Prix Ars Electronica mit kontroverser Siegerarbeit zu Gaza


Linz

Prix Ars Electronica mit kontroverser Siegerarbeit zu Gaza

Nica- und S+T+ARTS Prize-Gewinner stellen im Lentos aus, Landeshauptmann Stelzer kommt nicht zu Preisverleihung

Zwei Personen in grünen Warnwesten und orangenen Helmen pflanzen Bäume auf einer offenen Moorlandschaft mit spärlichem Bewuchs. Im Hintergrund ist ein dichter Nadelwald zu sehen.
Agnes Meyer-Brandis' "Office for Tree Migration" handelt von der Bewegung von Bäumen mit Blick auf den Klimawandel.

Linz - Eine kontroverse Arbeit hat beim heurigen Ars Electronica Festival eine Goldene Nica gewonnen: Das Kollektiv Forensic Architecture erstellte eine interaktive Karte, aus der es die systematische Zerstörung Gazas durch Israel ableitet. Andere ausgezeichnete Werke, die im Linzer Lentos zu sehen sind, befassen sich u.a. mit der Restitution von Kulturgut, mit dem tödlichen Kreislauf, in den Click-Worker geraten können, oder mit der Frage: Was wäre, wenn unsere Augen am Fuß wären?

Forensic Architecture arbeitet vor allem mit Open-Source-Quellen. So wurden etwa Videos von Zerstörungen verifiziert, gesammelt und schließlich in einer Datenbank dokumentiert. Herausgekommen ist A Cartography of Genocide: Israel's Conduct in Gaza Since October 2023, das von der Jury mit der Goldenen Nica in der Kategorie "interactive art+" bedacht wurde. Der 827-seitige Bericht wurde auch Südafrika zur Unterstützung von dessen Ermittlungen in einem Völkermord-Verfahren gegen Israel vor dem EuGH vorgelegt.

Kontroverse um Projekt

"Das ist keine neutrale Perspektive", so Festivaldirektorin Christl Baur bei der Präsentation der Arbeit am Dienstag. Sie betonte aber, dass Forensic Architecture – ein Kollektiv aus Journalisten, Datenwissenschaftern und Designern, das eher im kulturellen Kontext auftritt – in vielen unterschiedlichen Bereichen arbeite. Bereits 2021 hatte die Gruppe die Goldene Nica für die Arbeit Cloud Studies bekommen, in der das Recherchekollektiv giftige Wolken aus Tränengas, weißem Phosphor und ihre Herkunft untersuchte und zurückverfolgte.

Der oberösterreichische Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) will der Preisverleihung dennoch fernbleiben, wie die Oberösterreichischen Nachrichten am Dienstag berichteten. "Ich respektiere die Unabhängigkeit der Jury, teile ihre Entscheidung aber nicht", hieß es zur Begründung in einer Stellungnahme. "Krieg, Gewalt und das Leid unschuldiger Menschen sind niemals und in keiner Form zu rechtfertigen. Genauso wenig darf es aber eine einseitige Darstellung eines solchen Konflikts geben. Gerade Österreich trägt aufgrund seiner Geschichte eine besondere Verantwortung. Die Singularität des Holocaust und der entschlossene Kampf gegen Antisemitismus dürfen niemals relativiert werden", so Stelzer.

Tödliche Spirale

Die Videoarbeit Mechanical Curds von Hito Steyerl, das den S+T+ARTS Prize der EU erhalten hat, zeigt die Beziehung von Click-Workern in einem Flüchtlingslager im irakischen Erbil: Sie markieren und kategorisieren Luftbilder, um Künstliche Intelligenz zu trainieren. Der Job ist nicht nur eintönig, sondern das Ergebnis kann sich auch später wieder in Form von automatisierten militärischen Prozessen gegen die Menschen in ihrer Region wenden.

Shared Histories siegte in der Kategorie Digital Humanity. Das schwedisch-sambische SummitShare-and-Shared-Histories-Team befasst sich mit den zigtausenden Artefakten aus Afrika, die in den Depots westlicher Museen lagern und eigentlich zurückgegeben werden sollten, um wieder ihre kulturellen, rituellen oder alltäglichen Funktionen zu erfüllen. In Ausstellungsvitrinen sind statt Trommeln oder Masken QR-Codes ausgestellt. Mit ihnen kann man sich den Ausstellungsstücken respektvoll nähern.

Das Auge am Zeh

Vor dem Lentos zwingt Shin Hanagata in seiner Arbeit Chimeria (Goldene Nica Digital Humanity) die Besucher, ihren Blick auf die Welt zu ändern. Eine Performerin in einem Ganzkörperanzug trägt an einer Fußspitze eine Kamera – ihr Auge. Sie zeigt den Besuchern durch die Live-Videos, welcher Blickwinkel sich dadurch ergibt, dass ihre Augen nun nicht mehr am Kopf sitzen.

Im Office for Tree Migration (S+T+ARTS Prize) beobachtet Agnes Meyer-Brandis die Bewegung von Bäumen und stellt vor dem Hintergrund des Klimawandels die Frage, wie man diese beschleunigen könnte. Deer Hunter des US-Amerikaners Andrew Herzog (Goldene Nica New Animation Art) vermischt alte, private Videos seiner Familie mit Material der US-amerikanischen Waffen-Lobby National Rifle Association. Dann lässt er einen KI-generierten Hirsch durch diese Filme wandern. In dem Video verknüpft er die persönliche Erinnerung seiner vor dem Faschismus aus Italien geflohenen Familie mit heutigen Bewegungen in den USA.

Das Ars Electronica Festival von Mittwoch bis 13. September steht heuer unter dem Titel Future Begins. Negotiating Humanity. Die Preisverleihung des Wettbewerbs erfolgt am Donnerstag. (APA, 8.9.2026)

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