Palantir bei der Polizei: Kann Civitas die US-Software ersetzen?
Stand: 05.10.2026, 13:30 Uhr
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NRW will sich eine Alternative zur US-Software offenhalten. Das Dresdner Unternehmen Civitas sieht seine Chance – muss aber erst beweisen, was Sentinel kann.
Nordrhein-Westfalen will sich bei der Datenanalyse der Polizei eine Alternative zu Palantir offenhalten. Die Software des US-Konzerns bewährt sich im Einsatz, doch ihre Bedeutung wirft Fragen nach technologischer Abhängigkeit auf.
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Das Dresdner Unternehmen Civitas Europe bietet mit „Sentinel“ eine europäische Lösung an. Ob sie für Polizeibehörden eine echte Alternative ist, entscheidet sich an ihrer Leistung, der rechtssicheren Nutzung sensibler Daten und der nächsten Vergabe.

Deutschland hat ein Palantir-Problem. Nicht, weil die Software schlecht wäre. Eher im Gegenteil. Hessen, Nordrhein-Westfalen und Bayern setzen Programme des Datenkonzerns bei der Polizei ein. Baden-Württemberg hat ebenfalls die Voraussetzungen dafür geschaffen. Die Software kann gewaltige Datenmengen durchsuchen und Zusammenhänge herstellen, für die Ermittler früher Stunden oder Tage brauchten. Telefonnummern, Personen, Fahrzeuge, Aufenthaltsorte, Chatverläufe: Was in verschiedenen Datentöpfen liegt, wird miteinander verbunden. Für die Polizei ist das praktisch.
Politisch wird es zunehmend heikel. Palantir ist ein US-Unternehmen, gegründet von einer Gruppe um Peter Thiel, den Milliardär und frühen Unterstützer Donald Trumps. Seine Technologie steckt inzwischen tief in Militär, Geheimdiensten und Polizeibehörden. Und damit stellt sich auch in Deutschland eine Frage, die wir inzwischen aus anderen Branchen kennen: Wollen wir bei einer Schlüsseltechnologie dauerhaft von den Amerikanern abhängig sein?
Bei Cloud-Diensten lautet die Antwort inzwischen eher nein. Bei Halbleitern auch. Bei künstlicher Intelligenz sowieso. Warum sollte es ausgerechnet bei den Daten deutscher Sicherheitsbehörden anders sein?
Nordrhein-Westfalen sucht eine Alternative zu Palantir
Wie konkret die Sache ist, zeigt Nordrhein-Westfalen. Die dortige Polizei arbeitet seit Jahren mit Palantir. Und sie arbeitet offenbar gern damit. Allein innerhalb eines halben Jahres wurde die Software nach Recherchen des WDR mindestens 2000 Mal eingesetzt. Innenminister Herbert Reul (CDU) hält das System für eines der vernünftigsten Instrumente, die seine Polizei eingeführt habe. Trotzdem will er eine Alternative.
Der reguläre Vertrag läuft im Oktober 2026 aus. Danach soll Palantir zunächst nur über einen einjährigen Überbrückungsvertrag weiterlaufen. Nordrhein-Westfalen hält sich damit ausdrücklich die Tür offen, auf ein anderes System umzusteigen. Reul hat recht klar gesagt, was er sucht: eine europäische Lösung, die dasselbe kann.
Und plötzlich wird aus der politischen Debatte ein Markt. Denn Nordrhein-Westfalen ist kein Einzelfall. Mehrere Bundesländer nutzen Palantir oder beschäftigen sich damit. Gleichzeitig wächst im Bund und in den Ländern der Wunsch nach digitaler Souveränität. Bislang ist das Geschäft fest in amerikanischer Hand. Das ändert sich jedoch gerade. Ein noch junger Kandidat sitzt in Dresden. Das Unternehmen heißt Civitas Europe und gehört zur Vektor Group aus Berlin. In derselben Gruppe steckt Orcrist, ein Unternehmen, das seine Technologie dort erprobt hat, wo Daten über Leben und Tod entscheiden: im Krieg in der Ukraine.
Die Verbindung bringt es
Orcrist wurde 2023 gegründet und beschäftigt inzwischen rund 150 Mitarbeiter. Gemeinsam mit den ukrainischen Streitkräften entwickelte das Team Systeme, die Satellitenbilder, Drohnenaufnahmen, Funkverkehr, Texte und Standortdaten miteinander verbinden. Die Idee dahinter: Ein einzelnes Bild sagt wenig. Ein Funkspruch auch. Eine Positionsangabe ebenfalls. Verbindet man alles miteinander, entsteht plötzlich eine sehr konkrete Lageanalyse.
„Daten sind heute massenhaft verfügbar. Wo Fahrzeuge auftauchen, welche Funksprüche zusammengehören oder wo sich Bewegungen verdichten“, sagt Yorck Hesselbarth, ehemaliger Offizier im Digitalbereich und Chief Development Officer bei Orcrist. „Doch die manuelle Sichtung und Analyse ist für den Menschen schlicht nicht mehr zu bewältigen.“
Dazu braucht es eben Software und künstliche Intelligenz. „Wir strukturieren unterschiedlichste Datenquellen und trennen Signal von Rauschen. So werden unübersichtliche Informationen in kurzer Zeit zur Grundlage von Handlungsfähigkeit“, beschreibt Hesselbarth.
Civitas will mit Sentinel zur Polizei
Nun soll dieselbe Grundidee in deutschen Polizeidienststellen funktionieren. Dafür gibt es Civitas. Während Orcrist für militärische und äußere Sicherheit zuständig ist, kümmert sich Civitas um Polizei, Sicherheitsbehörden und kritische Infrastruktur. Das Produkt dafür heißt „Sentinel“ – Wächter.
