Norwegen: Womöglich ältester Anker der Welt entdeckt


Kampf gegen die Elemente

Norwegen: Womöglich ältester Anker der Welt entdeckt

Auf Hespriholmen bauten Menschen jahrtausendelang Gestein für Äxte ab. Ein über 30 Kilogramm schwerer Stein mit umlaufender Rille wurde nun im Meer vor dem steinzeitlichen Steinbruch geborgen

Thomas Bergmayr

Eine felsige Insel mit steil abfallenden Klippen ins Meer, Hespriholmen, umgeben von ruhigem Wasser. Ein kleines Boot mit mehreren Personen ist nahe der Küste zu sehen, während der Himmel teilweise bewölkt ist.
Relativ steil fällt der Fels von Hespriholmen ins Meer, einen Strand gibt es nicht. Ruhige See wie hier ist die Ausnahme: Der Steinbruch für den kostbaren Grünstein ist nur bei wenig Wind und schwacher Dünung erreichbar, und selbst dann ist der Aufenthalt auf der Insel nicht ungefährlich.

Grünstein mag unscheinbar aussehen, doch er hat eine Eigenschaft, die in der Steinzeit viel wert war. Das dunkle Gestein ist dicht und zäh und eignet sich perfekt zur Herstellung von hochwertigen Axtklingen. Solche Äxte fanden Archäologinnen und Archäologen in Norwegen an Siedlungsplätzen vom Sognefjord bis hinunter nach Agder, einzelne sogar im Osten Norwegens. Die Forschenden vermuten, dass sie auch als Geschenke oder Statussymbole von Hand zu Hand gingen, also damals einen großen Wert besaßen.

Der Großteil des Materials für die Grünsteinäxte Südwestnorwegens kam über Jahrtausende von einer Insel, die nur äußerst mühsam zu erreichen ist. Hespriholmen ist ein kleiner Felsrücken draußen im offenen Meer, rund fünf Kilometer vor der größeren Insel Bømlo. An den von starken Strömungen und hohen Wellen umtosten Steilküsten anzulanden, ist selbst mit modernen Booten kein Kinderspiel.

Gefährliche Gewässer

"Das ist ein wirklich gefährliches Seegebiet", sagt der Archäologe Arild Skjæveland Vivås vom Schifffahrtsmuseum Stavanger. Erreichbar war die Insel früher nur bei wenig Wind und schwacher Dünung, also wenig Wellengang. Daran hat sich nichts geändert. Auch Vivås und seine Kollegen kamen in den vergangenen Jahren nicht bei jeder Fahrt hin, und der Aufenthalt auf der Insel war nicht immer ungefährlich. Die ersten Besucher, vermutet Vivås, kamen wohl wegen der Seevögel, Meeressäuger und Eier und stießen dabei auf das Gestein.

Fein geschliffene Grünsteinaxt aus der Steinzeit, etwa 15 cm lang, mit abgerundeter Spitze und glatter Oberfläche, dargestellt auf weißem Hintergrund mit Maßstab unten.
Die fein geschliffene Grünsteinaxt aus der Steinzeit verdeutlicht das hohe handwerkliche Können dieser Epoche. Die Forschenden gehen davon aus, dass solche Äxte Werkzeuge sowie Prestige- und Kultobjekte gleichermaßen waren.

Womit die Menschen der Steinzeit übersetzten, ist nicht genau bekannt. In Norwegen ist aus dieser Epoche kein einziges Boot erhalten, in Dänemark immerhin Einbäume aus ausgehöhlten Baumstämmen. Ein solcher Einbaum hätte es auf dem Weg nach Hespriholmen schwer gehabt, meint Leif Inge Åstveit vom Universitätsmuseum in Bergen. Er denkt daher eher an Boote aus Tierhäuten, wie sie die Inuit bauten. Felsbilder in Nordnorwegen, die rund 10.000 Jahre alt sein dürften, zeigen womöglich solche Fahrzeuge. Für die schwerste Fracht käme auch eine Art Floß infrage.

Jahrtausendelanger Abbau

Fracht gab es jedenfalls reichlich. Vor 5000 bis 9000 Jahren schafften Menschen Brennholz auf die Insel und gewaltige Schlagsteine aus besonders schwerem Gestein, um den Grünstein aus dem Fels zu lösen. Zurück ging es mit schweren Blöcken, die erst auf Bømlo weiterverarbeitet wurden. Eine Schätzung von 1987 kam auf rund 430 Kubikmeter abgebautes Gestein, das entspricht 30 bis 40 großen Lkw-Ladungen.

