Leichtathletik: Ansah wird deutscher Meister, es bleiben Fragen zum möglichen Dopingverstoß


Owen Ansah kniete im Finale über 100 Meter um 19.56 Uhr auf Bahn 4, es herrschte Totenstille unter den 14 000 Zuschauern im Wattenscheider Lohrheidestadion. Der Läufer des Hamburger SV schlug sich noch mal gegen seinen Oberkörper, bekreuzigte sich, dann hörte er den Startschuss – und rannte in 10,00 Sekunden zu seinem dritten Titel in Serie bei deutschen Meisterschaften.

Ansah streckte den Finger in die Höhe, ließ sich herzen, die Wetzlarer Heiko Gussmann und Kevin Kranz auf den Plätzen zwei und drei hatte er um sechs bzw. 16 Hundertstel distanziert. Und seinen erst im Juni aufgestellten deutschen Rekord gerade einmal um 0,02 Sekunden verpasst. Ansah war vor zwei Jahren in Braunschweig in 9,99 Sekunden als erster deutscher Sprinter unter der Marke von zehn Sekunden geblieben, er gilt als größte Sprinthoffnung, die die deutsche Leichtathletik je hervorgebracht hat. So viel zum Status dieses schnellen Mannes.

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Doch über allem schwebten nun die großen Fragen: Was ist dieser Titel wert? Wird er womöglich bald annulliert? Darf Ansah bei den Europameisterschaften in Birmingham in zwei Wochen, wo er nicht nur im Einzel als Medaillenkandidat gilt, starten? Auch die Staffel macht sich dort mit ihm Hoffnungen auf einen Platz auf dem Podest. Und was macht das mit einem, bei Wettkämpfen anzutreten, im Wissen darum, dass ein möglicher Dopingverstoß wie ein Damoklesschwert über einem hängt?

So könnte der 9. Juli 2026 zu Ansahs Schicksalstag werden.

Er soll an jenem Donnerstag eine Dopingprobe verweigert haben, eine Sperre von bis zu vier Jahren kann daraus resultieren. In der vergangenen Woche hatten der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV), die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) und Ansah öffentlich gemacht, dass ein Verfahren wegen eines „möglichen Verstoßes gegen Anti-Doping-Bestimmungen“ eingeleitet wurde.

Wie Ansah später über den DLV mitteilen ließ, sei er als Nachrücker kurzfristig in das tags darauf stattfindende Diamond-League-Rennen in Monaco hineingerutscht. Als er gerade zum Flughafen fahren wollte, habe ein Kontrolleur geklingelt und Ansah um den Dopingtest gebeten. „Ich war schon sehr spät dran und konnte so kurzfristig die Probe nicht abgeben, zumal ich kurz zuvor die Toilette besucht hatte. Dies habe ich mit dem Kontrolleur besprochen“, sagte Ansah, und weiter: „Es wurde nicht angeboten, dass der Kontrolleur mit zum Flughafen fährt, damit ich dort die Probe abgeben kann. Zudem wurden keinerlei Konsequenzen aufgezeigt. Der Kontrolleur wünschte mir noch viel Glück in Monaco.“ Dort sei er am Wettkampftag von der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada kontrolliert worden, am Montag darauf außerdem von der Nada.

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Ansahs Problem: Verweigert man einen Dopingtest, müssen zwingende Gründe angeführt werden. Ein Meeting in Monaco zählt üblicherweise nicht dazu. Die Nada prüft den Fall, doch wie lange das dauert, ob er zur EM abgeschlossen ist, bleibt unklar. Auf SZ-Anfrage schrieb die Nada am Sonntag: „Es handelt sich um ein laufendes Verfahren. Wir können keine Prognose zur Verfahrenslänge und möglichen Konsequenzen geben.“ Aber schon in der Vergangenheit durften Sportler in solchen Fällen nicht auf Gnade der Anti-Doping-Instanzen hoffen. Suspendiert hat die Nada den Sprinter bislang aber nicht.

Und so durfte Ansah bei der DM in Wattenscheid starten. Nicht ohne am Freitag vor dem Wettkampf über seinen Anwalt Rainer Tarek Cherkeh mitteilen zu lassen, dass er sich umfassend gegenüber der Nada äußern, aber „vor dem Hintergrund des derzeit laufenden Verfahrens und der gebotenen sorgfältigen Aufarbeitung des Sachverhalts (...) gegenüber den Medien aktuell keine weiteren Stellungnahmen abgeben“ werde.

Ansah stellt sich in der Interviewzone, das alles überwölbende Thema aber umschifft er

Eine halbe Stunde nach seinem Sieg kam Ansah dann in die Interviewzone, er trug ein schwarzes Shirt, eine schwarze Jogginghose, lila-weiße Joggingschuhe. Immerhin, er stellt sich den Fragen. Und er gab Antworten, allerdings, wie erwartet, nur sportliche. Es folgte dann ein zweiminütiger Eiertanz, in dem Ansah, der natürlich vorbereitet war, das alles überwölbende Thema höchst professionell umschiffte.

Ob es ein leichtes Rennen für ihn gewesen sei? „Ich freue mich immer, hier an den Start zu gehen und zu rennen, jedes Mal, wenn ich hier stehe, sind meine Gedanken völlig frei, ich denke an nichts.“ Ob es schön gewesen sei, einfach wieder ein sportliches Rennen zu haben? „Jahrelang trainiere ich mit harter Arbeit für solche Momente.“ Ob er sich mental anders vorbereitet habe, um den schweren Rucksack ablegen und so abliefern zu können? „Ich habe ein superstarkes Team hinter mir, mein Trainer Sebastian Bayer, mein Manager Steffen Keil, der DLV, mein Anwalt.“ Wie denn die vergangene Woche war? „Ich wollte meinen Titel verteidigen, das ist mir sehr, sehr gut gelungen. Und jetzt geht es weiter mit den nächsten Wettkämpfen.“

Sportlich läuft es weiterhin bestens: Owen Ansah beim Zieleinlauf im Lohrheidestadion.
Sportlich läuft es weiterhin bestens: Owen Ansah beim Zieleinlauf im Lohrheidestadion. Anke Waelischmiller/Imago

Und schließlich, ob er bei der EM starten wird? „Ich bin deutscher Meister geworden mit der Norm, also ich weiß nicht, was dagegen spricht.“ Rein sportlich spricht überhaupt nichts dagegen, Ansah hat alle Zulassungskriterien übererfüllt. Aber die mögliche Sperre wird ihn weiter begleiten wie eine dunkle Wolke, bis das Urteil gesprochen ist.

Am Samstagabend postete Owen Ansah noch ein paar Bilder auf Instagram, aufmunternde Plakate und Briefe von Fans, er selbst im Zieleinlauf und – mit nachdenklicher Miene – im Auto nach dem erfüllten Titel. Er schrieb nichts weiter dazu, er findet, momentan sei zumindest öffentlich alles gesagt. Alles, was er hochlud, war eine goldene Medaille, mit einer Eins in der Mitte.