Das Problem, das Sentinel lösen soll, ist ziemlich deutsch. Der Staat besitzt gewaltige Mengen an Informationen. Er hat nur Schwierigkeiten, sie zusammenzubringen. Wer mit Ermittlern spricht, hört diese Klage immer wieder. Ein Teil der Daten liegt bei der Polizei, ein anderer beim Verfassungsschutz, weitere beim Zoll oder bei Ausländerbehörden. Dazu kommen unterschiedliche Polizeisysteme und Zuständigkeiten.
Nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg beschrieb der Innenausschuss des Bundestags das Problem offen: Polizeiliche Informationen seien in unterschiedlichen Datentöpfen gespeichert. Diese müssten derzeit einzeln betrachtet werden. Die entscheidenden Erkenntnisse seien deshalb nicht schnell verfügbar.
„Sentinel verbindet diese Datentöpfe“, sagt Civitas-Geschäftsführer Tobias Börner. Chats, Audiodateien, Bewegungsdaten, Ermittlungsakten und andere Informationen sollen sich gemeinsam durchsuchen und zueinander in Beziehung setzen lassen. Das klingt nach Palantir. Und darum geht es auch.
Palantirs Vorsprung: Die Software ist bereits im Einsatz
Palantir hat allerdings einen entscheidenden Vorteil: Das Unternehmen kann bereits zeigen, dass seine Technik funktioniert. Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) beschreibt das Problem: Bei bisherigen Vergabeverfahren habe Palantir als einziger Anbieter alle Anforderungen erfüllt. Trotzdem wünscht auch er sich langfristig eine deutsche oder europäische Lösung.
Das ist die Marktlücke für Civitas. Nicht: Palantir funktioniert nicht. Sondern: Palantir funktioniert so gut, dass deutsche Sicherheitsbehörden von der Software abhängig werden könnten. Und je wichtiger Datenanalyse für die Polizeiarbeit wird, desto politischer wird die Frage, wem die Technik gehört.
Civitas verspricht deshalb nicht nur Analyseleistung. Das Unternehmen verkauft Souveränität gleich mit. Die Technik wird in Deutschland entwickelt, soll innerhalb des deutschen und europäischen Rechtsrahmens betrieben werden und ohne Abhängigkeit von US-Cloud-Infrastruktur auskommen.
Ob das reicht? Am Ende kauft eine Polizeibehörde kein Produkt, weil es einen deutschen Pass besitzt. Es muss mindestens so gut funktionieren wie das amerikanische.
Was sich vom Militär auf die Polizei übertragen lässt
Dass Orcrist seine Wurzeln im militärischen Bereich hat, könnte dabei sogar ein Vorteil sein. Moderne Kriege sind zu gigantischen Datenmaschinen geworden. Drohnen liefern permanent Bilder, Satelliten beobachten Bewegungen, Sensoren produzieren Daten, Funkverkehr wird ausgewertet. Wer schneller versteht, was diese Informationen bedeuten, besitzt einen Vorteil.
Bei der Polizei sind die Fragen andere, das Prinzip ist ähnlich. Welche Telefonnummer taucht in mehreren Ermittlungen auf? Welches Auto wurde an unterschiedlichen Orten gesehen? Welche Person steht mit wem in Kontakt? Wann wird aus zehn scheinbar belanglosen Hinweisen plötzlich ein Zusammenhang?
Der mutmaßliche Attentäter vom Berliner Christopher Street Day, Abdul Ballout, war den Sicherheitsbehörden beispielsweise bereits ins Netz gegangen. Er galt als islamistischer Gefährder, soll versucht haben, sich dem sogenannten Islamischen Staat anzuschließen, saß im Gefängnis und wurde observiert – und er konnte dennoch zuschlagen. Ob Sentinel einen solchen Anschlag verhindert hätte, weiß niemand. Aber der Fall beschreibt das Problem, von dem Unternehmen wie Palantir und nun Civitas leben. Daten sind nur dann etwas wert, wenn man die entscheidende Information darin findet.
Deutschland steckt Milliarden in Verteidigung und Sicherheit. Ein wachsender Teil davon wird nicht für Panzer, Flugzeuge und Munition ausgegeben werden, sondern für Software. Der Wettbewerb darum hat längst begonnen. Frankreich versucht, mit eigenen Anbietern unabhängiger zu werden. Sie bieten ihre Dienste auch in Deutschland an. Deutschland sucht ebenfalls.
Und Nordrhein-Westfalen hat mit seinem recht kurzen Anschlussvertrag für Palantir deutlich gemacht, dass es wechseln würde, wenn jemand etwas Gleichwertiges anböte. Für Civitas ist das eine ungewöhnliche Gelegenheit. Ein junges deutsches Unternehmen trifft auf einen US-Milliardenkonzern, dessen Produkt die Kunden offenbar mögen – den sie politisch aber immer weniger mögen dürfen. Daraus entsteht noch kein Auftrag. Aber die Chance ist da. Quelle: Print-Ausgabe Markt und Mittelstand Oktober 2026
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Was ist bei der Palantir-Alternative offen?
- Anbieter: Civitas Europe aus Dresden bietet mit „Sentinel“ Software zur gemeinsamen Analyse unterschiedlicher Datenquellen an.
- Anlass: Nordrhein-Westfalen will sich nach dem Auslaufen seines regulären Palantir-Vertrags eine Alternative offenhalten.
- Hürde: Palantirs Technik wird bereits genutzt; für Sentinel muss die Eignung im konkreten Polizeieinsatz nachgewiesen werden.
- Entscheidende Fragen: Welche Daten darf die Software verknüpfen? Wer kontrolliert Betrieb und Zugriff? Wie gut funktioniert sie im Ermittlungsalltag?