3D-Rekonstruktion eines Steinzeit-Steinbruchs am Hespriholmen: Oben ein Felsen mit Bewuchs, unten eine gelbe Schicht des Untergrunds. Eine grüne Zone zeigt eine unter Wasser liegende Abraumhalde.
Die 3D-Rekonstruktion kombiniert verschiedene Vermessungsdaten, um das Ausmaß des steinzeitlichen Grünsteinabbaus am Hespriholmen darzustellen. Oben ragt der heute sichtbare Felsen des Steinbruchs auf, die grüne Zone darunter zeigt die heute unter Wasser liegende Abraumhalde im Meer.

Entdeckt wurde der Steinbruch schon 1923, Åstveit und Vivås untersuchen ihn nun aber erstmals auch unter Wasser und haben die Insel samt Abraumzone dreidimensional vermessen. Die Auswertung läuft noch, doch Åstveit rechnet mit einem deutlich umfangreicheren Abbau als bisher angenommen. Vivås staunt vor allem darüber, dass die Menschen über Hunderte Generationen immer wieder zurückkehrten.

Stein mit Rille

Offen blieb lange, wie die Steinbrecher ihr Wasserfahrzeug an der Felsküste in Position hielten, während sie schwere Lasten ein- und ausluden. Ein spektakulärer Fund könnte nun eine Antwort liefern. Bei Tauchgängen entdeckten die Forschenden im vergangenen Jahr auf der Abraumhalde unterhalb des größten Steinbruchs in 20 Metern Tiefe einen Stein, um den eine deutliche Rille läuft. Vor wenigen Wochen legten sie ein Seil darum und zogen ihn herauf. "Er schien sehr gut ausbalanciert. Mit einem einfachen Seil ließ er sich leicht hochziehen", sagt Vivås.

Ein steinartiges Objekt mit rauer, von Kalk und Ablagerungen überzogener Oberfläche. Eine tiefe, umlaufende Furche teilt das Objekt mittig, möglicherweise für die Befestigung von Tauen.
Der aus dem Meer geborgene mutmaßliche Anker. Eine deutliche Furche zieht sich in der Mitte einmal ganz herum. Hier könnten einst die Taue für Halt im unruhigen Meer gesorgt haben.

Mit mehr als 30 Kilogramm ist der Stein zu schwer für ein Gewicht, das zur Beschwerung von Fischernetzen diente. Åstveit ist "vollkommen überzeugt", dass ihn die Menschen damals als Anker genutzt haben. Den Ausschlag gibt für ihn der Fundort. Fast überall sonst wäre ein solcher Stein nichts Besonderes, in der Abraumhalde eines steinzeitlichen Bruchs aber habe er keinen Zweifel. Die Rille selbst sieht nach oberflächlicher Untersuchung künstlich aus, ob Menschen sie gezielt eingearbeitet haben, dies muss sich jedoch erst zeigen.

"Da draußen ist das Wetter rau, und sie mussten mit ihren Fahrzeugen direkt am Ufer liegen, um die Steine an Bord zu nehmen", erklärt Hein Bjerck, emeritierter Steinzeitforscher an der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität in Trondheim. "Da war es wohl eine gute Hilfe, dort draußen irgendeinen Halt zu haben." Seewärts ausgebracht, hätte ein solches Gewicht das Boot davon abhalten können, gegen den Fels zu schlagen, während man es belud.

Ein Taucher in voller Tauchausrüstung untersucht die Felsbrocken auf dem Grund des Meeres. Markierungsstangen sind für die Vermessung platziert. Luftblasen steigen zur Oberfläche auf.
Die Archäologin Beatrice Frabetti vom Norwegischen Schifffahrtsmuseum untersucht das Abraummaterial des Unterwasser-Steinbruchs.

Rekord unter Vorbehalt

Für den Stein von Hespriholmen gibt es keine handfeste Altersbestimmung, der Fundzusammenhang lässt das Team jedoch vermuten, dass er aus der steinzeitlichen Hochphase des Grünsteinabbaus bis vor 5000 Jahren stammt. Die Forschenden betonen freilich, der Fund müsse erst weiter untersucht und wissenschaftlich veröffentlicht werden, bevor man etwas mit Sicherheit sagen könne. Bestätigt sich diese Deutung, wäre der Stein der älteste bekannte Anker Norwegens, womöglich sogar der Welt.

Die ältesten sicher datierten Steinanker stammen aus der Bronzezeit. Im östlichen Mittelmeer fanden Archäologinnen und Archäologen sie in großer Zahl. Einige davon wurden beispielsweise verbaut in den Wänden eines Tempels im libanesischen Byblos entdeckt. Rund 4600 Jahre alt sind die mehr als hundert Anker aus dem Hafen des Pharaos Cheops am Roten Meer. (Thomas Bergmayr, 13.10.2026)

Forum: 6 Postings

Ihre Meinung zählt.

Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.