Schriftstellerin fühlt sich mit 55 im „zweiten Sommer ihres Lebens"
Stand: 22.07.2026, 13:40 Uhr
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Die deutsch-französische Autorin Nathalie Weidenfeld sagt, das Älterwerden biete mehr Freiräume als die Jugend. Doch eine Erfahrung hat sie „kalt erwischt".
Wir haben Nathalie Weidenfeld in einem Café in Schwabing getroffen: eine strahlende, höchst attraktive und lebendige Frau, zugewandt, neugierig auf alles. Die Autorin und Publizistin erforscht derzeit ihre familiären Wurzeln in Frankreich und ist dort auf ein Hochglanz-Magazin gestoßen – Titel: „Vieux“, also „Alt“. Untertitel: „Das Magazin, das Sie alle einmal lesen werden.“ Es liefert Interviews, Lebensgeschichten, Kulturelles und philosophische Denkanstöße und stützt sich auf ein Zitat des US-Entertainers Groucho Marx († 1977, 86): „In jedem Alten steckt ein junger Mensch, der sich fragt, was eigentlich passiert ist.“

„Das ist es doch: Alle werden wir alt!“, sagt Nathalie Weidenfeld dazu. „Und das ist es, was uns zu Menschen macht! Es geht nicht darum, möglichst jung zu bleiben. Sondern vital zu bleiben. Das ist etwas ganz anderes, nämlich neugierig zu sein, mental beweglich, unabhängig vom Alter.“ Und – je älter Frau wird, desto mehr Freiräume bieten sich. Bei Nathalie sind die Kinder aus dem Gröbsten raus; jetzt hat sie wieder Zeit, zu lesen, Neues zu entdecken, auf Ahnenforschung zu gehen, um die Vergangenheit mit dem Jetzt und der Zukunft zu verbinden und große Zusammenhänge zu erkennen, sich wissenschaftlich zu befassen und darüber zu schreiben. „Ich fühle mich im zweiten Sommer meines Lebens!“, freut sie sich. „Der noch viel mehr bietet als der erste, weil man aus der Hektik als junge Frau heraus ist. Es bleibt Zeit, zu schauen, zu beobachten.“
Ich bin ein Sonnenkind, ein eher glücklicher Mensch
Zusammen mit ihrem Mann Prof. Dr. Julian Nida-Rümelin forscht sie zu immer neuen Themen. So prägten sie das Konzept des digitalen Humanismus, das die menschliche Verantwortung und Freiheit in den Mittelpunkt des technologischen Zeitalters stellt.
Nathalies großes Vorbild ist ihre Oma, die stets neugierig blieb und dabei innerlich gelassen und gleichmütig. „Sie ist dabei mit den Jahren immer leichter geworden. Nicht an Gewicht, sondern im Herzen. Sie war am Ende ihres Lebens ohne Ballast. Das ist eine Entwicklung, die man erst im Alter durchlaufen kann – vorausgesetzt, man ist bereit, negative Gefühle hinter sich zu lassen“, ist sich Nathalie Weidenfeld sicher. Körperliche Beweglichkeit kann dabei helfen. Dafür geht die Schriftstellerin jeden Tag eine halbe Stunde im Park spazieren und macht zehn Minuten Tai Chi. „Nicht jeder kann und will stundenlang ins Fitnessstudio gehen, es kommt auf die Regelmäßigkeit an, da können auch 40 Minuten am Tag Wunder wirken“, meint sie.
So abgeklärt dem Alter gegenüber war Nathalie nicht immer: Die letzten Jahre hatte sie durchaus daran zu knabbern, vor allem am „unsichtbar werden“. „Wir sind Tiere. Solange man biologisch reproduktionsfähig ist, ist man im Blickfeld der männlichen Tiere, und plötzlich ist das weg. Das hat mich irgendwie kalt erwischt“, gesteht das ehemalige Model. „Und an Falten muss man sich auch erst gewöhnen.“ Inzwischen aber überwiegt für sie das Potenzial, das Älterwerden bietet. „Es öffnet sich eine weite Welt, für die man als junger Mensch gar keinen Blick haben kann. Die Welt ist viel größer geworden als früher – natürlich auch durch den Erfahrungsschatz und das Wissen!“

So sagt sie: „Fakt ist: Frauen ab 50 haben es voll drauf! Die Lebenserfahrung, die Ruhe, die Vielseitigkeit, die Gelassenheit, wir wissen so viel! Ich frag mich, warum Unternehmen nicht bevorzugt Frauen ab 50 einstellen? Man hat guten Rat zu geben, eine starke Position, die nicht auf Sexyness begründet ist, sondern auf viel Größerem: Macht in einem coolen weiblichen Sinn!“ Dazu gehören ebenso die dunklen Tage, durch die auch eine strahlende Frau wie Nathalie Weidenfeld gehen muss, wie alle. Im Herbst hat sie ihren Vater Dieter Weidenfeld bis zum Tod zu Hause begleitet, wo er palliativ betreut wurde. „Vor der Phase am Ende des Lebens habe ich großen Respekt“, gesteht sie. „Die letzten vier Wochen waren für meinen Vater gewiss nicht einfach. Doch nachdem er akzeptiert hat, dass er sterben würde, gab es Momente, in denen er die Liebe zu uns so stark gefühlt hat, dass er, so denke ich, einige der glücklichsten Momente seines Lebens erlebt hat.“
Nathalie Weidenfeld überlegt für sich, ob sie ihr Lebensende nicht der natürlichen Entwicklung überlassen soll, also irgendwann damit aufzuhören, zum Arzt zu gehen. „Ich glaube, es gibt so einen Moment, wo es gut ist, dass man geht und es einem der Körper sogar leichter macht. Wenn man diesen Zeitpunkt verpasst und das Leben mit Medikamenten und dem ganzen medizinischen Fortschritt weiterverlängert, kann sich noch so eine Lebensphase dranhängen, die nicht mehr schön ist.“ Aber wie soll man den richtigen Zeitpunkt finden? Ihre 78-jährige Freundin sagt, sie lebe in der glücklichsten Zeit ihres Lebens. Sie will „keinen Tag jünger sein und keinen Tag missen.“

Nathalies Trost für das Ende aller Tage: „Wenn ich tot bin, geht das Leben weiter, andere leben es weiter, wir sind alle verbunden.“
Und wenn das Herz doch einmal schwer wird: Nathalies Spaziergang im Grünen wirkt Wunder!