Schachgipfel in Dresden: Miniaturenkrieg der Superhirne


Vor jedem der drei Spielsäle prüft ein Ordner jeden Teilnehmer akribisch mit einem Metalldetektor. Gesucht werden versteckte elektronische Geräte wie Smartphones, Mini-Sender oder Computer-Chips mit Schachprogrammen, die die besten Züge verraten könnten. Die Schachspieler warten geduldig, fast wie an einer Sicherheitskontrolle am Flughafen. Hinter der Tür warten jeweils die Bretter für Frauen, Männer, Meisterkandidaten, Senioren und Menschen mit Behinderungen.

Auch die Zuschauer müssen anstehen, es hat sich eine Schlange gebildet. Sie rückt langsam vor. Während man beim Warten noch plaudern darf, beginnt hinter der Eingangstür die absolute Stille. Es öffnet sich eine andere Welt. In der Meisterklasse ist das Teilnehmerfeld kleiner, der Raum wirkt weiter, die Wege zwischen den Brettern länger.

Noch bis zum 26. Juli ist Dresden Zentrum des deutschen Turnierschachs. Der Schachgipfel umfasst 13 Turniere und 27 zu vergebende Titel. Nach Angaben des Deutschen Schachbundes nehmen mehr als 1000 Menschen teil. Gespielt wird im Internationalen Congress Center Dresden, morgens bei den Senioren und in den Kandidatenturnieren, später in den Meisterklassen. An diesem Wochenende kommen mehr als 300 qualifizierte Finalisten der Deutschen Schach-Amateurmeisterschaft hinzu.

Es ist der erste Schachgipfel nach vier Jahren Pause. Nach dem letzten Großereignis dieser Art im Jahr 2022 in Magdeburg fiel der Gipfel in den Folgejahren aus. Interne finanzielle Schwierigkeiten und ein Sparkurs im Schachverband selbst trafen auf fehlende Förderung. Städte zogen zugesagte finanzielle Unterstützungen und Fördermittel für die Großveranstaltung zurück. Schachmatt für das Großevent.

Die Schach-Gemeinde in Deutschland ist rund 100.000 Vereinsmitglieder groß. Eine große Anzahl Freizeitspieler kommt noch dazu. Der größte Schachverein der Republik ist übrigens der Schachverein Magdeburger Schachzwerge mit 800 Mitgliedern. Und nun wird in Dresden wieder gespielt. Dort, wo sonst Kongresse und auch Weinmessen stattfinden, ist jetzt die Ruhe oberstes Gebot. Das Congress Center scheint den Atem anzuhalten. Vor Beginn der Runde klicken immer wieder Kugelschreiber. Später wird jeder Zug notiert. Tee steht bereit, daneben Wasser und Schokoriegel als Nervennahrung. Figuren werden zurechtgerückt, obwohl sie längst gerade auf ihren Feldern stehen. Die Nervosität verrät sich in kleinen Handgriffen.

Die Organisation wirkt eingespielt. Helfer weisen den Weg zwischen den Sälen, Ansprechpartner vermitteln Gespräche, der Präsident des Deutschen Schachbundes Paul Meyer-Dunker nimmt sich Zeit für Fragen. Trotz der Größe des Gipfels bleibt der Umgang freundlich und persönlich.

Weiß beginnt

Dann tritt er an das Brett von Olga Babiy und Dinara Wagner. Der Präsident führt den symbolischen ersten Zug mit einer weißen Figur aus. Fotografen heben ihre Kameras. Für einen Moment gehört der Saal ganz der kleinen Zeremonie. Meyer-Dunker tritt zurück. Jetzt hilft niemand mehr.

DSB-Präsident Meyer-Dunker eröffnet die Partie von Dinara Wagner (l.) und Olga Babiy

DSB-Präsident Meyer-Dunker eröffnet die Partie von Dinara Wagner (l.) und Olga Babiy

© Sebastian Faber

Die Uhren laufen. Gespräche versiegen. Der Saal fällt in eine Stille, die eher an ein Labor während eines empfindlichen Versuchs erinnert als an eine Sporthalle. Kein Ball schlägt auf, kein Motor heult, kein Publikum ruft einen Namen. Ein Stuhlbein schabt über den Boden. Jemand räuspert sich. Dann hört man wieder nur Atem, Stifte und gelegentlich eine Schachuhr.

Schach erzeugt seine Dramatik fast lautlos. Ein Zug kann eine Stellung retten, ein anderer Stunden der Vorbereitung zerstören. Von außen sehen beide Bewegungen beinahe gleich aus. Eine Hand hebt eine Figur an, setzt sie wenige Zentimeter weiter ab und kehrt zurück. Im Kopf der Spielerin kann dabei gerade eine ganze Partie zusammenbrechen.

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Der Meisterklassenbereich ist abgesperrt. Zuschauer können die Spieler beobachten, stehen jedoch mit etwas Abstand zu den Brettern. Aus der Entfernung lassen sich weniger die Stellungen als die Spieler beobachten: reglose Gesichter, gefaltete Hände, kurze Blicke zur Uhr. Manchmal verlässt ein Spieler seinen Platz und geht einige Schritte. Der Gegner bleibt sitzen und rechnet weiter.

