Pisa-Studie entlarvt erstmals Problem, das Deutschland in 10 Jahren zum Verhängnis wird
Stand: 09.09.2026, 20:47 Uhr
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Deutschland schneidet bei der Pisa-Studie schlechter ab als je zuvor. Erstmals wurde ein Leistungsbereich abgefragt, der zukünftig immer wichtiger wird.
Frankfurt – Alle vier Jahre misst die Pisa‑Studie das Leistungsniveau 15‑jähriger Schülerinnen und Schüler weltweit. Zum neunten Mal hat das Programme for International Student Assessment die Kompetenzen in Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik untersucht – und Deutschland erreichte dabei erneut einen historischen Tiefstwert: Erstmals liegt die Bundesrepublik in allen Kernkompetenzen nur im OECD‑Schnitt. Neben dem Leistungsniveau wurden auch die Ausstattung und die Nutzung digitaler Medien in den Schulen gemessen. Zum ersten Mal ging es auch um das „Lernen in einer Digitalen Welt“.

Die Pisa-Ergebnisse zeigen, dass deutsche Schüler digitale Medien im Unterricht ähnlich häufig nutzen wie andere EU‑Staaten: Über 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler verwenden eReader oder Tablets im Unterricht. Bei KI liegt die Bundesrepublik sogar signifikant über dem EU‑Schnitt. 36 Prozent der befragten Fünfzehnjährigen gaben an, KI wöchentlich bis täglich für schulische Zwecke zu verwenden. Beim Blick auf die Infrastruktur dreht sich das Bild jedoch: Nur 61 Prozent der Jugendlichen berichteten von zuverlässig funktionierender Technik, lediglich 51 Prozent fühlten sich ausreichend technisch unterstützt, beides deutlich unter dem EU- und OECD-Schnitt.
Ergebnisse der Pisa-Studie 2025: Deutschland bei digitaler Infrastruktur hinten dran
Das Fazit der Pisa-Studie lautet: Digitale Medien werden in Deutschland vergleichsweise häufig genutzt, aber meistens unter ungünstigen Rahmenbedingungen. „Das eine ist, Tablets anzuschaffen. Das andere ist, sie sinnvoll einzusetzen“, erklärt der Medienpädagoge Stefan Aufenanger der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Aufenanger ist für seine Pionierarbeit und Forschung im Bereich der digitalen Bildung, der Medienkompetenz und des Lernens mit digitalen Medien bekannt. Im Vergleich zu anderen Staaten sieht er in Deutschland noch pädagogischen „Nachholbedarf“ bei der Anwendung im Unterricht. Das liege zum einen an der Universitätslehre, wo Medienpädagogik oft nur eine untergeordnete Rolle spiele. Häufig seien Lehrkräfte unsicher oder nicht richtig geschult im Umgang mit digitalen Medien und KI.
Zum anderen sei es die allgemeine Einstellung zu Medien: „Als ich die Ergebnisse gesehen habe, dachte ich sofort: Jetzt wird es in Deutschland wieder eine öffentliche Diskussion darüber geben, dass digitale Medien und die Smartphone-Nutzung an den schlechten Ergebnissen schuld sind“, sagt Aufenanger. Und tatsächlich ging laut Pisa eine erhöhte Verwendung von KI für schulische Zwecke mit einer schlechteren Leistung einher. Das war vor allem dann der Fall, wenn die Schule keine guten technischen Rahmenbedingungen bot und Chatbots nicht als Lernhilfe, sondern als kognitive Abkürzung dienten.
„Es wäre viel zu einfach, die digitalen Medien für unsere schlechten Ergebnisse verantwortlich zu machen“, sagt der Medienpädagoge. Der Blick ins Ausland verdeutlicht das: Pisa-Spitzenreiter Japan (im OECD-Vergleich in allen Leistungsbereichen Platz 1) zeichnet sich durch eine extrem hohe Mediennutzung mit guter Infrastruktur aus. In der EU gilt Estland dahingehend als Vorzeigestaat: Lerninhalte sind dort weitestgehend digitalisiert, Künstliche Intelligenz wird in den Klassenzimmern aktiv eingebunden und Schulen erhalten Unterstützung durch speziell ausgebildete „Educational Technologists“. In der Pisa-Studie erzielte Estland über alle Leistungsbereiche hinweg den europäischen Bestwert.
