Pro & Contra: Gehen Apples Foto-Tools mit KI zu weit?


Fotos, die aus dem Handy kommen, werden intern üblicherweise per Computational Photography verbearbeitet, damit sie bestens aussehen. Wer direkt das will, was aus dem Bildsensor kommt, braucht Tools mit manuellem Modus. Mit iOS 27 geht Apple jedoch noch einen Schritt weiter und bringt direkt KI-Werkzeuge in die Foto-App. Doch ist das eine sinnvolle Entscheidung? Die Mac & i-Redakteure Leo Becker und Sebastian Trepesch diskutieren.

PRO

Für Leo Becker haben Apples neue KI-Tools den Bogen überspannt.,

Für Leo Becker haben Apples neue KI-Tools den Bogen überspannt.

Fotografie ist „eine persönliche Würdigung von etwas, das wirklich, tatsächlich passiert ist“. Mit diesem Credo positionierte sich Apples Kamera-Chef immer wieder gegen die Android-Konkurrenz, bei der durch KI-Monde und Prompt-Bearbeitung längst purer Bild-Nihilismus herrscht. Darauf steuert nun auch iOS 27 zu: Prominent in die Apple-Systeme integrierte KI-Tools kippen den fotografischen Wahrheitsanspruch aus dem Fenster.

Sie generieren auf Wunsch vorher nicht existierende Bildinhalte, um Ausschnitt und Perspektive nachträglich zu verändern. Zugegeben, auch ich finde es praktisch, die beim Begradigen abgeschnittenen Bildränder von der KI generieren zu lassen. Was zuerst harmlos wirkt, verfremdet aber in Windeseile den tatsächlich fotografierten Moment: An den Rändern per KI erweiterte Konzertfotos füllten die Apple-Modelle in der Beta mit Slop-Publikum aus der Retorte auf. Auf einem am unteren Rand verlängerten Kinderfoto trug mein Sohn plötzlich Schuhe, die er nie besessen hat. Das Bereinigen-Tool scheute sich nicht einmal, meinen auf einem Selfie von einem Gegenstand verdeckten Mund frei neu zu erfinden. Mit den harmlosen Optimierungen computergestützter Fotografie hat das nichts mehr gemein.

Niemand verkauft so viele Kameras wie Apple (und Samsung). Produktentscheidungen der Smartphone-Riesen schlagen ungebremst auf die Fotografie durch, technisch, ästhetisch und kulturell. Fraglos ist die Manipulation von Bildern so alt wie die Fotografie selbst. Simple Werkzeuge mehreren Hundert Millionen Nutzern direkt vor die Füße zu legen, droht allerdings, KI-manipulierte Medien endgültig in eine traurige Selbstverständlichkeit zu verwandeln. (lbe)

Das Pro & Contra stammt aus Mac & i Heft 4/2026, das seit dieser Woche verfügbar ist. Die neue Ausgabe lässt sich jetzt im heise shop kaufen – als Print-Magazin oder als PDF.

CONTRA

Foto und Wahrheit? Sebastian Trepesch kann da nur müde lachen.,

Foto und Wahrheit? Sebastian Trepesch kann da nur müde lachen.

Auf Seite 128 im Mac & i-Heft 04/2026 fliegt ein riesiger M5-Chip über den Tisch. Das Foto zeigt die Wahrheit? Davon dürfte kein Leser ausgehen, und die Quellenangabe belegt im Zweifel, dass es mithilfe von KI erzeugt wurde. Nicht alles, was wie ein Foto aussieht, muss Wirklichkeit abbilden. In diesem Fall dient das Bild ganz offensichtlich als Illustration. Spätestens in Zeiten der KI-Generatoren dürfen wir (leider!) nicht mehr glauben, was wir auf den Fotos sehen – Stichwort Papst im weißen Daunenmantel. Kein ganz neues Problem: Dieses Motiv wäre mit dem passenden Ausgangsmaterial schon vor 15, 20 Jahren in Photoshop täuschend echt gelungen – nur eben nicht in einer Minute. Natürlich fördert Apple mit der neuen Funktion die KI-Nutzung, aber eher als Nachzügler denn als Vorreiter.

Photoshop etwa bietet schon seit Jahren „Generatives Erweitern“, Samsungs Foto-Assistent Ähnliches. Entscheidend finde ich nicht, dass Apple jetzt auch solche Funktionen anbietet, sondern wie der Anwender sie einsetzt. Als ein Bekannter mir ein tolles Bild von Hannover zeigte und erklärte, was er mit KI alles geändert hatte, fühlte ich mich getäuscht. Änderungen der Realwelt sollten zumindest gekennzeichnet sein. Aber mit ein wenig Gras den Hintergrund erweitern – meinetwegen.

Und wenn jemand seine Familienerinnerungen fälscht, weil er die Füße beim Auslösen übersehen hat, ist das sein persönliches Problem. Die Fotografie verliert ihre Unschuld nicht erst mit iOS 27, das haben bereits vorher Fotografiertricks, Dunkelkammer, Photoshop und andere KI-Generatoren geleistet. Apple kann nicht zertrümmern, was schon in Einzelteilen am Boden liegt. (tre)

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(bsc)