Mitten im Hochsommer werfen Eichen die Blätter ab


Stand: 23.07.2026, 06:00 Uhr

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Holger Scheel mit : Diese Birke wird nicht mehr lange leben

Holger Scheel vor einer Birke, die nicht überleben wird. © Dieter Sattler

Nach den jüngsten Hitzewellen übersäen gelbe und braune Blätter den Schwanheimer Wald. Die Stadt testet auf einer Versuchsfläche hitzeresistente Baumarten wie die Flaumeiche.

Frankfurt – „Sehen Sie sich das mal an.“ Der ehemalige Schwanheimer Revierförster Holger Scheel, der sich jetzt im Ruhestand für die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) engagiert, hält ein fast völlig angebräuntes Eichenblatt in der Hand. „Es ist vertrocknet, fast verbrannt.“

Holger Scheel  vor 20 Jahren wäre er hier noch unter Baumkronendach gelaufen

Vor 20 Jahren wäre man hier noch unter Baumkronendach gelaufen. © Dieter Sattler

Gleich zu Beginn der Bestandsaufnahme im Schwanheimer Wald, der offiziell zum Stadtwald gehört, fällt auf, dass nach den jüngsten beiden Hitzewellen der Boden von gelben bis braunen Blättern übersät ist. Fast wie im Herbst. Die Bäume werfen zwei, drei Monate zu früh die Blätter ab. Denn: „Hitze und Trockenheit setzen die Bäume unter Stress“, erklärt Scheel. Um Ressourcen zu sparen, holen die Bäume aus den Blättern den Nährstoff Chlorophyll zurück, der die Blätter grün färbt, um ihre Überlebenschancen zu verbessern. Sie versuchen ihre Substanz zu retten.

Aber auch dieser Selbstschutzmechanismus stößt an Grenzen. Viele der Stieleichen sind in der Krone fast kahl. „Das sieht dort oben aus wie ein Hirschgeweih“, so Scheel, der zu sagen pflegt: „Wenn man mitten im Wald oben den Himmel sieht, geht es dem Wald schlecht.“ Interessanterweise treibt manche Eiche, die den oberen Teil nicht mehr versorgen kann, unten neue Äste aus, weil das für sie nicht so anstrengend ist.

Da in Frankfurt der globale Klimawandel nicht gestoppt werden kann, empfiehlt Scheel, durch die Anpflanzung neuer Baumarten zumindest den Stadtwald zu retten. Er denkt da zum Beispiel an die Flaumeiche. Die sei hitzeresilienter und habe es während einer Wärmeperiode vor mehreren 1000 Jahren in unseren Breiten schon gegeben. Jetzt sei sie vorwiegend in Südeuropa zu finden. Da unsere Temperaturen jetzt vergleichbar würden, sei anzunehmen, dass die Flaumeiche über Jahrzehnte wieder zurückkehren würde, glaubt Scheel. „Aber da der Klimawandel so rasant vor sich geht, haben wir keine Zeit zu warten und müssen zur Methode der assistierten Migration greifen“, sagt Scheel. Das heißt, die Natur bekommt eine Hilfestellung: Flaumeiche und andere Arten, die Hitze und Trockenheit vertragen, müssen hier neu angepflanzt werden.

Das geschieht zum Beispiel auf einer Versuchsfläche der Stadt, zu der Scheel jetzt führt. Hier, unweit der Anlage des Tennisclubs Schwanheim, werden auf einer Brache, die früher dichter Wald war, einige Baumarten, darunter die Flaumeiche, auf ihre Eignung getestet.

Scheel empfiehlt auf europäische Arten zu setzen, da diese nicht invasiv seien und keine heimischen Arten verdrängen. Außerdem seien sie der Tierwelt vertraut. Eine völlig unbekannte Art, etwa aus Amerika, bliebe ein Fremdkörper wie ein Plastikbaum, so Scheel.

Nur ein paar Schritte neben der Versuchsfläche demonstriert der Waldexperte, was zumindest auf diesem sandigen und trockenen Untergrund des östlichen Schwanheimer Waldes geschehe, wenn man die Natur sich selbst überließe. Hier wächst nicht etwa Wald, sondern eher Gesträuch wie die Späte Traubenkirsche, eine invasive Art aus Amerika, und die Brombeere. Die beiden Profiteure des Klimawandels breiten sich so engmaschig über den Boden aus, dass hier kein Baum neu wachsen kann.

Stieleiche mit gerupftem Dach: Hirschgeweih

Stieleiche mit gerupftem Dach: Hirschgeweih © Dieter Sattler

Es gibt aber auch tierische Nutznießer des Klimawandels. Der Specht liebt das viele Trockenholz, in das er gut hacken kann und wo er reichlich Insekten findet. Auch der Hirschbockkäfer mag das viele Totholz. Und der Eichenheldkäfer fühlt sich im Stadtwald wegen der von ihm geschätzten Bäume ohnehin so wohl, dass Scheel nicht verstehen kann, warum er zu den geschützten Arten gerechnet wird. Der Ex-Förster Scheel zeigt an mehreren Bäumen die mehligen Hinterlassenschaften der großen Larven des Käfers, die jahrelang im Eichenstamm gedeihen.

Ein paar Schritte weiter, kurz vor dem Fußballplatz von Germania Schwanheim, zeigt Scheel traurig die hoffnungslos vertrockneten Blätter einer Birke. „Die Birke wird hier nicht mehr lange überleben.“ Genauso wenig wie Vogelbeerbaum und Zitterpappel. Im Vergleich mit diesen todgeweihten Bäumen halte sich die Stieleiche sogar noch ganz gut, so Scheel.

Den leidenden Bäumen hilft auch der leichte Regen wenig, der jetzt gerade einsetzt. „Das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Scheel. Das nutzt der Bodenvegetation, aber nicht den Bäumen, weil das Wasser nicht zu ihren Wurzeln vordringt.

Kann die Stadt abgesehen von der Anpflanzung neuer Arten, eigentlich etwas tun, um den Wald in seiner jetzigen Substanz zu retten? Etwa mit Bewässerung? Dafür sei die Fläche zu groß, sagt Scheel. Es sei aber denkbar, gezielt neue Anpflanzungen zu bewässern, um sie gerade in den ersten kritischen Jahren zu unterstützen.

Und die Bürger? Sie könnten dem Grün in ihrer unmittelbaren Umgebung helfen, indem sie bei Trockenheit Bäume und Pflanzen versorgen. Aber im riesigen Wald sei das natürlich wenig sinnvoll.

Am Schluss muss Scheel die Frage gestellt werden, ob er nicht all sein geballtes Wissen mal in ein Buchformat gießen will. Er lächelt: „Irgendwann vielleicht.“

Und was würde er einem Menschen entgegenhalten, der den Klimawandel leugnet? „Ich würde ihn mal zu einem Waldspaziergang mitnehmen und ihm zeigen, wie rasend schnell sich hier alles ändert. Das gab es noch nie.“