Forscher widerlegen Annahme: „Jede Bewegung zählt“ - Schwere Berufsarbeit erhöht Demenzrisiko um 20 Prozent
Neue Studie erschüttert Grundannahme: Nicht jede Bewegung schützt vor Demenz
Stand: 22.08.2026, 12:33 Uhr
Eine überraschende Wendung in der Demenzforschung legt nahe, dass der Grund, warum Menschen sich bewegen, wichtiger sein könnte, als Fachleute bisher annahmen.
Eine umfassende neue Analyse legt nahe, dass bei dem Demenzrisiko nicht nur entscheidend ist, wie viel sich Menschen bewegen, sondern auch, auf welche Weise sie körperlich aktiv sind. Forscherinnen und Forscher der University of Southern California (USC) stellten fest, dass Freizeitbewegung, also Aktivitäten wie Gehen, Laufen, Schwimmen und Radfahren, mit einem deutlich geringeren Demenzrisiko verbunden war. Demgegenüber stand körperliche Aktivität im Beruf mit einem höheren Risiko für die Erkrankung in Zusammenhang.
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Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsweek.com.
Die Ergebnisse stammen aus einer Metaanalyse, die in The Lancet Public Health veröffentlicht wurde und Daten aus 74 Kohorten- und Fall-Kontroll-Studien mit mehr als 4,2 Millionen Menschen in 30 Ländern auswertete. Über Jahre hinweg hatten Studien auf regelmäßige körperliche Aktivität als möglichen Weg hingewiesen, das Demenzrisiko zu senken. Die neue Forschung deutet jedoch darauf hin, dass die pauschale Betrachtung aller Bewegungsformen wichtige Unterschiede zwischen Freizeitaktivitäten und körperlicher Arbeit übersehen könnte.

Die Forschenden untersuchten, ob ein als „Paradoxon der körperlichen Aktivität“ bekanntes Phänomen auch für Demenz gilt. Dieses Paradoxon, das bereits aus der Herz-Kreislauf-Forschung bekannt ist, beschreibt die Beobachtung, dass körperlich anstrengende Berufe offenbar nicht die gleichen Gesundheitsvorteile bringen wie freiwillige Bewegung und sogar mit ungünstigeren Ergebnissen verbunden sein können. Die Teilnehmenden waren zwischen 45 und 93 Jahre alt und wurden im Median über zehn Jahre hinweg beobachtet, währenddessen Diagnosen von Demenz jeglicher Ursache, Alzheimer-Krankheit und vaskulärer Demenz erfasst wurden.
Freizeitbewegung schützt, körperlich schwere Arbeit erhöht Risiko
Die Analyse ergab, dass Menschen mit einem höheren Maß an Freizeitaktivität ein um 24 Prozent niedrigeres Demenzrisiko hatten als diejenigen, die am wenigsten aktiv waren. Gleichzeitig war körperliche Aktivität am Arbeitsplatz mit einem um 20 Prozent erhöhten Demenzrisiko verbunden. Die Studie fand zudem Hinweise darauf, dass körperliche Aktivität im Haushalt vorteilhaft sein könnte, wobei sich diese Erkenntnis nur auf eine einzelne Studie stützte. Aktive Wege zur Arbeit, etwa zu Fuß oder mit dem Fahrrad, waren mit einem leicht erhöhten Risiko verbunden; diese Ergebnisse basierten jedoch lediglich auf zwei Studien.
„Die Ergebnisse stellen die lang gehegte Annahme infrage, dass ‚jede Bewegung zählt‘, wenn es um die Gesundheit des Gehirns geht“, sagte Natan Feter, Erstautor der Studie und Postdoktorand im Evolutionary Biology of Physical Activity Lab der USC. Feter erklärte gegenüber Newsweek, dass anstrengende körperliche Arbeit das Demenzrisiko anders beeinflusse als Freizeitbewegung, weil sie häufig aus sich wiederholenden, wenig komplexen Tätigkeiten bestehe, die den Aufbau kognitiver Reserve einschränken könnten. Zudem finde solche Arbeit oft in Umgebungen mit schädlichen Einflüssen wie Luft- und Lärmbelastung statt.
Soziale und kognitive Faktoren als möglicher Schlüssel
Im Gegensatz dazu sei Freizeitaktivität eher selbst gewählt, abwechslungsreich und sozial eingebunden, sagte er. Die Autorinnen und Autoren argumentieren, dass die Bewegung an sich die höheren Demenzrisiken bei körperlicher Arbeit wahrscheinlich nicht vollständig erklären kann. Stattdessen könnte der Zusammenhang breitere soziale und Umweltfaktoren widerspiegeln, die häufig mit körperlich anstrengenden Tätigkeiten einhergehen.
Professor Arshad Rather, Facharzt für Geriatrie und Allgemeinmediziner an der Medical Express Clinic, erklärte gegenüber Newsweek, dass freiwillige Bewegung dem Gehirn durch bessere Durchblutung und Blutdruckkontrolle, geringere Entzündungen und eine verbesserte Glukoseverarbeitung zugutekomme und damit die kleinen Gefäße schütze, die das Gehirn versorgen.
