René Goscinny zum 100. Geburtstag – er schuf Asterix und Obelix
Stand: 14.08.2026, 08:00 Uhr
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„Ach die glücklichen Landleute, würden sie doch ihr Glück erkennen!“ Dass sich schon junge Schüler mit Vergil-Zitaten auseinandersetzen, verdankt die Welt ausgerechnet einem französischen Comic-Autor. Und vieles mehr.
Paris (KNA) – Subtile Gags mit doppeltem und dreifachem historischen Boden, tief in der französischen, römischen oder US-amerikanischen Geschichte verankert. Sie sind das Markenzeichen des Comic-Autors und -Szenaristen René Goscinny, der am heutigen Freitag 100 Jahre alt geworden wäre. Asterix und Obelix, Lucky Luke, Isnogud der Großwesir oder der kleine Nick: Sie alle sind seine Kinder; ihre Welten und Figuren hat er sich ausgedacht.
Artikel der KNA
Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
In Internetforen, im Schulbus und manch abendlicher Bierrunde geht es um nichts anderes als Asterix-Zitate: „Ich habe nichts gegen Fremde – aber diese Fremden da sind nicht von hier.“ – „Du gefällst mir. Du bist leicht beleidigt.“ – „Ich halte jetzt die Luft an, bis etwas passiert.“ – „Ist er verliebt?“
Die epische Breite von Goscinnys multikultureller Bildung entstammt tatsächlich eigener Erfahrung. Den Sinn für die Psychologie von Heimat und Migration brachte er aus der eigenen Familiengeschichte mit. In Paris geboren, wuchs er als Spross polnisch-ukrainischer Juden in Buenos Aires auf. Nach dem Tod des Vaters 1943 hielt er sich mühsam in New York über Wasser; dort lernte er 1949 den belgischen Comic-Zeichner Morris (Maurice de Bévère, 1923–2001) kennen.
Lucky Luke und Kleiner Nick
1950 zog Goscinny zurück nach Europa, in die Comic-Hauptstadt Brüssel; und ab 1955 schrieb er für Morris die Texte für dessen Comic-Reihe „Lucky Luke“ über einen einsamen Cowboy, der schneller schießt als sein Schatten und dann mit seinem schlauen Pferd Jolly Jumper in den Sonnenuntergang reitet.
Bei Lucky Luke wie bald darauf bei Asterix liegt ein besonderer Schwerpunkt auf den subtilen Eigenheiten der Charaktere – und auf immer wiederkehrenden Gags, die letztlich so unverwechselbar sind, dass Andeutungen genügen und die Szene oder der Wortwechsel sogar verkürzt werden können. Die vier dappichten Dalton-Brüder als Bösewichter, der dämliche Hund Rantanplan – da stimmt das Gleichgewicht.
Zeitgleich textete Goscinny den von Jean Tabary (1930–2011) gezeichneten bösen Großwesir Isnogud, der nur eines will: Kalif werden anstelle des Kalifen! 1959 kamen zwei weitere Reihenwerke hinzu, mit denen er endgültig in die erste Riege der Kinderbuch- und Comic-Autoren aufsteigen sollte: die Schulhof-Welt des „kleinen Nick“ (Le Petit Nicolas), illustriert von Jean-Jacques Sempé (1932–2022); und – der Welterfolg – „Asterix“ mit Zeichner Albert Uderzo (1927–2020).
Uderzo und Goscinny – das passte!
Uderzo als Sohn italienischer Einwanderer, Goscinny mit seiner jüdisch-amerikanischen Vorgeschichte: Da hatten sich zwei gefunden. Am 29. Oktober 1959 erschien erstmals eine Folge von „Asterix, dem Gallier“ in der französischen Jugendzeitschrift „Pilote“.
Der kleine Krieger hat Fans in allen Altersstufen. Dafür sorgen seine verschrobenen Freunde im Mikrokosmos des kleinen gallischen Dorfes, das allein dem römischen Eindringling Widerstand leistet. Dafür sorgen aber auch eine ausgefeilte Mischung aus Klamauk, bildungsbürgerlichem Anspruch und feinen Anspielungen auf das Frankreich der Moderne.
Résistance und Militarismus, der französische Präsidentschaftswahlkampf, die Diskussion um die Pariser Trabantenstädte, die Wirksamkeit moderner Werbekampagnen, Fremdenfeindlichkeit, Tourismus-Boom, ja sogar die eigene Hochzeit: All diese Themen dienten dem Autorengespann als Futter für ihre Comic-Epen, die stets den Kampf des gallischen David gegen den römischen Goliath zum Thema hatten.
