Russland in der Arktis: Putin greift nach Nordmeer – "ein Alarmsignal für die Russen"
Archipel in der Arktis
"Das ist ein Alarmsignal für die Russen"
Aktualisiert am 29.09.2026 - 07:19 UhrLesedauer: 6 Min.
Die arktische Inselgruppe Spitzbergen ist eine demilitarisierte Zone. Das könnte zum Problem werden, denn Russland beansprucht das zu Norwegen gehörende Archipel für sich.
Tobias Schibilla berichtet von Spitzbergen
Am 2. September 2026 greift Norwegen gegen Russland durch: Beamte setzen im Hafen der russisch verwalteten Bergbausiedlung Barentsburg auf Spitzbergen das Forschungsschiff "Professor Moltschanow" fest. Zuvor hatte der ukrainische Energiekonzern Naftogaz in Norwegen einen Schiedsspruch über 4,22 Milliarden US-Dollar wegen Kriegsschäden gegen Russland erwirkt. Der Gouverneur der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen setzte die Maßnahme durch. Bis auf Weiteres bleibt die "Professor Moltschanow" also in norwegischen Gewässern.
Die Reaktion aus Moskau lässt nicht lange auf sich warten. Außenminister Sergej Lawrow bezichtigt Norwegen der "Piraterie", der russische Präsident Wladimir Putin spricht – auch in Bezug auf das Vorgehen anderer europäischer Staaten gegen Schiffe der russischen Schattenflotte – gar von "Staatsterrorismus".
Arild Moe ist mehrfach mit der "Professor Moltschanow" gefahren. Der Norweger forscht seit 1983 am Fridtjof-Nansen-Institut bei Oslo zur russischen Arktis und legte 2025 die bislang genaueste Untersuchung der russischen Präsenz auf Spitzbergen vor. Im Gespräch mit t-online ordnet er den Vorfall im Hafen von Barentsburg ein und erklärt, welche Rolle Spitzbergen in der russischen Verteidigungsdoktrin einnimmt.
t-online: Herr Moe, am 2. September hat der Gouverneur von Spitzbergen im Hafen von Barentsburg ein Schiff in Besitz des russischen Staats beschlagnahmt. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Nachricht lasen?
Arild Moe: Ich war überrascht. Aber als ich verstanden hatte, dass es sich dabei um eine norwegische Gerichtsentscheidung im Zusammenhang mit Forderungen, die Naftogaz gegen Russland hat, handelte, war mir klar: Das ist keine sehr dramatische Episode. Im Kern war es eine formale Beschlagnahmeerklärung.
Russische Ministerien veröffentlichten drei verschiedene Versionen, um die Funktion des Schiffs zu erklären: Einmal soll die "Professor Moltschanow" russische Bergarbeiter in Barentsburg mit Vorraten versorgt, dann Kunst nach Spitzbergen gebracht, und schließlich Daten zum Wetter in der Arktis erhoben haben. Warum braucht Moskau drei Versionen?
Offen gesagt ist das für den Fall komplett irrelevant. Die "Moltschanow" ist ein Forschungsschiff mit einigen Passagierkabinen, ich bin bereits mehrmals damit gefahren. Auf die russischen Darstellungen würde ich mich nicht zu sehr versteifen. Zusammenfassend kann man sagen: Der Gouverneur von Spitzbergen hat ein russisches Schiff im Dienste des russischen Staats festgesetzt.
Zur Person
Der Politikwissenschaftler Arild Moe forscht seit 1983 am Fridtjof-Nansen-Institut bei Oslo, das er zeitweise auch leitete. Er studierte in Oslo Politikwissenschaft, Russisch und öffentliches Recht. Seine Themen sind russische Energiepolitik, arktische Schifffahrt und das Verhältnis zwischen Norwegen und Russland.
Halten Sie den Vorfall dennoch für relevant?