„Dann gibt es die soziale Seite: ein Spaziergang mit einem Freund, ein Tennisspiel, ein Schwimmclub. Einsamkeit und Isolation sind für sich genommen Demenzrisikofaktoren. Freiwillige Bewegung findet oft in Gesellschaft, bei Tageslicht, an der frischen Luft und mit etwas statt, auf das man sich freut. All dies zusammen trägt zu einer guten Lebensqualität bei, und letztlich geht es genau darum“, sagte Rather. „Hinzu kommt die kognitive Beteiligung. Sport erfordert Planung, Reaktion, Koordination. Selbst ein zügiger Spaziergang an einem neuen Ort fordert das Gehirn heraus, sich in neuen Situationen zurechtzufinden. Wiederholtes Heben an einem Fließband erfüllt diese Funktion nicht in gleicher Weise.“
Arbeitsbedingungen und Stress spielen zentrale Rolle
„Schließlich ist es wahrscheinlicher, dass man besser schläft und isst, wenn Bewegung etwas ist, das Freude bereitet, und nicht etwas, das einen bereits erschöpft hat“, fügte er hinzu. Nach Angaben Rathers gehen körperlich anstrengende Jobs häufig mit chronischem Stress, Schichtarbeit, Lärm, Luftverschmutzung, grellem Kunstlicht, geringerer Kontrolle über Arbeitstempo und -zeiten sowie unzureichender Erholungszeit einher. „Wir alle haben die Geschichten von Fabrikarbeitern gehört, die kaum genug Zeit bekommen, um zur Toilette zu gehen“, sagte er.
Darüber hinaus könnten Menschen in körperlich fordernden Berufen seltener an Freizeitbewegung teilnehmen, weil sie erschöpft seien, ihnen die Zeit fehle oder sie keinen sicheren Zugang zu Bewegungsräumen hätten. Die Analyse ergab gegensätzliche Muster zwischen Freizeit- und arbeitsbezogener Aktivität: Das Demenzrisiko sank mit zunehmender Freizeitbewegung und erreichte schließlich ein Plateau. Bei körperlicher Aktivität im Beruf zeigte sich das umgekehrte Bild – höhere Werte gingen mit einem stetig wachsenden Risiko einher, bis sich auch dieser Zusammenhang abflachte.
Strukturelle Veränderungen statt Fokus auf Einzelne
Feter sagte: „In dem Artikel plädieren wir dafür, den Fokus von individuellen Verhaltensänderungen weg und hin zu strukturellen Determinanten zu verschieben. Vorrang sollten arbeitsorientierte Maßnahmen und eine gerechte Stadtplanung haben, die den Zugang zu sinnvoller Freizeitbewegung erweitern.“ Die Autorinnen und Autoren betonten zugleich, dass die Ergebnisse nicht so interpretiert werden sollten, als würden körperlich aktive Berufe Demenz verursachen. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lassen sich zwar Zusammenhänge erkennen, aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen beweisen.
Die Forschenden räumten zudem mehrere Einschränkungen ein. Die Evidenz zu Hausarbeit und aktiven Wegen zur Arbeit ist weiterhin begrenzt, die meisten verfügbaren Studien stammen aus Ländern mit hohem Einkommen, und nahezu alle stützten sich auf Selbstauskünfte der Teilnehmenden zu ihrem Aktivitätsniveau, was Erinnerungsverzerrungen begünstigen kann. Dennoch blieb der Zusammenhang in mehreren Sensitivitätsanalysen stabil, was den Forschenden Vertrauen gibt, dass die Ergebnisse weitere Aufmerksamkeit verdienen. Die Autorinnen und Autoren sehen in den Resultaten wichtige Implikationen für Maßnahmen der öffentlichen Gesundheit zur Verringerung des Demenzrisikos.
Kontext der Bewegung könnte so wichtig sein wie Bewegung selbst
„Mit anderen Worten: Wenn es darum geht, das Gehirn zu schützen, könnte der Kontext körperlicher Aktivität genauso wichtig sein wie die Bewegung selbst“, sagte David Raichlen, Professor für Biowissenschaften und Anthropologie an der USC und leitender Forscher der Studie. „Die Verbesserung des Zugangs zu sicheren Parks, Spazierwegen und Freizeiteinrichtungen, die Sicherstellung ausreichender Freizeit für Bewegung und die Reduzierung schädlicher Belastungen am Arbeitsplatz könnten sich letztlich als ebenso wichtig erweisen wie die Förderung körperlicher Aktivität an sich.“
Nach Ansicht Feters besteht der wichtigste nächste Schritt der Forschung darin, genauer zu untersuchen, nicht nur wie häufig, sondern auch wann und warum Menschen körperlich aktiv sind oder sitzen. Es gelte zu klären, wie sich dieser domänenspezifische Zusammenhang in bestimmten Berufsgruppen zeigt und welche langfristigen Auswirkungen berufliche Belastung durch körperliche Aktivität, sitzendes Verhalten und andere arbeitsbezogene Faktoren auf die Gehirngesundheit hat.