Nackt an der Dorfstraße: Wie eine Influencerin das Dorf ihres Ex zur Werbefläche macht
Die Gartenzäune in dem kleinen Ort in Brandenburg tragen Schilder mit „Warnung vor dem Hunde“. Auf den Fensterbänken im Erdgeschoss stehen Blumenkästen mit Geranien, die Sorte, die alles überlebt. Die Hecken sind geschnitten, die Einfahrten gefegt, und an der Durchgangsstraße hängt seit kurzem das überlebensgroße Gesicht einer Frau, die hier kein Mensch kennt.
Anne Wünsche, 34, Influencerin, dreifache Mutter, hat im Dorf ihres Ex-Partners Henning Merten mehrere XXL-Plakate aufhängen lassen. Darauf: sie selbst. Dazu ein QR-Code. Wer ihn scannt, landet auf ihrem OnlyFans-Account, einer Plattform, die überwiegend für erotische Inhalte genutzt wird. Dort verkauft Wünsche unter anderem Nacktbilder. Die Plakate hängen dort, wo die gemeinsame zehnjährige Tochter Juna zur Schule geht. Wo deren Freundinnen wohnen. Wo deren Eltern morgens die Brötchen holen.
Einladung zur Nacktheit
Man steht also da, an einem Wochentag, vor diesem Plakat, und schaut sich um. Ein Rentner führt seinen Dackel aus. Eine Frau gießt Blumen. Irgendwo brummt ein Rasenmäher. Und mittendrin: ein Großflächenplakat, das zur Nacktheit einlädt.
Henning Merten, 36, Content-Creator und Vater von Juna, hat die Plakate selbst noch gar nicht gesehen. Mit Henning Merten war Anne Wünsche von 2011 bis 2019 zusammen. Er sitzt mit der Tochter auf Mallorca, als die Nachricht ihn erreicht. Was er dann tut, gehört in die Kategorie Doppelschlag: Er schaltet das Jugendamt ein und gibt RTL ein Statement. Beides am selben Tag. „Leider traurig, aber irgendwann muss man auch Grenzen setzen“, sagt er dem Sender.
Dann wird er deutlicher: „Ich habe davon gehört und finde es dennoch krank und psychische Folter für meine Tochter, dass Eltern, Mitschüler und alle, die hier in ihrem Umfeld leben und wohnen, nun wissen müssen, anhand eines QR-Codes, wie ihre Mutter zum Beispiel auch nackt aussieht und was sie beruflich macht.“
Psychische Folter. Das sind Worte, die man normalerweise aus Gerichtssälen kennt, aus Gutachten, aus Akten mit Sperrvermerk. Hier stehen sie in einer RTL-Meldung, eingerahmt von Werbebannern und dem nächsten Artikel über ein Dschungelcamp. Der Vater will seine Tochter eigentlich schützen, diktiert aber ihren Namen, ihr Alter und die Berufsbezeichnung ihrer Mutter in eine Schlagzeile, die neben dem Wort „Nacktbilder“ steht. Kinderschutz als Pressekonferenz. Man muss das nicht kommentieren. Es kommentiert sich selbst.
Das Dorf als Kulisse
Anne Wünsche antwortet, wo sie immer antwortet. Auf Instagram. In einer Story – jenem Format, das nach 24 Stunden verschwindet, aber vorher von Hunderttausenden gesehen wird – listet sie auf, was aus ihrer Sicht tatsächlich „psychische Folter“ sei: abgesagte Kinderwochenenden, auf die sich das Kind gefreut habe. Ausbleibender Unterhalt. Die neue Partnerin an erste Stelle setzen. Mutter und Kind vor Gericht ziehen.
Es ist die Gegenrechnung einer Frau, die den Opferstatus beansprucht und gleichzeitig Großflächenplakate mit Erotik-Weiterleitung im Schulumfeld ihrer Tochter aufhängen lässt. Der Widerspruch ist so groß, dass man ihn vermutlich auch als XXL-Plakat drucken könnte. Aber das wäre dann wohl die nächste Aktion. Wünsche teasert auf Instagram jedenfalls schon an, dass sie weitere plane.
Zurück an der Dorfstraße. Man fragt, man steht an Gartenzäunen. Die Antworten ähneln sich. Henning Merten? Kennt man nicht persönlich. Anne Wünsche? Irgendwas aus dem Fernsehen. Oder dem Internet. Die Geschichte ist den Leuten hier so fremd wie ein Flamingo im Vorgarten. Sie gehört nicht in ihre Welt. Sie ist hereingeschneit aus einer Parallelrealität, in der Menschen ihre Beziehungskrisen vor Publikum verhandeln und dafür bezahlt werden.