Das hängt auch davon ab, wie Russland damit umgeht. Wenn Moskau daraus einen größeren bilateralen Zwischenfall macht, wonach es derzeit nicht aussieht, kann die Beschlagnahmung des Schiffs noch wichtig werden. Russlands Außenminister Lawrow hat allerdings deutlich zum Ausdruck gebracht, dass Russland gegen die Entscheidung des Gerichts Berufung einlegen will. Russland scheint also den friedlichen Weg zu wählen.
Die "Moltschanow" war allerdings das einzige Schiff, das auf der visafreien Route zwischen dem russischen Murmansk und Barentsburg verkehrte. Hat Moskau damit eine wichtige Verbindung in die Arktis verloren?
Nein. Russland hat viele Schiffe, im Prinzip könnte es jedes einzelne davon auf der Route einsetzen. Ein Großteil der Waren, mit denen Barentsburg versorgt wird, kommt per Schiff vom norwegischen Festland. Ohnehin gibt es den Passagier- beziehungsweise den Touristenverkehr auf dieser Strecke mit der "Professor Moltschanow" erst seit diesem Jahr.
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Wie kam es zu dieser Entwicklung?
Norwegen hat die Anreise per Flugzeug nach Spitzbergen für Russen erschwert. Wer von Russland aus auf dem Luftweg nach Spitzbergen will, braucht ein Visum für Norwegen. Und die gibt Oslo nicht einfach so heraus.
Anfang des Jahres hat die Nato mit der Mission "Arctic Sentry" ("Arktischer Wächter") begonnen. Damit will das Bündnis wichtige Schifffahrtsrouten freihalten. Russlands Außenminister Lawrow bezeichnete die gestiegene Nato-Präsenz als "neue Front gegen Russland". Fühlt sich Moskau bedroht?
Ja und nein. Auf der Halbinsel Kola gibt es wichtige russische Militäranlagen, deren Schutz ein dauerhaftes Anliegen für Moskau ist. Unter anderem sind dort russische Nuklearwaffen stationiert. Wenn die Nato ihre Präsenz in der Arktis erhöht, ist das ein Alarmsignal für die Russen. Denn die haben seit vielen Jahren das Ziel, fremde Angriffsboote aus der Region fernzuhalten.
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Aber?
Russland hat auch seine Landstreitkräfte auf Kola drastisch reduziert. Der Kreml hat die Truppen in die Ukraine beordert. Deshalb ist die Zahl der Soldaten, die für die Landverteidigung der Militärkomplexe auf der Halbinsel zur Verfügung steht, ziemlich niedrig. Das zeigt mir, dass Russland keinen unmittelbaren Angriff gegen sich befürchtet.
Hat sich die Sicherheitslage auf Spitzbergen seit dem russischen Angriff auf die Ukraine verändert?
Schwer zu sagen. Kommt man als Tourist auf dem Archipel an, bemerkt man nicht zwingend eine Veränderung in der Sicherheitslage. Für die Menschen, die dort leben, hat sich aber zumindest die Atmosphäre deutlich gewandelt.
Was meinen Sie damit?
Es gibt seit 2022 deutlich weniger Austausch zwischen Longyearbyen und dem russisch dominierten Barentsburg. Dieser war allerdings schon vor dem Krieg nicht besonders groß, da die Städte weit auseinanderliegen und nicht durch eine Straße verbunden sind. Doch es gab eine Zusammenarbeit beim Tourismus, die mittlerweile aber auch zum Erliegen gekommen ist.
Und was bedeutet das für die Sicherheit vor Ort?
Auf Spitzbergen gibt es keine Militärbasis, keine Befestigungen. Aus einer militärtechnischen Perspektive ist die Inselgruppe neutralisiert. Russland hat ein Interesse daran, dass das so bleibt, denn im Status quo liegt eine gewisse Stabilität.
Apropos Status quo: Russland unterhält in der Siedlung Barentsburg eine Mine, die jährlich mit etwa 1,9 Milliarden Rubel (19,6 Millionen Euro) subventioniert wird. Warum zahlt Moskau diesen großen Betrag für eine unrentable Mine?
