(+) Nach seinem Tod kämpft seine Familie für sein Bistro
Hamburg
Nach Tod von beliebtem Gastronomen: „Wir machen weiter – für unseren Sohn“
Nach dem Tod des Inhabers war das „Lily of the Valley“ in Ottensen acht Monate lang geschlossen. Jetzt haben seine Eltern das Bistro wiedereröffnet.
Seit dem 13. Januar waren die Türen des „Lily of the Valley“ fest verschlossen. Es war der Tag, an dem das Herz des „Zauberers von Ottensen“, wie die MOPO den Inhaber des beliebten Bistros einst nannte, aufhörte zu schlagen. Jetzt hat das Lokal an der Bahrenfelder Straße wieder eröffnet. Und der Geist von Cengiz Özdemir (†36) schwebt über allem.
Eine schwarz gekleidete Frau sitzt am Fenster des „Lily of the Valley“. Es ist die Mutter des Zauberers. Doch jegliche Magie, welche auch Asya Uzun früher versprühte, ist erloschen. Mit leeren, traurigen Augen blickt die 60-Jährige in den Raum des kleinen Bistros, das ihr Sohn ihr hinterlassen hat.
Acht Monate nach dem Tod des Inhabers: Bistro „Lily of the Valley“ hat wiedereröffnet
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Seit 1. August versuchen Asya und Oktay Uzun, dem „Lily of the Valley“ wieder Leben einzuhauchen. „Vorher hatten wir keine Kraft“, sagt Asya Uzun und sofort kommen ihr die Tränen. „Wir haben sie immer noch nicht. Aber wir versuchen es. Es ist das wenigste, was wir für unseren Sohn tun können, um sein Andenken zu erhalten.“
Cengiz Özdemir starb im Januar, nur wenige Monate nach der Diagnose, an einer Krebserkrankung. Asya Uzun war bei ihm auf der Intensivstation im UKE, als er seinen letzten Atemzug nahm. Genauso wie sein Vater, der Rest der Familie und zahlreiche Freunde, die gekommen waren, um Abschied zu nehmen.
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Für Asya Uzun ist die Welt seitdem nur noch hinter einem Schleier verborgen, sagt sie. „Es ist das Schlimmste, was einem als Mutter passieren kann: wenn man sein Kind zu Grabe tragen muss“, sagt sie und verkrampft die Hände. „Das darf nicht sein. Das ist falsch.”
Mehr als tausend Menschen kamen zur Beerdigung von Cengiz Özdemir
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Der größte Trost für die verwaisten Eltern sind einmal die beiden Enkelsöhne, die Cengiz ihnen hinterlassen hat – und der enorme Rückhalt aus dem Stadtteil. Cengiz, der selbst in Ottensen lebte, war im Viertel enorm beliebt. Jeder kannte die energiegeladene Frohnatur, die immer ein offenes Ohr für das Freud und Leid anderer hatte. Cengiz konnte sich die Geschichten, die man ihm erzählte, merken, als hätte er einen Riesenspeicher im Gehirn.
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Wenn er Menschen auf der Straße traf, knüpfte er genau da an, wo das letzte Gespräch geendet hatte. Paaren, die gerade ein Baby bekommen hatten, brachte er Essen vorbei, um ihnen das Kochen zu ersparen. Die Reste, die abends im Bistro anfielen, verteilte er an Obdachlose. „Er hatte so viel Liebe für andere Menschen in sich“, sagt die Mutter.
Zur Beerdigung auf dem Bernadotte-Friedhof Ende Januar kamen weit über tausend Menschen. Freunde, Bekannte, Stammkunden. Viele schrieben später Briefe, boten den Eltern ihre Hilfe an und unterstützten bei der Wiedereröffnung. „Das tröstet mein schmerzendes Herz“, sagt Asya Uzun. Ihr Mann Oktay, der selbst gelernter Koch ist, steht nun jeden Tag dort, wo zuvor ihr Sohn stand, und kocht die Gerichte genau nach dessen Rezepten.
Um ihrem Sohn nahe zu sein: Eltern von Cengiz Özdemir suchen eine Wohnung in Ottensen
Nach Feierabend geht das Ehepaar auf den Friedhof. Jeden Tag. Manchmal auch morgens, noch vor der Arbeit. „Dort bin ich meinem Sohn nahe“, sagt die Mutter. „Das tut mir gut.“ Was ihr nicht gut tut, sind die langen Wege. Von Eimsbüttel nach Ottensen, vom Bistro zum Friedhof. Und alles wieder zurück.
Asya Uzun ist lungenkrank. Sie kann nur wenige Meter ohne Pause gehen, ist oft auf Rollator oder Rollstuhl angewiesen. Am liebsten würde sie nach Ottensen ziehen. In die Nähe des Toten und seines Wirkungsortes. Doch bisher haben die Uzuns nichts gefunden, was barrierefrei, also möglichst im Erdgeschoss, ist. Sie suchen noch und hoffen auf eine Fügung des Schicksals.
Blumen und Kerzenlicht: Ein kleiner Altar im Bistro erinnert an den verstorbenen Inhaber des „Lily of the Valley“
Das Schicksal hat den Uzuns, die nicht religiös sind, den Sohn genommen. Im „Lily of the Valley“ erinnern Fotos an den Verstorbenen. Sie zeigen ihn in der Küche oder mit seinem Sohn in Rom. Davor stehen Blumen. Eine Kerze brennt. Auch ein früherer MOPO-Artikel gehört zu dem kleinen Altar.
Sonst hat sich im „Lily of the Valley“ fast nichts geändert. Unter der Woche ist das Bistro von 11 bis 17 Uhr geöffnet, am Wochenende von 9 bis 17 Uhr, weil es dann auch Frühstück gibt und nachmittags Kaffee und Kuchen. Das Menü wechselt wöchentlich. Nur der Klassiker – eine vegetarische Bolognese – hat einen neuen Namen. Sie heißt jetzt „Cango Bolo“ – zur Erinnerung an Cengiz.