„Regeln anfangs belächelt“: EU straft AliExpress ab – Billigware als doppelte Gefahr
„Regeln anfangs belächelt“: EU straft AliExpress ab – wie China-Ware ganze Industriezweige bedroht
Stand: 21.07.2026, 14:16 Uhr
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Die EU-Strafe gegen AliExpress soll Europas Verbraucher schützen. Hinter der Entscheidung verbirgt sich eine noch grundlegendere Bedrohung. Analyse.
Brüssel – Auf den ersten Blick mag das Shopping bei Online-Händlern wie AliExpress verlockend wirken: Produkte, die in Deutschland teuer sind, gibt es dort für wenig Geld. Ein tragbarer Mini-Projektor für 30 Euro, eine elektrische Wasserpistole für acht Euro oder ein mehrteiliges Werkzeugset für 5 Euro. Der Haken: Viele Produkte sind in der Qualität minderwertig und haben eine geringe Haltbarkeit. Allerdings könnte die schlechte Verarbeitung noch das geringere von mehreren Übeln sein.

Schon 2025 hatte die EU AliExpress ins Visier genommen. Es ging um illegale und potenziell gefährliche Produkte wie Arzneimittel und Nahrungsergänzungsmittel. Zudem warf Brüssel dem Online-Händler vor, dass in Waren wie Kinderspielzeugen gefährliche Substanzen entdeckt worden seien. Auch Elektrogeräte seien wegen der schlechten Qualität kritisch zu betrachten. Nach eigenen Angaben bemühte sich AliExpress, seine Kontrollen zu verbessern. Doch die Zugeständnisse haben offenbar nicht ausgereicht. Am Montag verdonnerte die EU-Kommission den Händler zu einer Strafe in Höhe von 550 Millionen Euro.
EU-Strafe gegen AliExpress: Gefährliche Substanzen in Kinderspielzeugen entdeckt
Der konkrete Grund: Unter anderem seien gefälschte Kleidung, unsicheres Spielzeug und gefährliche Kosmetika nicht von der Plattform genommen worden, teilte die Brüsseler Behörde mit. AliExpress habe es versäumt, „wirksame Maßnahmen zu ergreifen, um das Risiko der Verbreitung verbotener Produkte zu verringern.“ Das Unternehmen hat nun bis zum Oktober Zeit, die Mängel zu beheben, ansonsten drohen weitere Strafen.
Die EU-Abgeordnete Delara Burkhardt (SPD) lobte die Entscheidung gegenüber dem Münchner Merkur von Ippen.Media: „Online-Plattformen dürfen kein System zur Umgehung europäischer Regeln sein. Verbraucherrechte und Produktsicherheit gelten auch im digitalen Raum. Das Urteil macht deutlich: Wer in Europa Geschäfte machen will, muss europäische Verbraucherinnen und Verbraucher schützen und sich an unsere Regeln halten“, sagte das stellvertretende EU-Ausschussmitglied für Binnenmarkt und Verbraucherschutz.
AliExpress teilte mit, die Strafe sei unverhältnismäßig. „Wir prüfen die Entscheidung derzeit eingehend und ziehen alle verfügbaren Optionen in Betracht“, hieß es in einer Stellungnahme.
Mit der Millionenstrafe geht die EU einen weiteren Schritt im Kampf gegen minderwertige Importe aus China. Bereits im Mai ging es dem chinesischen Billighändler Temu an den Kragen: Die EU verhängte eine Strafe in Höhe von 200 Millionen Euro. Das Unternehmen hatte es laut EU versäumt, die Risiken illegaler Produkte auf seiner Plattform – und den daraus entstehenden Schaden für die Verbraucher – zu analysieren. Kurz gesagt: Temu tue zu wenig, um minderwertige Produkte aus seinen Reihen zu nehmen und den Versand nach Europa zu verhindern. Es ging unter anderem um unsicheres Babyspielzeug und minderwertige Elektrogeräte.
Warum China den EU-Markt mit Billigwaren überschwemmt
AliExpress und Temu sind Online-Marktplätze chinesischer Unternehmen. AliExpress gehört zum E-Commerce-Giganten Alibaba Group, Temu zur Firma PDD Holdings. Beide Plattformen dienen als Vermittler extrem billiger Produkte aus China für Kunden in aller Welt. Die europäische Wirtschaft – und besonders die deutsche – werden von chinesischen Importen geflutet. In EU-Kreisen wird dieses Problem schon länger heiß diskutiert. Denn Chinas Exportstrategie gefährdet nicht nur die Gesundheit der Verbraucher, sondern bedroht ganze Industriezweige.
Chinas Unternehmen profitieren enorm von Niedriglöhnen; diese wiederum schwächen die Kaufkraft im eigenen Land. Das Resultat: Es wird mehr produziert als konsumiert. Was die Hersteller in China nicht loswerden, strömt auf den Weltmarkt – zu Preisen, mit denen westliche Wettbewerber nicht mithalten können. Die Billigware setzt Deutschland besonders unter Druck. Das deutsche Handelsdefizit gegenüber China wuchs 2025 auf fast 90 Milliarden Euro. Die Entwicklungen auf europäischer Ebene sind ähnlich.
Für AliExpress ist Europa mittlerweile der wichtigste Absatzmarkt. Gemeinsam mit den chinesischen Konkurrenten Temu und Shein wird allein in Deutschland ein Marktanteil von gut sechs Prozent erreicht. Europas Zoll ist dementsprechend mit einer wachsenden Paketflut aus dem Ausland konfrontiert. Um den unerwünschten Billigimporten etwas entgegenzusetzen, wird in der EU seit diesem Monat für jedes Paket mit einem Warenwert bis 150 Euro eine Abgabe in Höhe von drei Euro fällig.
EU-Entscheidung gegen AliExpress birgt Gefahren
Obwohl die 550-Millionenstrafe weit unter der möglichen Höchststrafe von bis zu sieben Milliarden Euro liegt, demonstriert die EU Entschlossenheit. So sieht es auch der EU-Abgeordnete Andreas Schwab (CDU): „Dieses Urteil ist ein klarer Sieg für den Verbraucherschutz und für den fairen Wettbewerb in Europa. Anfangs wurden unsere neuen Marktregeln von den globalen Tech-Konzernen oft noch als bloße Empfehlungen belächelt. Das hat sich nun radikal geändert“, teilte der binnenmarktpolitische Sprecher der konservativen EVP-Fraktion unserer Redaktion mit.
Der Kurs birgt allerdings auch Risiken. Wer chinesische Unternehmen angreift, greift den Staat China an. Die OECD etwa kam in einem Bericht von Anfang Juni zu dem Schluss, dass chinesische Firmen mit drei- bis achtmal so viel Staatsgeld gefördert werden wie ihre Wettbewerber in OECD-Ländern. Ob und wie China auf die EU-Strafe gegen AliExpress reagieren wird, bleibt abzuwarten. (Quellen: Delara Burkhardt, Markus Schwab, eigene Recherche, dpa/Jan-Frederik Wendt)