Cornell & Co.: Gibt es eine „rape culture“ an amerikanischen Universitäten?


Als Columbia-Absolventin Emma Sulkowicz im Mai 2015 ihre Abschlussurkunde entgegennahm, trug sie eine Matratze auf die Bühne. Fast ein Studienjahr lang hatte die Kunststudentin die Matratze über den Campus geschleppt, protestierte so gegen den Umgang ihrer Universität mit ihrem Vorwurf der Vergewaltigung gegen einen Kommilitonen. Bei der Abschlussfeier wandte sich der damalige Columbia-Präsident Lee Bollinger ab, als Sulkowicz an ihm vorbeikam.

Heute, nach „MeToo“ und auch durch die sozialen Medien, haben sich die Bedingungen verändert, unter denen Opfer über sexualisierte Gewalt sprechen. Die Öffentlichkeit können sie heute stärker selbst herstellen. Das zeigen auch die Reaktionen auf den Fall der so genannten „Cornell 7“. Eine ehemalige Studentin der Cornell-Universität beschuldigt in einem Zivilverfahren sieben frühere Kommilitonen, sie 2024 unter Drogen gesetzt und stundenlang vergewaltigt zu haben. Die Taten sollen die Männer in einem „frat house“, also einem Verbindungshaus, bei einer Party begangen haben. Seit dem Bekanntwerden der Vorwürfe erzählen sehr viele Frauen in den sozialen Medien und in Kommentarspalten von ihren eigenen Erlebnissen, von Übergriffen und Vergewaltigungen während der Studienzeit.

Neues Strafverfahren gegen Studenten

Die Staatsanwaltschaft in Tompkins County im Staat New York, die zunächst keine Anklage erhoben hatte, hat den Fall an der Cornell-Universität nun wieder aufgenommen. Sie erklärte, die heutige Darstellung der Klägerin unterscheide sich in wichtigen Punkten von ihrer damaligen Aussage. Die Anwälte der Gegenseite widersprachen. Cornell hatte die Studentenverbindung „Chi Phi“ und einzelne Mitglieder suspendiert.

In der Zivilklage wird eine Gruppendynamik unter Studenten beschrieben, die auch im Strafverfahren eine Rolle spielen dürfte. In einem Chat, der als Teil der Klage öffentlich wurde, sollen Männer einander ermutigt haben, die Frau zu vergewaltigen. Die Staatsanwaltschaft gab an, ihr hätten diese Nachrichten zunächst nicht vorgelegen.

Viele Beobachter diskutieren den Fall auch wegen dieser Chats als Teil von rape culture. Der Begriff bedeutet nicht, dass jeder Verbindungsstudent ein potentieller Vergewaltiger sei, sondern dass es Milieus gibt, die sexuelle Gewalt normalisieren. Diese Normalisierung wiederum mache es Zeugen leichter, nichts zu unternehmen. Das College-Leben junger Menschen auf engem Raum, das etwa in Hollywoodfilmen immer noch stark romantisiert wird, kann so eine Schattenseite haben. Studieren bedeutet an vielen amerikanischen Hochschulen, innerhalb derselben Institution zu wohnen und auf die sozialen Kontakte dort angewiesen zu sein. Mehr Sicherheit als eine WG außerhalb des Campus garantiert die relativ geschlossene Welt jungen Menschen nicht.

Verharmlosung sexueller Gewalt?

Auch die Institutionen tragen dazu bei, dass es für die Diskussion über rape culture an Hochschulen immer neue Anlässe gibt. Im Jahr 2016 wurde etwa der Stanford-Student Brock Turner wegen dreier Sexualstraftaten an einer bewusstlosen Frau zu sechs Monaten Haft verurteilt, verbüßte drei davon. An der texanischen Baylor-Universität gab es nach einer externen Untersuchung einen Skandal, weil Opfer mutmaßlicher sexueller Gewalt von Anzeigen abgehalten worden seien.

Die Reaktionen vieler Frauen in den sozialen Medien überraschen angesichts der Statistiken kaum. In einer Umfrage an 33 amerikanischen Hochschulen berichtete 2019 etwa ein Viertel der weiblichen Undergraduates von nicht einvernehmlichen sexuellen Vorfällen. Seit dem vergangenen Jahr setzt das Bildungsministerium wieder die in Donald Trumps erster Amtszeit geänderten Regeln an Hochschulen durch. Sie fassen sexuelle Übergriffe enger und stärken die Rechte der Beschuldigten. Bürgerrechtsorganisationen kritisieren das, weil es Opfer von Anzeigen abhalte.

Der Fall der „Cornell 7“ zeigt allerdings auch, wie durch das Verhalten von Menschen online rechtsstaatliche Normen unter Druck geraten können. So erzählen nicht nur sehr viele Frauen von Vergewaltigungen und machen damit sichtbar, dass es sich bei sexueller Gewalt um ein strukturelles Problem handelt. Gleichzeitig warten Hunderte Menschen im Netz nicht ab, bis jemand angeklagt oder verurteilt wurde. Die vollen Namen, Fotos und Arbeitgeber der angeblichen „Cornell 7“ kursieren bei Instagram, Facebook und Tiktok. Das passiert auch, weil die amerikanischen Gesetze, Gerichte und Medien Persönlichkeitsrechte nicht so stark schützen wie etwa die deutschen.