Patrick Ryans Familienroman „Buckeye“: Epische Langsamkeit
Patrick Ryan sitzt in seinem Wohnzimmer in Manhattans Nachkriegssiedlung Stuyvesant Town und rollt die Karte einer kleinen Stadt in Ohio aus. Genauer: einer Stadt, die es nicht gibt und die der Schriftsteller erfunden hat, Bonhomie. Dort spielt sein erster Roman, „Buckeye“, der in den USA ein Bestseller wurde und jetzt gerade in Deutschland erschienen ist. Die Lebenswege zweier weißer Familien verschränken sich, erzählt wird vom Zweiten Weltkrieg bis in die Achtzigerjahre. Er habe zum Stift gegriffen, weil Bonhomie sich erst nicht real genug angefühlt habe, sondern eher wie ein Filmset mit kleinem Budget, erzählt Ryan. Also habe er angefangen zu zeichnen: Straßen, Wohnviertel, Geschäfte, den Eisenwarenladen, wo gleich auf den ersten Seiten die Weichen für die Zukunft gestellt werden.
Ryan baut keine Welt, um sie spektakulär zu zerlegen, sondern will wissen, wie Entscheidungen und Fehler Menschen und ihre Nachkommen über Jahrzehnte prägen. Ein „Buckeye“, wie auch der deutsche Titel heißt, ist eine Rosskastanie und ein Spitzname für Leute, die aus Ohio kommen. Der 61 Jahre alte Schriftsteller stammt allerdings nicht von dort, sondern wuchs in Florida auf. Ohio, wo er studierte, habe ihn fasziniert. Dort lasse sich das Leben durchschnittlicher Amerikaner mit nicht durchschnittlichen Innenwelten und Problemen gut erzählen.
Der Kuss ist erst der Anfang
Zum Beispiel eben das von Margaret, Felix, Cal und Becky. Am Tag des Sieges über Deutschland 1945 küsst Margaret im Eisenwarenladen impulsiv Beckys Mann Cal, der wegen zweier ungleich langer Beine dort arbeitet, statt an der Front zu sein. Aus dieser Begegnung wird eine Affäre, ein Geheimnis wird über Jahrzehnte bewahrt. Felix wiederum, Margarets Mann, bringt ebenfalls ein Geheimnis mit aus dem Krieg, das sein Leben bestimmt. Die Geschichte entfaltet sich zunächst zwischen den vier Angehörigen der Elterngeneration, ehe dann die Kinder in ihr Zentrum treten.

Ryan erzählt davon, wie Trauer und Konventionen, der Erste und der Zweite Weltkrieg, dann der Krieg in Vietnam, das Leben von Männern und Frauen unterschiedlich prägen. So weit, so vermeintlich vertraut – „Buckeye“ ist tatsächlich ein klassischer amerikanischer Familienroman auf 464 Seiten, zu denen in der deutschen Übersetzung noch einmal fast 200 dazukommen. Linear, mit allwissendem Erzähler, über Jahrzehnte hinweg, ja, das sei schon altmodisch, sagt Ryan und lacht. Er weiß, dass Geschichte in solchen Büchern oft als dürftige Kulisse für Liebe, Tod und Geheimnisse wirkt. Dem wollte er durch akribische Recherche entgegenwirken: Welche Farbe hatten Logbücher in Marineschiffen, was stand wann in der Lokalzeitung, wann wussten Amerikaner auf dem Land etwas vom Massaker in My Lai?
Die historischen Ereignisse kommen oft nur in Bruchstücken an die Figuren heran, über das Radio, die Zeitung, über das, was die Leute einander so erzählen. Ihre Reaktionen sind realistisch, Ryan schiebt ihnen keine Haltungen von heute unter. Was den Roman auf die Bestsellerliste der „New York Times“, an die Spitze der redaktionellen Amazon-Bestenauswahl und in die Buchklubs diverser Prominenter brachte, sind seine Erzählweise und sein Blick auf die Figuren. Frei von Zynismus kann man diesen wohl nennen, „großzügig“ ist ein Begriff, der in amerikanischen Rezensionen öfter fällt. Es gab gelegentliche Vergleiche mit John Irving und anderen großen Erzählern der amerikanischen Familie – doch Irvings absurder Witz findet sich bei Ryan nicht.
Substanz ohne Ironie
Er sei zwar kein Optimist durch und durch, sagt der Autor und streichelt seine graue Katze. Doch in seine Figuren müsse er sich ein wenig verlieben, um über sie schreiben zu wollen, auch in die gemeinen und moralisch zweifelhaften. Gerade deren Entscheidungen und Irrwege schildert er so überzeugend, dass manche Leser so empört reagiert haben, als handelte es sich um echte Menschen; ein Kompliment für einen Schriftsteller, sagt Ryan.
Dass er vorher erfolgreiche Kurzgeschichten schrieb, merkt man vor allem an den detailreichen Szenen, wenn Gesten, Sätze oder Kleidungsstücke ganze Charakterisierungen enthalten. Wenn ein neues großes Ding komme, werde sein Sohn es wegen seines zu kurzen Beins verpassen, sinniert Cals Vater einmal – gemeint ist ein Krieg, und dabei schwieg der Vater selbst über das Trauma des Ersten Weltkriegs, weil niemand es hören wollte.
Beim Schreiben plante er wenig, erzählt Ryan, sechs Jahre lang saß er an dem Manuskript. Die Figuren hätten ihn oft gleichsam zu den Ereignissen geführt statt umgekehrt. Als er mit der Arbeit begann, war Donald Trump zum ersten Mal Präsident. Damals habe es sich manchmal schon angefühlt, als verliere sein von der rasanten Gegenwart losgelöster Stoff täglich an Relevanz. Und dann, während der Pandemie, als er mit Partner und Katze zu Hause festsaß, wurde die Arbeit am Roman zu einem Anker.
Die Konzentration tat der Geschichte gut. Der historische Familienroman kann immer dann mehr als Eskapismus bieten, wenn er nicht nostalgisch ist, sondern lebendig macht, wie das System Familie, aber auch politische Ereignisse und Konventionen Spuren in den Menschen hinterlassen. Deswegen findet Ryans altmodisches Erzählen von der Zeit vor dem Internet in den USA gerade so viele Freunde.