Korsen machen Siesta, Belgier essen Kohl
Goscinny schöpft einen Teil seines typischen Humors aus den stereotypen Reproduktionen französischer Klischees über fremde Völker: Die Korsen machen viel Siesta und sind leicht beleidigt. Die Briten sind steif und schneiden ihren Rasen mit der Nagelschere. Die Belgier sind laut, trinken Bier und essen Rosenkohl. Die grobianischen Goten reden Fraktur. Und die Griechen sind geschäftstüchtig und familiär gut vernetzt.
Alle Nachbarn der Franzosen bekommen so auf sympathische Weise ihr Fett weg; ebenso übrigens wie die eigenen „Minderheiten“ und Regionen, die Basken und Arverner und Korsen und Pariser. „Die spinnen ...“ Immer wieder bauen die Zeichner – bei Lucky Luke wie bei Asterix – gut erkennbare Figuren der französischen Zeitgeschichte ein: Schauspieler, Moderatoren, Politiker; wie Louis de Funès, Lino Ventura, Jean Gabin, Lee van Cleef, Jacques Chirac oder Jean Marais.
Zu den humoristischen Stilmitteln der Asterix-Bände gehören neben zahlreichen künstlerischen und historischen Verweisen auch ungezählte klassische Latein-Zitate oder die Parodie modernen Liedguts. Im Band über die Olympischen Spiele parodieren die Autoren zeitgenössische Phänomene wie Doping, Massentourismus oder den Chauvinismus von Sportfans.
Bald kommt der Ärger auch ins Haus
In den frühen Bänden nehmen Asterix und sein ständiger Begleiter Obelix – nicht dick, sondern nur dick angezogen – den Leser bei ihren Abenteuern mit auf eine regelrechte Grand Tour durch Europa und den Nahen Osten. In den späteren Geschichten vollziehen die Autoren mehr einen Schwenk „nach innen“: Statt immer auswärts auf Aventüre zu gehen, kommt der Ärger ins Haus.
Immer neue Listen ersinnen die römischen Chefstrategen, um Zwist zwischen den Bewohnern zu säen und so den buchstäblichen Zusammenhalt im Dorf auszuhöhlen. Doch auch den vermeintlichen Segnungen des Städtertums – Geld, Orgien, schicke Kleider und Fußbodenheizung – widerstehen die Gallier am Ende und bleiben lieber rustikale Raufbolde mit Vorliebe für Wildschwein und Römerverprügeln.
Das Salz in der Suppe, ja im Zaubertrank der Geschichten, sind die „Running Gags“, immer wiederkehrende Elemente: Troubadix, der Barde, der ob seiner grässlichen Stimme vermöbelt wird, sobald er singen will; Verleihnix, der Fischhändler, mit seiner Ware oft jenseits des Verfallsdatums; Obelix mit seinen Bärenkräften, der nur zu sagen braucht „Ich klopfe mal“, damit der Leser weiß: Im nächsten Bild ist diese Tür eingeschlagen. Und natürlich die Latein rezitierenden Piraten, die sich am Schluss schon lieber selbst versenken, als noch einmal mehr mit den Galliern zusammenzutreffen.
Schnöder Tod beim Kardiologen
Es war im November 1977, als dem kleinen gallischen Dorf und seiner Fangemeinde der Himmel auf den Kopf fiel: René Goscinny starb mit nur 51 Jahren bei einem ärztlichen Belastungstest, durch einen Herzinfarkt. Zwar erschienen die Asterix-Alben danach weiter; doch der geniale Story- und Gagschreiber war durch gute Zeichnungen allein nicht zu ersetzen. Den Abenteuern ab „Der große Graben“ (Band 25) fehlt es an Timing, an Leichtfüßigkeit und Esprit.
Goscinnys Tochter Anne (58), damals erst neun Jahre alt, hat ihrem Vater Jahrzehnte später einen langen, anrührenden, zutiefst menschlichen Brief geschrieben und nun, zum 100. Geburtstag, veröffentlicht. Sie schreibt über die Trauer des Kindes, das sie war; über die vergeblichen Versuche, die Erinnerungen an den Vater festzuhalten; über Ersatzväter und über misslungene Rache am Kardiologen. Doch: Der Mythos René Goscinny lebt; der Mensch, ihr Vater, ist damals gegangen.
