Reserven weg, Börse im freien Fall: Russlands Kriegswirtschaft steht vor dem Abgrund
Schlag für Putins Wirtschaft: Herz der russischen Industrie stürzt ab
Stand: 21.07.2026, 19:51 Uhr
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Russlands Kriegswirtschaft zeigt deutliche Risse. Experten warnen vor Stagflation und einer Bankenkrise. Putins Abhängigkeit von China wächst derweil weiter.
Moskau – Russlands Wirtschaft erlebt einen historischen Absturz. Am Donnerstag (16. Juli) ist der Leitindex IMOEX2 der Moskauer Börse erstmals seit Dezember 2022 unter die Marke von 2100 Punkten gefallen. Laut einem Bericht der Welt erlebte Russland mit einem Tagesminus von 4,24 Prozent den schwärzsten Handelstag seit fast vier Jahren. Damit setzte sich fort, was bereits seit fünf Monaten anhält: An der russischen Börse herrscht Ausverkauf in einem selten gesehenen Ausmaß.

Am Montag (20. Juli) fiel der Leitindex dann erstmals unter 1900 Punkte. Zum Vergleich: Vor einem Jahr stand er noch bei über 2800 Punkten. Der Einbruch zeigt, dass die russische Kriegswirtschaft unter wachsendem Druck steht. Eine Studie des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) und des Stockholm Institute of Transition Economics vom Juni hatte diese Entwicklung bereits skizziert. Demnach zeige die russische Wirtschaft deutliche Anzeichen struktureller Erschöpfung.
Putins Börsen stürzen ab: Das sind mögliche Gründe
Michail Selzer, Analyst der russischen Investitionsbank BKS, benennt gegenüber Welt mehrere Gründe für die Talfahrt. Zum einen drücke der Stillstand in den Ukraine-Verhandlungen den Markt. Seit US-Präsident Donald Trump durch den Iran-Krieg abgelenkt sei, fehle dieser Treiber. Zum anderen preise die Börse den verstärkten Sanktionsdruck ein – von Europa und den USA.
Auch die Treibstoffkrise belastet den Markt. Ukrainische Drohnenangriffe auf russische Erdölanlagen haben die Versorgung gestört. Zugleich hat Russland den Dieselexport verboten. Der Wirtschaftsprofessor Jewgeni Kogan von der Moskauer Higher School of Economics schrieb dazu auf Telegram: „Im Ergebnis könnte die Kraftstoffkrise sowohl den Preiauftrieb beschleunigen als auch die Wirtschaft in eine Rezession stürzen.“ Eine solche Kombination werde als Stagflation bezeichnet.
Die Treibstoffkrise treibt laut Selzer wiederum die Inflation an. Das stellt die russische Zentralbank vor ein Dilemma. Der Leitzins bleibt mit 14,25 Prozent auf hohem Niveau, was Investitionen erschwert und gleichermaßen Unternehmen sowie Konsumenten belastet. Die Zentralbank hatte die Zinsen zuletzt nur um 0,25 Prozentpunkte gesenkt – erwartet worden waren 0,5 Prozentpunkte. Präsident Wladimir Putin hat bereits zum zweiten Mal eine Lockerung der Geldpolitik gefordert.
Der Geschäftsklimaindex der russischen Zentralbank fiel zeitgleich im Juli um 4,5 Punkte auf minus 3,6 Zähler. Das ist der niedrigste Stand seit Mitte 2022. Kogan wies darauf hin, dass es seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2002 nur fünf Monate gegeben habe, in denen sich der Indikator schneller verschlechtert habe. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow spielte die Lage herunter: „Diese Schwierigkeiten sind nicht kritisch.“ Putin wisse, was zur Verbesserung der Lage zu tun sei.
Gazprom auf tiefstem Stand seit 2006
Besonders ins Auge fällt der Absturz einzelner Konzerne. Mehrere russische Großunternehmen verzeichneten nach Angaben von Welt vergangene Woche historische Tiefststände. Dazu zählen demnach die zweitgrößte Bank VTB, der Telekommunikationskonzern Rostelekom, der Diamantenkonzern Alrosa, die Aluminium- und Stromholding En+ sowie der weltgrößte Gaskonzern Gazprom.
Die Gazprom-Aktie fiel am 16. Juli um fünf Prozent auf unter 84 Rubel. Das ist der tiefste Stand seit Handelsbeginn im Jahr 2006. Ausgelöst wurde dies durch die allgemeine Lage sowie durch Berichte über mögliche US-Strafzölle für Importeure russischen Gases. Hinzu kommt: Durch den Bau der zweiten Gaspipeline nach China – Power of Siberia 2 – sind auch künftig keine Dividendenzahlungen möglich. Laut Welt verdichteten sich zuletzt Hinweise, dass China beim Bau auf billige innerrussische Gastarife bestehe. Da Europa als Abnehmer weitgehend weggefallen ist, hat Gazprom keine Alternative zu China.
Auch die Banken Sberbank und VTB, die gemeinsam fast 20 Prozent der Marktkapitalisierung im IMOEX2 ausmachen, zogen den Index durch Dividendenabschläge weiter nach unten. Ein europäischer Geheimdienstbericht warnt zudem vor einer drohenden Bankenkrise. Laut dem Reuters vorliegenden Bericht wurden die Banken gedrängt, subventionierte Kredite an Rüstungsunternehmen und Immobilienkäufer zu vergeben. Zehn Prozent der Unternehmenskredite sind demnach ausfallgefährdet.
Einige Großbanken meldeten im vergangenen Jahr eine Quote notleidender Privatkredite von bis zu 15 Prozent, heißt es. Zudem hätten 2025 mehr als 500.000 Russen Privatinsolvenz angemeldet – fast ein Drittel mehr als im Vorjahr. Darüber hinaus hätten staatliche Programme mehr als 13 Millionen Menschen dazu ermutigt, mindestens drei Kredite gleichzeitig aufzunehmen.
Russlands Reserven sind aufgebraucht – Abhängigkeit von China wächst
Die strukturellen Probleme reichen tiefer. Die Studie des IfW und des Stockholm Institute of Transition Economics zeigt: Die liquiden Vermögenswerte des russischen Staatsfonds sind von 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu Kriegsbeginn auf aktuell 1,8 Prozent gesunken. Zugleich brachen die Öl- und Gaseinnahmen im ersten Quartal um 45 Prozent zum Vorjahreszeitraum ein. „In den ersten Jahren des Krieges gegen die Ukraine hat sich die russische Wirtschaft als widerstandsfähiger erwiesen, als viele erwartet hatten. Doch nun sind die Reserven aufgebraucht“, sagte IfW-Präsident Moritz Schularick.
Russland ist dabei zunehmend auf China angewiesen. Die Volksrepublik macht mittlerweile etwa 35 Prozent des russischen Außenhandels aus. Studien-Co-Autorin Alicia Garcia-Herrero warnte in dem Bericht vor einer wachsenden Asymmetrie: „Russland hat einen wirtschaftlichen Rettungsanker erhalten, aber China hat an Einfluss gewonnen.“ (Quellen: Welt, Reuters) (cln)