„Kein Mensch mehr benötigt“: Welche drei Fähigkeiten jetzt auf dem Arbeitsmarkt entscheidend sind


Professorin: Metakognitive Fähigkeiten sind jetzt auf dem Arbeitsmarkt entscheidend

Stand: 24.07.2026, 21:10 Uhr

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Viele Unternehmen wollen KI stärker in ihre Arbeitsprozesse integrieren – auch als Ersatz für Fachkräfte. Expertinnen und Experten sind sich einig über die Auswirkungen.

Frankfurt – Viele Berufstätige und angehende Arbeitnehmende hält aktuell eine Frage wach: Lohnt sich meine Ausbildung überhaupt noch? Unternehmen sehen Künstliche Intelligenz (KI) zunehmend als kostengünstige Alternative zur formalen Qualifikation und Berufserfahrung. Fast jedes fünfte deutsche Unternehmen, das bereits KI einsetzt, hält einen radikalen Schritt für machbar: Fachkräfte mit Hochschulabschluss durch KI-unterstützte Arbeitnehmer ohne formale Qualifikation zu ersetzen. Das zeigt eine Umfrage des Instituts für Wirtschaftsforschung.

Die unsichere Zukunft der Arbeit durch den KI-Wandel beschäftigt auch Führungskräfte: In einer aktuellen Umfrage von Dell Technologies gaben sechs von zehn Befragten an, dass Schulen den Schülern eher beibringen müssen, wie man lernt, als was man lernt, um sie auf Berufe vorzubereiten, die es noch gar nicht gibt. Die Umfrage stützt sich auf eine Prognose des Institute for the Future (IFTF) aus dem Jahr 2017. Damals gingen Fachleute davon aus, dass 85 Prozent der Jobs aus dem Jahr 2030, heute noch nicht existieren.

Neue Berufe durch KI: Expertin hält Prognose für falsch

Auch Jutta Rump sagt, dass sich der Arbeitsmarkt stark verändern wird – aber nicht, wie es das IFTF vorhersagt. Sie ist BWL-Professorin an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen und forscht zu Trends und Veränderungen in der Arbeitswelt. Dass so viele neue Berufe entstehen sollen, hält sie für „schlichtweg falsch, zumindest für den deutschen und europäischen Arbeitsmarkt“. Nicht ganze Berufe verschwinden, sondern die Art und Weise, wie wir arbeiten. „Das heißt, dass sich innerhalb der Berufe Tätigkeiten, Mittel und Kontexte radikal verändern werden“, sagt sie der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media.

Buisnessfrau am Laptop im Büro

KI verändert viele Arbeitsprozesse und damit auch den Jobmarkt. (Symbolfoto) © Westend61/Imago Images

Auch Anja Warning vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) beobachtet diesen Wandel: „Viele anfängliche Erwartungen haben sich so nicht umgesetzt“, sagt sie der Frankfurter Rundschau. „Es zeigt sich nicht, so wie manche erwartet hatten, dass Jobs in großem Maße wegfallen und wir eine hohe Arbeitslosigkeit bekommen. Stattdessen verändern sich die Berufe und Tätigkeiten.“

Veränderung des Arbeitsmarkts: Wo KI den Menschen ersetzt – und wo nicht

Um zu verstehen, in welche Berufsfelder KI besonders tief eingreifen wird, lohnt sich der Blick auf die unterschiedlichen Tätigkeitsprozesse. Arbeiten, die nach klaren Strukturen, Schritten und Mustern ablaufen und stark von Routinen geprägt sind, können zukünftig durch digitale Automatisierungen ersetzt werden. „Das System arbeitet dann in sich geschlossen und es wird kein Mensch mehr benötigt“, sagt Rump. Betroffen sind davon laut Warning beispielsweise Tätigkeiten in klassischen Büroorganisationen, der Sachbearbeitung, im Rechnungswesen oder in der Steuerberatung. Dort könne KI viele Arbeiten schneller und genauer erledigen, Auswertungen viel effizienter vornehmen und schnell ansprechende Berichte zusammenstellen.

