Hessen: Warum die Hochschule Geisenheim systemrelevant ist


Der neue Präsident der Hochschule Geisenheim, Karl Mühling, hat sich ein ambitioniertes Programm vorgenommen. Die 2013 aus der schon 1872 gegründeten Forschungsanstalt Geisenheim und dem Rheingauer Fachbereich der Fachhochschule Wiesbaden hervorgegangene „Hochschule neuen Typs“ soll laut Mühling in den nächsten Jahren „internationaler, interdisziplinärer, forschungsstärker und partnerschaftlicher“ werden. Als „Pilot-Hochschule“ habe Geisenheim in Deutschland besondere Chancen und Möglichkeiten. Sie vereine „das Beste aus zwei Welten“: Grundlagenforschung und die daraus hervorgehenden Anwendungen.

Angesichts rückläufiger Studentenzahlen will Mühling neue Studiengänge entwickeln und zusätzliche sowie duale Masterstudiengänge etablieren –  auch in englischer Sprache. Damit soll die internationale Ausrichtung gestärkt werden. Vielversprechend findet er ein Bachelorstudium generale, bei dem sich die Studierenden erst im dritten Studienjahr spezialisieren. Auch in der Erwachsenenbildung soll es gegen Gebühr neue, attraktive Angebote geben.

Mühling strebt zudem an, die Zahl der Doktoranden in Geisenheim deutlich zu erhöhen. Aktuell gibt es unter den rund 1200 Studenten – vor sechs Jahren waren es noch mehr als 1800 – 84 Doktoranden. Sie werden von 40 Professoren und rund 550 Mitarbeitern betreut. Der Anteil ausländischer Studenten liegt derzeit bei 13 Prozent und könnte weiter steigen. Beim Aufbau internationaler Netzwerke sieht sich Geisenheim seit vielen Jahren auf einem guten Weg. Seit dem vergangenen Jahr ist die Hochschule zudem als „Europäische Hochschule“ anerkannt.

Selbstversorgungsgrad in Deutschland sinkt

Mühling verwies auf den großen Mangel an Gartenbauwissenschaftlern in Deutschland. Geisenheim trage für die Behebung dieses Mangels eine besondere Verantwortung. Die Hochschule sei „systemrelevant für die Ernährungssicherheit“ im Land. Der Hochschulpräsident kritisierte, dass der Selbstversorgungsgrad bei Obst auf 15 Prozent und bei Gemüse auf 30 Prozent gesunken sei. Zumindest die Versorgung mit gesunden Lebensmitteln könne in einer Krise gefährdet sein.

Die Gartenbauwissenschaften brauchten allerdings einen „schickeren“ Namen, um mehr Studienanfänger für das Fach zu gewinnen. Mit dem Leitspruch „Grow forward“ (auf Deutsch etwa: „Die Zukunft gestalten“) hat sich die Hochschule schon einen neuen Markenauftritt gegeben.

Gemeinsam mit Partnern wie der Kommune und Unternehmen regte Mühling die Gründung eines Wissenschaftstransferzentrums in Geisenheim an. Eine Stärkung des Wissenstransfers müsse zu mehr Unternehmensgründungen und Patenten führen. Mühling will deshalb mehr Drittmittel einwerben und hofft auf Stiftungsprofessuren von Unternehmen, deren Finanzierung nach einigen Jahren von der Hochschule übernommen werden könnte.

Geht es nach Mühling, soll es zudem regelmäßig Hochschultagungen geben. „Wir müssen digitaler werden“, sagte er und zeigte sich mit dem bislang in Geisenheim Erreichten nicht zufrieden. Eine „KI-Professur“ hielte der neue Hochschulpräsident für wünschenswert. Auch die bisherige Hochschulorganisation mit 19 Instituten stellt er infrage. Mühling ließ erkennen, dass er sich eine Zusammenlegung von Instituten zu „Departments“ gut vorstellen kann.

Bei der offiziellen Amtseinführung und Antrittsvorlesung lobte Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) das „weltweit einzigartige Profil“ der Hochschule. Mühling habe während seiner Zeit an der Universität Kiel große Erfahrungen in Lehre, Forschung und Wissenschaftsmanagement gesammelt, die ihm helfen würden, den Herausforderungen in der Agrarforschung gerecht zu werden. In einem intensiven Wettbewerb komme es auf eine klare Profilbildung an. Mit Blick auf die rückläufigen Studentenzahlen bescheinigte der Minister Geisenheim einen klaren Standortvorteil: „Was gibt es Schöneres, als im Rheingau zu studieren?“