Länder wie Japan oder Estland würden sich im Vergleich zu Deutschland durch ihren Pragmatismus auszeichnen, sagt Aufenanger: „Dort gibt es keine große Euphorie und keine große Ablehnung. Sie nutzen künstliche Intelligenz und die Digitalisierung da, wo es sinnvoll ist, wie ein normales Unterrichtswerkzeug.“ Große Diskussionen oder Empörung blieben aus. Entscheidend sei, dass Medien, insbesondere KI, gezielt, reflektiert und in moderatem Maße zur Unterstützung des Lernens eingesetzt werden. Dafür fehle in Deutschland häufig der pädagogische Rahmen.
Letzter Boomer-Jahrgang geht 2036 in Rente: Arbeitsmarkt fordert digitale Kompetenzen
Erstmals wurde mit dem „Lernen in einer Digitalen Welt“ das modellbasierte Problemlösen abgefragt, also die kognitive Fähigkeit, komplexe Probleme systematisch zu analysieren, zu strukturieren und mithilfe digitaler Werkzeuge zu lösen. Das Bedienen der Hilfsmittel war dabei zweitrangig. Hier lagen die deutschen Schülerinnen und Schüler genau im EU‑Durchschnitt. Gemessen an den Leistungen in Naturwissenschaften, Mathe und Lesen schnitten sie jedoch schlechter ab, als es zu erwarten war.
Die LDW-Ergebnisse zeichnen ein gespaltenes Bild: 25 Prozent der deutschen Jugendlichen erreichten Spitzenkompetenzen (Stufe V und VI), während 24 Prozent zur Risikogruppe zählen, ohne sichere Grundlagen für selbstständiges digitales Arbeiten. Hier öffnet sich eine Schere: Während die Spitzengruppe sich überwiegend aus dem Gymnasium zusammensetzt, besteht die Risikogruppe vor allem aus nicht-gymnasialen Schularten. Gymnasien sind in Studien häufig digitale Vorreiter mit besserer digitaler Ausstattung, als andere Schulformen.
Mangelnde Digitalisierung und Medienbildung wirken erwiesenermaßen als Verstärker sozialer und schulformbedingter Leistungsungleichheit. In der Pisa-Studie stellt Deutschland mit diesem Problem nicht die Ausnahme, sondern eher den Normalfall dar. In fast allen Ländern gab es beim „Lernen in einer Digitalen Welt“ große Ränder bei den Kompetenzstufen, die durch die Schulform bedingt waren. Die Studie erklärt die Leistungsunterschiede außerdem mit familiären Faktoren und dem sozioökonomischen Status. „Auf die Pisa-Studie folgt immer wieder dieselbe Kritik am deutschen Schulsystem: diese soziale Ungleichheit und die Differenzierung durch die Schularten“, sagt Aufenanger.
„Wer nicht lernt, sinnvoll mit digitalen Medien umzugehen, fällt hinten runter"
Aufenanger warnt davor, die Digitalisierung weiter aufzuschieben. „Wer nicht lernt, sinnvoll mit digitalen Medien umzugehen, fällt hinten runter.“ Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) erreicht bis 2036 der letzte Jahrgang der Boomer-Generation das gesetzliche Rentenalter. Dem Arbeitsmarkt fehlen dann bis zu 4,3 Millionen Arbeitskräfte.
Während der Arbeitsmarkt von den nachrückenden Jugendlichen umfassende digitale Kompetenzen verlangt, bereiten viele Schulen sie noch immer nicht ausreichend darauf vor. Entscheidend sei deshalb nicht, ob digitale Medien in den Unterricht gehören, sondern wie. „Wir brauchen keinen pauschalen Rückzug. Was wir brauchen, ist ein konstruktiver, kritischer und pragmatischer Umgang mit digitalen Medien“, appelliert Aufenanger bei der Frankfurter Rundschau. (Quelle: PISA 2025, eigene Recherche)