In anderen Prozessen wird künstliche Intelligenz dagegen nur unterstützend wirken können, nämlich überall dort, wo es Flexibilität und Kontrolle durch den Menschen verlangt, erklärt Rump: „Dort erleichtert die KI viele Arbeiten, beispielsweise das Übersetzen oder Recherchieren. Es braucht aber weiterhin die Kompetenz des Menschen.“ Das könnte für Ärzte gelten, die KI zur Diagnoseunterstützung nutzen oder Architekten, die erste Entwürfe von Algorithmen generieren lassen. Dieses Prinzip wird auch „Human-In-The-Loop“ genannt.

Arbeitsmarkt von morgen: Verzicht auf Fachwissen ist „extrem gefährlich“

Die Annahme, dass Fachwissen also immer unwichtiger wird, könnte damit kippen. Dass Unternehmen in der Zukunft lieber auf Generalisten mit KI-Kompetenz setzen anstelle von Spezialisten mit Fachwissen, hält Rump für „extrem gefährlich“. „Leute, die intensiv mit KI zusammenarbeiten, wissen, dass sie tiefes Spezialistenwissen haben müssen, um die Antworten der Systeme kontrollieren zu können.“

IAB-Forscherin Warning bestätigt das: „Wenn KI in Unternehmen eingesetzt wird, braucht man Personal, das weiß: Welche Ergebnisse liefert unsere KI, und wie sind diese Ergebnisse in unserem Unternehmen, in diesem Kontext, in jenem Projekt zu bewerten? Für diese kritische Beurteilung braucht es erfahrene Fachkräfte.“ Zwar seien Hochschulabsolventen oft günstiger und hätten die neuesten KI-Kenntnisse, aber ihnen fehle die Erfahrung mit den spezifischen Prozessen eines Unternehmens. Warning sieht deshalb sogar „eine Renaissance von Erfahrungswissen Älterer“, das sich mit dem digitalen Know-how der Jüngeren verbinden lasse.

Laut Rump werden drei Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft entscheidend sein: Fachwissen, digitale Anwendungskompetenz und metakognitive Fähigkeiten. Letztere umfassen Systematisierungs- und Strukturierungsfähigkeit, Prozessdenken – und vor allem die Fähigkeit, Gedanken präzise in Worte zu fassen. „Je präziser ich prompten kann, umso präziser bekomme ich eine Antwort“, erklärt Rump. Da KI-Systeme außerdem von unten aufbauend arbeiten, ohne den gesamten Prozess im Blick zu haben, liege es am Menschen, die Vogelperspektive einzunehmen.

Wandel durch KI: Erst die Krise, dann die Chancen

Der Übergang kann für viele Berufsgruppen schmerzhaft werden. Rump beschreibt den Wandel in zwei Phasen: „Zuerst gibt es eine Phase, in der Stellen abgebaut werden. Der Substitutionseffekt greift zuerst, bevor der Ergänzungs- und Aufbaueffekt kommt.“ Erst danach orientierten sich Menschen neu, suchten nach Alternativen und gestalteten etwas Neues, was wiederum neue Stellen schafft.

Diese Unsicherheit hinterlässt bereits heute Spuren bei der Berufswahl. „Sie sehen auch heute schon, dass viele junge Menschen sich umschauen und fragen: Wo gibt es Branchen, in denen die Digitalisierung nicht in dem Maße Einzug hält?“, berichtet Rump. „Dann besinnt man sich wieder aufs Handwerk.“ Tatsächlich verzeichnet das Handwerk in einigen Bereichen wieder steigende Ausbildungszahlen – besonders dort, wo Tätigkeiten komplex, situativ und wenig standardisierbar sind. (Quelle: eigene Recherche, Dell Technologies, ifo-Institut)