Das Asterix-ABC
Arvernerschild: Der Band 11 der Reihe von 1968 dreht sich um den verschollenen Schild des Gallierführers Vercingetorix, den er Cäsar nach der Schlacht von Alesia als Zeichen seiner Niederlage zu Füßen warf. Am Schluss stellt sich nach einer langen Suche in der Auvergne heraus, dass es jetzt der Trageschild von Majestix ist, dem Häuptling des gallischen Dorfes.
Babaorum: Das eine von vier Römerlagern rund um das gallische Dorf verdankt seinen Namen Stanislaus Leszczynski (1677–1766), Herzog von Lothringen und ein Mann von unmäßigem Appetit. Als sein zu Ende gehendes Gebiss nichts anderes mehr zuließ, wurden ihm die Speisen besonders zart zubereitet oder eingeweicht gereicht. Ein trockener Topfkuchen („baba“) etwa wurde ihm in Rum getränkt: „baba au rhum“, bis heute eine Spezialität von Nancy.
Cervisia: Lateinisch für den Vorläufer von Bier im Altertum. Schmeckt auch den Galliern ...
dick (angezogen): Ein Running Gag durch alle Asterix-Bände. Obelix ist es leid, auf seine Korpulenz angesprochen zu werden. Schließlich liege die nur daran, dass er lieber kräftigere Stoffe trägt.
„Errare humanum est“: „Irren ist menschlich!“ – eine lateinische Redewendung von Seneca und Cicero, die auch in mehreren Asterix-Bänden Verwendung findet.
Fischverleih: Noch so ein Running Gag. Verleihnix, der Fischhändler des Dorfes, wird immer wieder auch als Fischverleih missbraucht, etwa bei Schlägereien. Das macht ihn zornig, zumal „die Leute ihre Fische in einem Zustand zurückbringen …“.
Gladiatoren: Im frühen Band 4 von 1964 müssen Asterix und Obelix in Rom als Gladiatoren („Schwertkämpfer“) anheuern, um ihren entführten Barden Troubadix zu befreien. Dort unterwandern sie die Kampfeslust der anderen Gladiatoren, die dann, statt vor dem Publikum auf Leben und Tod zu kämpfen, lieber harmlose Ratespielchen machen wollen.
Hinkelsteine: Ein typischer Goscinny-Geschichts-Gag. Menhire gehören fest zum prähistorischen Bild der Bretagne. Doch so recht weiß bis heute niemand, was diese „Hinkelsteine“ tatsächlich bedeuten. Der Asterix-Autor macht aus Obelix einen professionellen Hinkelstein-Hauer – dessen Produktion im Band 23 von 1976 sogar die römische Staatskasse an den Rand des Bankrotts bringt.
„Ich habe nichts gegen Fremde. Aber diese Fremden da sind nicht von hier!“: Schlechtgelaunte Opas gehören fest zum Asterix-Repertoire; sei es Methusalix, der allen und jedem fehlenden Respekt vor dem Alter attestiert; oder die vier Senioren auf Korsika (Band 20 von 1973), die ihr Leben mit Auf-der-Bank-Sitzen und Kommentieren verbringen.
Julius Cäsar: Nicht immer agiert der große Feldherr rational im Umgang mit dem aufsässigen gallischen Dorf – aber auf jeden Fall deutlich intelligenter als seine Untergebenen ...
Käse, korsischer: Nahrung und Ernährung der besuchten Völker spielen immer eine zentrale Rolle. Bei den Korsen sind es freilaufende Schweine, Esskastanien und der korsische Käse (Casu Marzu) – der bei Einheimischen höchste Glücksgefühle und bei Auswärtigen Entsetzen hervorruft – und durch seine Gase sogar das Schiff der Piraten zur Explosion bringt.
Luftanhalten: Wenn dem stolzen Spanier-Jungen Pepe im Band 14 von 1969 etwas nicht passt, erpresst er Asterix mit Luftanhalten, „bis etwas passiert“ … Eine sehr wirksame Methode, die Obelix und sein Hund Idefix schon bald kopieren.
Miraculix: Ohne den Druiden funktionierte das alles nicht. Miraculix kennt als einziger das Rezept des Zaubertranks (s. dort); er ist der wissende Weise und Mentor von Asterix. Wehe, er fällt mal aus, wie im Band „Der Kampf der Häuptlinge“ von 1964, wo er durch einen Hinkelsteinwurf sein Gedächtnis verliert.
„Nein, du wirst nicht singen!“: Das traditionelle Verdikt, wenn der Dorfbarde Troubadix mal wieder ein scheußliches Lied anstimmen will. Beim traditionellen Festbankett am Ende eines jeden Abenteuers wird er zumeist geknebelt und an einen dicken Baum gebunden.
