente gehen zu können. Aber dann hat mir die Arbeit so viel Spaß gemacht, dass ich das Thema immer wieder vor mir hergeschoben habe. Man hat einfach ein-, zweimal täglich das befriedigende Erlebnis, dass man was repariert hat.“

Digitale Kameras etwas „langweilig“

Über das Aufhören dachte er nur nach, als Anfang der 2000er-Jahre das Geschäft mit analogen Kameras zusammenbrach und die Digitalkameras immer stärker aufkamen. „Da habe ich mir gedacht: Damit fängst du nicht mehr an. Aber es half nichts, also haben wir’s gemacht.“ Die Arbeit sei seither „ein bisschen langweilig“ geworden, meist gehe es nur um das Einsetzen von elektronischen Baugruppen. „Bei analogen Kameras war’s ein Tüfteln. Da musste man schauen: Welcher Hebel geht nicht mehr? Ist etwas abgebrochen? Ist was verharzt?“ Besonders anspruchsvoll war das Anfertigen winziger Bauteile: „Man musste überlegen: Was ist das richtige Material? Wie packe ich es an? Man musste feilen, biegen, bohren, drehen – die Teile waren teilweise gerade mal einen Zentimeter groß.“ In den vergangenen Jahren hätten die Kunden wieder mehr analoge Kameras zur Reparatur gebracht: „Das hat mich sehr gefreut.“

Viele amüsante Begegnungen

Über all die amüsanten Begegnungen hätten die beiden längst ein Buch schreiben können. Zum Beispiel über die Begegnung mit einem Kunden, der sich darüber beklagte, dass seine Pocketkamera immer unscharfe Fotos macht – bis Heinrich Gerhardt ihm erklärte, dass er die Kamera falsch herum hielt.

Marktlücke bis heute

Bis heute gibt es rund um Bad Tölz und Penzberg keine weitere freie Werkstatt für Fotoreparaturen. Gerhardt resümiert: „Wir haben eine Marktlücke entdeckt – und die ist bis heute geblieben.“ In Zukunft will er mehr Zeit mit seiner Familie und den drei Enkelinnen verbringen, mit dem Wohnmobil verreisen, im Garten sitzen, lesen – oder einfach mal nichts tun.