Wer die Stellung nicht lesen kann, sieht zunächst wenig Geschehen. Kommentatorin Katharina Reinecke erkennt die Spannung an der Stellung und an der Körpersprache. Besonders in Zeitnot werde sichtbar, wer nervös werde. Dann müssten die Spieler innerhalb weniger Minuten schwierige Entscheidungen treffen und könnten ihre Varianten kaum noch vollständig durchrechnen. Die größten Fehler, sagt Reinecke, passierten häufig unter Zeitdruck.

Wer mehr erkennen will als Mienen und Blicke auf die Uhr, kann die Partien in der Liveübertragung und bei der Kommentierung verfolgen. Ein Bewertungsbalken zeigt dort, wie ein Schachprogramm die Stellung einschätzt. Unerfahrene Zuschauer können zunächst auch auf die Materialverteilung achten. Mit jeder beobachteten Partie wachse das Gefühl dafür, was auf dem Brett geschehe, erklärt Reinecke.

Stundenlange Vorbereitung auf den ersten Zug

Was vor dem ersten Zug geschieht, bleibt den Zuschauern verborgen. Spieler bereiten sich mehrere Stunden auf ihre Gegner und deren bevorzugte Eröffnungen vor. Nach der Partie folgt häufig eine gemeinsame Analyse. Eine Runde besteht damit aus weit mehr als den Stunden am Brett.

Eine Teilnehmerin ist hochkonzentriert während der Partie.

Eine Teilnehmerin ist hochkonzentriert während der Partie.

© Deutscher Schachbund

Charis und Dora Peglau kennen diesen Rhythmus. Die 17 Jahre alten Schwestern kommen aus Dippoldiswalde und können während des Dresdner Turniers jeden Abend nach Hause fahren. In der ersten Runde der Frauenmeisterschaft mussten sie gegeneinander antreten. Die Partie endete remis. Als Konkurrentinnen sehen sie sich dennoch kaum. „Partnerinnen“, antworten beide beinahe sofort auf die entsprechende Frage.

Beide haben sich für das Turnier etwas vorgenommen. Die Meisterschaft bietet ihnen die Möglichkeit, eine Norm für den Titel der Internationalen Meisterin zu erzielen. Beide würden diese gern erreichen, setzen sich aber unterschiedlich dafür unter Druck. Beide Schwestern wissen, dass ein deutscher Meistertitel angesichts ihrer Position im Teilnehmerfeld eine Sensation wäre.

Die allgemeine Deutsche Meisterschaft ist offen, Frauen dürfen dort antreten. Unter den zehn Teilnehmern dieses Jahres befindet sich dennoch keine Frau. Parallel spielen zehn Spielerinnen um den Titel der deutschen Frauenmeisterin.

Die Zwillingsschwestern sehen in dieser Aufteilung klare Vorteile. Spielerinnen können in offenen Wettbewerben gegen stärkere Konkurrenz antreten und zugleich um eigene Titel und Normen spielen. Die Frauenmeisterschaft gibt ihren Leistungen zudem eine größere Sichtbarkeit.

In der deutschen Spitze sind Frauen weiterhin deutlich seltener vertreten. Die Schwestern verweisen vor allem auf die wesentlich geringere Zahl aktiver Spielerinnen. Schach war lange ein Männersport. Aus einem kleineren Teilnehmerfeld gehen zwangsläufig auch weniger Spitzenspielerinnen hervor. Warum die Spitze weiterhin so deutlich männlich geprägt ist, lässt sich für sie nicht auf einen einzigen Grund zurückführen.

Beide halten die Frauenmeisterschaft deshalb weiterhin für sinnvoll. Spielerinnen investierten ähnlich viel Zeit in Training und Turniere wie ihre männlichen Gegenspieler, hätten in einem fast vollständig männlichen Spitzenfeld jedoch geringere Chancen auf Titel und Preisgelder. Die eigene Meisterschaft schafft damit einen zusätzlichen Anreiz, im Leistungsschach zu bleiben.

Gerade das Nebeneinander dieser Wettbewerbe macht den Schachgipfel aus. DSB-Präsident Meyer-Dunker spricht von einem „Schmelztiegel“, in dem Profis und Amateure zusammenkommen. Die deutsche Spitze spielt im selben Gebäude wie Senioren, Nachwuchsspieler und die Teilnehmer der Deutschen Einzelmeisterschaft für Menschen mit Behinderungen. Am Wochenende kommen mehr als 300 Finalisten der Amateurmeisterschaft hinzu.

Draußen fließt die Elbe am Congress Center vorbei. Auf dem Radweg ziehen Menschen durch wechselhaftes Wetter. Hinter den Scheiben kann in diesem Augenblick eine Partie kippen, ohne dass ein Laut nach außen dringt. Vielleicht verrät nur ein Stirnrunzeln, dass ein Fehler geschehen ist.

Ich überlasse die Spielerinnen und Spieler ihren Miniaturkriegen und gehe leise zur Tür. Kein Geräusch von mir soll jemanden den Sieg kosten.

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