Jean Pierre Kraemer: Suizid der Mutter erfunden und mehr
Der bekannteste deutsche Auto-Tuner Jean Pierre Kraemer hat noch nicht alles gesagt. Am Dienstagabend äußerte sich der Fünfundvierzigjährige plötzlich zu seiner Familiengeschichte: „Meine Aussage, dass meine Mutter Selbstmord gemacht hat, ist falsch. Sie ist bei einem Verkehrsunfall gestorben. Das war falsch von mir, das zu sagen.“ In dem rund einminütigen Video auf seinem Instagram-Account sitzt der Dortmunder im Auto, im Hintergrund hört man den Verkehr.
Erst am Dienstagmittag hatte der Influencer in einem Youtube-Video angekündigt, seine Firmen zu schließen und sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen. „Ich denke, das wird das letzte Video sein, was ich aufnehmen werde. Ich möchte euch mitteilen, dass ich die Firma JP Performance nicht weiterführen werde“, sagte er.
In dem Video wandte er sich auch direkt an seine Ehefrau Julia Meck: „Ich möchte mich vorab bei allen Menschen entschuldigen, vor allen Dingen bei dir, Julia, was ich dir angetan habe und wie ich dich verletzt habe – körperlich sowie menschlich.“ Zuvor hatte Kraemer zugegeben, Meck geschlagen zu haben. Die 25 Jahre alte Influencerin hatte berichtet, dass Kraemer wenige Monate nach der Hochzeit im August 2024 begonnen habe, sie physisch und psychisch zu misshandeln. Das Paar ist inzwischen getrennt.

In dem Instagram-Video am Dienstagabend entschuldigte sich Kraemer für weiteres Fehlverhalten. Dabei bezog er sich auf Angaben aus seiner Biographie „Angstgetrieben“, die im Jahr 2020 im Eigenverlag erschienen ist. Darin schrieb er, dass seine Mutter mit ihrem Auto auf Bahngleise gefahren sei. Dort habe sie sich von einem Zug erfassen lassen. In seiner Stellungnahme bei Instagram sagt er, dass es sich um einen Unfall – und nicht um einen Suizid gehandelt habe. Auf Details ging der Unternehmer nicht ein.

Kraemer entschuldigt sich auch bei seiner Schwester
Zudem berichtet der Youtube-Star, dass er nach langer Zeit wieder Kontakt mit seiner Schwester habe, wofür er „sehr dankbar“ sei. Dabei stellt er klar: „In dem Buch, wie ich beschrieben habe, wie die Kindheit war, sind manche Sachen auf jeden Fall stärker dargestellt, als sie eigentlich passiert sind.“ Es tue ihm vor allen Dingen für seine Schwester leid, „dass ich ihr das so gesagt habe oder dass ich das so in der Öffentlichkeit gesagt habe. Das war nicht richtig. Jutta, bitte verzeih mir da.“


Im ersten Kapitel „Die Geburt der Zerbrechlichkeit“ seiner Biographie hat Kraemer den Vorfall wie folgt dargestellt: „Mir war klar, dass meine Mutter tot war, und zwar in dem Moment, als mich Fabian im Büro ans Telefon holte und mir sagte, dass es meine Schwester sei.“ Es soll der 19. September 2012 gewesen sein. „Da ich den Kontakt mit meiner Schwester so gut wie abgebrochen hatte, brauchte es wenig Fantasie, um mir vorzustellen, worum es gehen würde.“
„Ich hörte ihre tränenerstickte Stimme, ihr Schluchzen, dann ihre Nachricht, dass unsere Mutter zwei Stunden zuvor mit ihrem Golf 3 vor einen Zug geraten sei. An einem Bahnübergang in Fröndenberg, keine zehn Kilometer Luftlinie entfernt vom damaligen Sitz meiner Firma hinter dem Dortmunder Flughafen“, so Kraemer weiter. „Noch während meine Schwester sprach, wusste ich, dass es kein Unfall war. Als ich hörte, dass meine Mutter mit ihrem Auto vor einen Zug geraten war, war mir klar, dass sie mit Absicht dort auf den Gleisen geparkt hatte. Mit 74 freiwillig aus dem Leben zu scheiden, das ist eine sehr traurige Sache.“

„Für mich war meine Mutter schon viel früher gestorben“
Wenn er in der Nähe der „Unfallstelle“ unterwegs gewesen sei, habe er sich manchmal die Frage gestellt, was genau der Auslöser gewesen sei, der seine Mutter zu dieser Entscheidung trieb. „Eine Antwort darauf hätte ich aber sowieso nicht erhalten. Antworten geben, das war nicht gerade ihre Stärke. Während meine Schwester weinte, kam bei mir die Trauer nicht an. Für mich war meine Mutter schon viel früher gestorben“, schreibt Kraemer. Er beschreibt sich in seiner Biographie als einsames Kind, für das der eigene Vater nicht mehr als ein Bekannter gewesen sei.
Einen Fragenkatalog der F.A.Z. zu den Vorwürfen und seiner Biographie ließ JP Kraemer bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet. Die Staatsanwaltschaft Dortmund ermittelt nun wieder gegen Kraemer wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung. Das bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft der F.A.Z am Mittwoch.
Bei dem ursprünglichen Ermittlungsverfahren ging es um einen Vorfall im Juli dieses Jahres. Damals war die Polizei laut der Staatsanwaltschaft wegen eines Streits von Jean Pierre Kraemer und Julia Meck gerufen worden. Beide gaben demnach an, körperliche Übergriffe durch den jeweils anderen erlitten zu haben. Auf einen Strafantrag hätten jedoch sowohl Kraemer als auch Meck verzichtet. Die Staatsanwaltschaft könne in einem solchen Fall nur ermitteln, wenn ein berechtigtes öffentliches Interesse bestehe und dies sei damals nicht erkennbar gewesen, auch weil keine schweren Verletzungen vorgelegen hätten. Kraemer sei nach diesem Vorfall für 14 Tage der gemeinsamen Wohnung verwiesen worden.
Nun habe sich der Rechtsanwalt von Julia Meck gemeldet, Strafantrag gestellt und die Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt. Auch wegen der medialen Berichterstattung hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wieder aufgenommen. „Dort gibt es ja andere Vorfälle, die erzählt werden“, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft der F.A.Z. Bisher hätten die Ermittler keine Erkenntnisse über andere Vorfälle und über Polizeieinsätze gehabt, über die jetzt berichtet werde. „Wir fragen die Ehefrau nun, was es da in der Vergangenheit gab“, sagte der Sprecher.