Olympische Spiele: Band 12 von 1968, einer der rundesten und witzigsten Asterix-Bände. Mit dem Zaubertrank im Gepäck wollen die Gallier bei den Wettkämpfen in Griechenland abräumen. Goscinny spielt so mit der Doping-Thematik, aber auch mit dem Chauvinismus des modernen Massentourismus.
Piraten: Die tragikomischen Dauergäste der Asterix-Serie. Sie halten sich für schlau, gehen aber so regelmäßig baden, dass sie sich am Schluss schon lieber selbst versenken. Der älteste Pirat zitiert ständig lateinische Sprichwörter; der dunkelhäutige Ausguck kann kein R aussprechen – ve‘sucht es abe‘ lustige‘weise imme‘ wiede‘.
Quästoren: Diese römischen Beamten waren mit der Verwaltung der Staats- und Kriegskasse und der Eintreibung von Steuern und Pachten betraut. In „Asterix bei den Schweizern“ (Band 16 von 1970) rückt der unbestechliche Quästor Claudius Incorruptus dem gierigen und stets Orgien feiernden Präfekten Agrippus Virus, Statthalter in Condate (Rennes), auf die Pelle.
Römer: Die spinnen! – ebenso wie die Belgier, Iberer, Schweizer, Normannen, Briten, Goten und all die anderen … Obelix muss es wissen – denn er hat sie alle bei seinen Abenteuern mit Asterix und Hund Idefix besucht.
Sesterzen: Waren die wichtigsten Münzen im Römischen Reich, vom 3. vorchristlichen bis zum Ende des 3. Jahrhunderts. Beinahe hätte Julius Cäsar allerdings zwischendurch die Währung durch Hinkelsteine (s. dort) ruiniert: „Sesterz-nichts-mehr-wert-sein!“
Trabantenstadt: Der Band 17 der Asterix-Reihe von 1971 nimmt Bezug auf den damals fast manischen Bau von Hochhaussiedlungen in den Pariser Vorstädten (und in ganz Europa). Dort wird moderner Konsum mit „Kauf-Domus“ und „Fahr-rein“ (Drive-in) verheißen. Und die Gallier haben mit diesem Einfall des Zeitgeistes ganz schön zu kämpfen.
Uderzo: Der geniale Zeichner der Asterix-Abenteuer (1927–2020). Als ihm 1977 sein grandioser Texter und Szenarist Goscinny wegbrach, konnte er dessen Witz und Ideen nicht gleichwertig kompensieren. Den Abenteuern ab Band 25 („Der große Graben“) fehlt es an Timing, Leichtfüßigkeit und Esprit.
Verschwiegenheit: „Aber sag’s nicht weiter …“ ist eine Redensart gallischer Dorffrauen – und tatsächlich die sicherste Art, für eine rasche Verbreitung von Klatsch und Tratsch zu sorgen.
Wildschweine: Trotz der Fische von Verleihnix (s. Fischverleih) eindeutig das Hauptnahrungsmittel im kleinen gallischen Dorf. Der Verzehr erfolgt in ganzen Früchten. Wenn Asterix im Restaurant „zwei Wildschweine“ bestellt, kann man sicher sein, dass Obelix nachlegt: „Mir auch zwei!“
X-Chromosome: Frauen bei Asterix, das sind zumeist französische Dorffrauen – ländlich-robust, heimisch, geschwätzig: Gutemine, Praline, Popeline, Jellosubmarine. Es gibt aber auch Modepüppchen, jüngere (Zechine) und ältere (die namenlose Ehefrau des Seniors Methusalix) – und eine wirklich Schöne: In Falbala, die Nichte von Methusalix (Asterix als Legionär; Band 10 von 1966), ist Obelix unsterblich verliebt.
YouTube: Hier gibt es alles, was das Herz begehrt; zumindest für jene, die auch die Filme mögen – und nicht nur die Hefte …
Zaubertrank: Er ist der Dreh- und Angelpunkt der Asterix-Reihe. Gebraut vom Druiden Miraculix, der dafür mit seiner goldenen Sichel Misteln schneidet, verleiht er unbesiegbare Kräfte, die das widerständige gallische Dorf und seine Freunde und Verbündeten für die Römer zum Albtraum werden lassen. Obelix ist als kleiner Junge in den Kessel gefallen; bei ihm wirkt er dauerhaft.