Reptilienschmuggel in "Monsters of God": Die verrückte Welt der Schlangenkönige
HBO-Dokureihe
Reptilienschmuggel in "Monsters of God": Die verrückte Welt der Schlangenkönige
Eric Goodes versprüht mit seiner HBO-Doku heftige "Tiger-King"-Vibes. Mit windigen Protagonisten zeigt er die Abgründe des milliardenschweren Reptilienhandels
Oliver Mark
Wer unter Ophidiophobie leidet, also der Angst vor Schlangen, sollte sich die erste Szene von Monsters of God nicht anschauen. "Das Tier hat genug Gift, um einen Elefanten zu töten", sagt ein Typ, bevor er einen Koffer mit einer zischenden Königskobra öffnet. "Ich weiß, was ich tue", behauptet er und weicht elegant den Bissversuchen des rund fünf Meter langen Tieres aus. Willkommen im milliardenschweren Universum der Reptilienschmuggler!
Nach dem Netflix-Hit Tiger King über US-Privatzoobesitzer und Chimp Crazy über bizarre Affenliebe schaut Filmemacher Eric Goode für HBO Max mit der Doku Monsters of God wieder in die Abgründe einer verrückten Welt, die den Zuseherinnen und Zusehern ansonsten verborgen bliebe: dem Schmuggel exotischer Reptilien. Eric Goode ist selbst ein Reptilien-Aficionado. Er hat in den 80er-Jahren Tiere bei zwielichtigen Händlern gekauft. "Ich war Teil des Problems."
Wie alles begann
Die erste Episode von Monsters Of God rollt die Geschichte des illegalen Reptilienhandels in den USA auf. Sie reicht zurück bis in die 1960er-Jahre und sie trägt zwei Namen: Hank Molt und Tommy Crutchfield. Letzterer sagt, während er einen Nashornleguan streichelt ("er ist wie ein Hund mit Schuppen, nur besser erzogen"), dass er der "Chef der Bösen" war. Seine Liebe zu Reptilien begann als Fünfjähriger, als er unter einem Stein eine Halsbandnatter fand. Später sammelte er in seiner Heimat Florida Schlangen für Shows. Er arbeitete dort als Guide, "Schlangengiftmelker" – und er rang mit Alligatoren.
Die zentrale Figur war anfangs aber Hank Molt. Der ehemalige Käse- und Mayonnaiseverkäufer kaufte eine Tierhandlung in Pennsylvania und vercheckte über seine Firma Philadelphia Reptile Exchange Schlangen, Echsen und Schildkröten an Zoos, Prominente und private Sammler. "1966 habe ich meine erste Preisliste ausgeschickt", erzählt er. Rund 40 Tiere waren anfangs auf der Liste. Die Nachfrage war enorm. Molt reiste um die Welt und plünderte Urwälder, um die exotischen Tiere zu importieren. "Ich flog von Madagaskar zurück mit Koffern voller Hundskopfboas."
US-Zoos als wichtige Abnehmer
Damals gab es noch keinen strengen Artenschutz, schmuggeln war für ihn und seine Lakaien ein Kinderspiel. Vor allem die Zoos rissen Molt die Tiere aus den Händen. Die neuen Reptilienanlagen wurden zu Besuchermagneten. Die Zoos bezahlten irre Summen und überboten einander sogar. So wurden sie indirekt zu seinen Komplizen. Das Erstarken der Umweltschutzbewegung führte 1973 zu einem Gesetz über Artenschutz. Doch Molt profitierte finanziell davon: "Durch die Gesetze wurde es schwieriger, aber dadurch konnte man jetzt jeden Preis verlangen."
Als die Behörden bereits kurz davor waren, Molt auf die Schliche zu kommen, entsorgte sein Geschäftspartner die illegal importierten Tiere in einem Wald. Tote Schlangen, Leguane, Schildkröten, Echsen. "Es war ein grauenvoller Anblick", sagt ein Ermittler von damals. Molt wurde 1977 wegen mehr als 200 Schmuggelvergehen angeklagt, er musste dafür aber nur 90 Tage ins Gefängnis. Den Zoos, die zu Molts Abnehmern gehörten, passierte nichts.