Der Spitzbergenvertrag gibt den Vertragsstaaten, darunter auch Russland als Rechtsnachfolger der Sowjetunion, und Unternehmen aus diesen Staaten das Recht auf gewisse wirtschaftliche Tätigkeit auf den Inseln. Der Bergbau ist für Russland ein willkommenes Instrument, um die Siedlung in Barentsburg nicht aufzugeben. Auch wenn die Siedlung wirtschaftlich keinen Nutzen mehr für Moskau hat, denn die in Barentsburg geförderte Kohle ist von schlechter Qualität und wird nur noch im örtlichen Kraftwerk verfeuert.
Wie viele Russen leben noch in Barentsburg?
Etwa 400 Menschen. Ihre Zahl ist seit der Spätphase der Sowjetunion deutlich zurückgegangen, in den späten 1980er-Jahren lebten noch etwa 2.500 Menschen in der Siedlung.
Aber wenn die Mine auf Spitzbergen keinen wirtschaftlichen Nutzen mehr hat, wie sichert Moskau seinen Anspruch auf eine Präsenz in Barentsburg ab?
Neben der sehr beschränkten physischen Präsenz nutzt Moskau etwas, das man als postmoderne Politik bezeichnen könnte. Russland erzählt Geschichten über die russische Geschichte auf Spitzbergen. Es werden zahlreiche Ausstellungen organisiert, Filme produziert, und so wird die Nostalgie gepflegt. Die Kosten dafür sind gering. Aber das produzierte Material erzeugt das Bild, dass Spitzbergen für Russland wichtig ist – sowohl im Inland als auch im Ausland.
Gibt es Barentsburg in dieser Form im Jahr 2036 noch?
Ja. Wer weiß, vielleicht importieren die Russen dann Kohle aus Südafrika, um sie im Kraftwerk zu verfeuern. (lacht)
Warum will Russland überhaupt auf Spitzbergen bleiben, wenn es ein wirtschaftliches Minusgeschäft ist?
Um sicherzustellen, dass sich die Lage auf den Inseln nicht in eine für Moskau negative Richtung entwickelt. Es geht darum, da zu sein, zu beobachten – und darum, Norwegen und der ganzen Welt zu zeigen, dass Russland wachsam bleibt.
Einige Experten in Deutschland sagen, Spitzbergen sei die "Achillesferse der Nato". Halten Sie die russische Präsenz auf dem Archipel für eine Gefahr?
Nein, das glaube ich nicht. Die russische Präsenz auf Spitzbergen ist nicht besonders eindrucksvoll.
Und wenn Sie nicht von den Russen in Barentsburg, sondern einer möglichen militärischen Operation gegen den Archipel ausgehen?
Für Russland wäre es nicht schwer, Spitzbergen im Zuge einer militärischen Operation einzunehmen. Entscheidend ist, wie die Nato darauf reagiert. Deshalb muss Norwegen fortwährend daran erinnern, dass Spitzbergen zu seinem Territorium gehört und von Artikel 5 der Nato abgedeckt ist.
Könnten diese Beteuerungen nicht dazu führen, dass sich Russland provoziert und damit zu einer militärischen Aktion gedrängt fühlt?
Ich glaube nicht, dass Russland ein besonderes Interesse an Spannungen im Norden hat, denn Moskau hat derzeit in der Ukraine genug zu tun. Norwegen interpretiert den Spitzbergenvertrag allerdings dahingehend, dass Spitzbergen eben nicht vollständig entmilitarisiert ist und Planungen für eventuelle Auseinandersetzungen mit dem Vertrag vereinbar sind. Nur dürfen diese Planungen nicht wie eine bevorstehende Militarisierung aussehen. Man muss Russland immer zeigen, dass es nichts zu befürchten hat.
Herr Moe, vielen Dank für das Gespräch.