Das Plakat steht zwischen den Zäunen wie ein Requisit, das nach dem Dreh vergessen wurde. Niemand ist empört. Niemand ist erschüttert. Die Leute sind vor allem ratlos. Warum ausgerechnet hier? Was hat dieses Dorf, in dem man sich über die Biotonne aufregt und über den Nachbarn, der sonntags den Rasen mäht, mit einer Influencerin zu tun, die in Berlin lebt und im Internet ihr Geld verdient?
Die Antwort: gar nichts. Das Dorf ist Kulisse und Bühnenbild. Ein Ort, der nur deshalb eine Rolle spielt, weil hier der Ex wohnt und die Tochter zur Schule geht. Für Anne Wünsche ist dieses Dorf nur eine Fläche für Plakate.
Er sagt, sie sagt
Dass die beiden Ex-Partner ihre Konflikte öffentlich austragen, ist für die Follower nichts Neues. Der Streit um Unterhalt, Sorgerecht und die Frage, wer der schlechtere Elternteil ist, läuft seit Monaten als Endlosserie auf allen Kanälen. Die Plakat-Aktion ist lediglich der Moment, in dem der digitale Krieg die analoge Welt erreicht hat. In dem aus Content Konsequenz wird. In dem ein zehnjähriges Mädchen nicht mehr nur im Internet, sondern auch auf dem Schulweg mit dem Beruf seiner Mutter konfrontiert wird.
Die Medien – RTL, Promiflash, die einschlägigen Portale – berichten darüber mit jener atemlosen Zuverlässigkeit, die sie auch dem nächsten Bachelor-Skandal widmen. Er sagt, sie sagt. Statement hier, Story dort. Kein einziges der berichtenden Formate stellt die Frage, die sich aufdrängt wie ein Plakat an einer Dorfstraße: Ob es vielleicht an der Zeit wäre, diesen Konflikt zu ignorieren. Ob die Reichweite, die beide Elternteile aus dem Streit ziehen, nicht das Problem ist. Ob ein zehnjähriges Mädchen ein Recht darauf hat, dass sein Name nicht neben dem Wort „OnlyFans“ in einer Überschrift steht. Aber solche Fragen bringen keine Klicks. Also werden sie nicht gestellt.
Die nüchternste Betrachtung dieses Falls ist zugleich die bitterste. Die Plakat-Aktion funktioniert. Sie funktioniert als PR, als Provokation, als Content. Anne Wünsche ist in den Schlagzeilen, ihr OnlyFans-Account bekommt Aufmerksamkeit, die kein Werbebudget der Welt so günstig hätte kaufen können. Henning Merten bekommt die Bühne des besorgten Vaters, der Grenzen setzt – vor laufender Kamera. RTL hat eine Geschichte, Promiflash hat eine Geschichte, und nun steht auch noch ein Reporter einer Tageszeitung zwischen brandenburgischen Thujahecken und starrt auf einen QR-Code, den er lieber nicht scannt.
Kinder finden immer alles heraus
Juna ist zehn. Sie ist gerade auf Mallorca mit ihrem Vater, und vielleicht ist das der einzige Trost in dieser Geschichte: dass sie für ein paar Tage weit weg ist von dem Dorf, in dem jetzt ein Plakat hängt, das ihre Klassenkameraden zu den Nacktbildern ihrer Mutter führt. Irgendwann wird sie zurückkommen. Sie wird in die Schule gehen und Kindern begegnen, deren Eltern den QR-Code gescannt haben. Oder auch nicht. Kinder finden so etwas raus. Kinder finden immer alles raus.
Aber das wird keine Instagram-Story. Das wird kein RTL-Statement. Das ist einfach nur ein Dienstagmorgen auf dem Schulhof. Und darüber berichtet dann keiner mehr.
Brutal
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Im Dorf werden bis dahin die Geranien gegossen, die Hecken geschnitten und die Hunde ausgeführt sein. Das Plakat wird irgendwann abgehängt oder vom Regen aufgeweicht. Und auf den Gartenzäunen werden weiterhin die Schilder hängen: „Warnung vor dem Hunde.“ Vor dem, was wirklich gefährlich ist, warnt hier niemand.
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