Das Vakuum nach Molts Verurteilung nutzte Tommy Crutchfield. Er wurde von seinem Bewunderer und Geschäftspartner zum Rivalen und Thronfolger. Die Nachfrage in den Zoos und privater Sammlern war ungebrochen. Crutchfield fand mit Anson Wong, einem malaysischen Tierschmuggler, einen kongenialen Handelspartner in Asien, um seinen Wildtierschmuggel zu professionalisieren. "Er konnte alles besorgen und er hatte den Mut, es auch zu exportieren", sagt Crutchfield.
Der "Goldrausch" der 70er- und 80er-Jahre brachte ihm Umsätze von mehreren Millionen Dollar pro Jahr. Ob Schildkröten für Michael Jackson oder Kobras für den Film Indiana Jones: Crutchfield lieferte. Sein Geschäftspartner Wong wurde als "Pablo Escobar des Tierhandels" bezeichnet. Die letzte und fünfte Folge der HBO-Doku (3. September) setzt sich unter dem Titel Head of the Snake mit seinem Treiben auseinander.
Crutchfield gegen Molt
Crutchfield stolperte schließlich über die gebänderten Fidschi-Leguane, die er von Wong erhielt. In den USA war der Besitz der vom Aussterben bedrohten Tiere verboten. Crutchfield konnte sie deswegen nicht verkaufen und übergab sie aus Angst, ertappt zu werden, an Hank Molt. Ein schwerer Fehler. Molt ließ die Tiere sterben und lieferte Crutchfield ans Messer. Während er für seine Kooperation mit den Behörden nur eine Zivilstrafe erhielt, musste Crutchfield Mitte der 90er-Jahre für fünf Monate in den Knast.
Weitere Akteure der Szene sind in der Doku Ray Van Nostrand und dessen Sohn Mike. Ray zog nach Florida, dem Eldorado des Wildtierschmuggels. Dort sammelte und züchtete er verbotenerweise Indigonattern. Nachdem er ertappt wurde, wechselte er vorerst das Business: Drogen. Miami mutierte in den 80er-Jahren zum Umschlagplatz illegaler Substanzen. Van Nostrand verbündete sich mit Mario Tabraue, der den Wildtier- mit dem Drogenhandel verknüpft hatte. Die Tiere dienten als Tarnung. Wer durchsucht schon freiwillig einen Käfig voller Giftschlangen?
"Ich war im Knast?"
"Kokain Cowboy" Mario Tabraue tauchte mit seinem Privatzoo und Faible für Wildtiere bereits in Tiger King auf. Das Duo Tabraue und Ray Van Nostrand kam jedenfalls nicht ungeschoren davon. "Ich war im Knast?", fragt Van Nostrand seinen Sohn Mike in der Doku ungläubig. Er ist von Demenz gezeichnet. Mike holte dann das Familiengeschäft in die Legalität zurück und etablierte laut Eigendefinition mit Strictly Reptiles eine Art "Amazon für Reptilien". Der Exportschlager und die Goldgrube waren grüne Leguane. Doch als sein Vater Ray aus dem Gefängnis zurückkehrte und wieder ins Geschäft einstieg, war der Weg zurück in die Illegalität vorprogrammiert.
In Monsters of God sind die Tiger-King-Vibes allgegenwärtig. Regisseur Eric Goode spinnt gekonnt ein Netz aus kriminellen Machenschaften und Privatfehden. Auf den Tierschutz wird großteils gepfiffen. Die Liebe zum Geld ist weit größer als jene für Reptilien. Erstaunlich ist die Offenheit, mit der die Protagonisten über ihre Praktiken sprechen. Und man fragt sich: Wer betritt als Nächstes die Bühne? Bis jetzt wurden drei von fünf Folgen veröffentlicht. Ein lohnender Blick in eine Schattenwelt! (Oliver Mark, 22.8.2026)
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