Burnout auf dem Bauernhof: Wenn die Last des Hofs zu schwer wird
Schweizer Bauern unter Druck Burnout auf dem Bauernhof: Wenn die Last des Hofs zu schwer wird
Bäuerinnen und Bauern in der Schweiz haben ein grösseres Burnout- und Suizidrisiko als der Rest der Gesellschaft. Es ist häufig ein stilles Leiden. Vor allem Bauern reden nicht über psychische Belastungen. Zwei junge Landwirte brechen das Schweigen.
15.09.2026, 18:56
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Es war ein Abend im Frühjahr 2021. Ralf Kleger (33) erinnert sich genau. «Ich hatte wieder mal einen meiner schlechteren Tage», erzählt er im Gespräch, «und sass am Abend alleine in der Stube. Irgendwann konnte ich nur noch weinen.»
Zu diesem Zeitpunkt war Ralf seit etwas mehr als einem Jahr Betriebsleiter seines Hofes, den er Anfang 2020 von seinen Eltern übernommen hatte.
Stolz und Verantwortung
Dass er unter Druck war, spürte er schon in den Monaten zuvor. «Die fast endlosen Präsenz- und Arbeitszeiten und das Gefühl, für alle und alles alleine verantwortlich zu sein», sagt Ralf, «das hat mich am meisten belastet.»
Der Jungbauer war 27, als er den Hof übernahm, voller Power, wie er sagt – und auch voller Stolz. Stolz darauf, dass er in fünfter Generation weiterführen konnte, was sein Ururgrossvater 1912 angefangen hatte. Eine kleine Milchwirtschaft und ein paar Hektar Most- und Tafelobst gehörten zum Hof im Kanton St. Gallen.
Landwirtschaft in der Schweiz: romantisches Bild – mit düsteren Wolken. Denn die Arbeit auf dem Bauernhof sei in vielerlei Hinsicht belastend.
KEYSTONE / Christian Beutler
Und doch: Die Verantwortung für die Tiere, Administration, Anliegen der Familie, Probleme mit den Maschinen und so weiter, die Menge an Aufgaben und Anforderungen wurden ihm zu viel. Dann kam noch ein anderer Punkt dazu: «Viele Leute haben keine Vorstellung davon, dass wir Landwirte alles geben für qualitativ gute Lebensmittel. Schon fast unser Leben. Stattdessen werden wir immer wieder heftig angegriffen in der Öffentlichkeit.»
Solche Kritik habe ihn damals tief verletzt, sagt Ralf. Seine Krise wurde immer grösser, aber reden konnte er mit niemandem. «Ich war so aufgewachsen, dass man nicht sagt, wenn es einem nicht gut geht. Dann wäre ich ja kein rechter Bauer mehr.»
Monate des Verdrängens
Was Ralf Kleger erlebte, kennt auch Pirmin Bötsch. Der heute 36‑jährige Gemüsebauer am Bodensee erlebte sein Burnout vor drei Jahren. Ein gewöhnlicher Morgen im Büro des gemeinsamen Hofes, seine Schwester wollte wissen, wie es ihm gehe.
«Zuerst konnte ich nur weinen», sagt der Landwirt. «Als sie diese Frage stellte, kamen alle Gefühle hoch, die ich lange Zeit angestaut hatte.» Nach Monaten des Verdrängens und Schweigens erlebte Bötsch einen Zusammenbruch. «Ich hatte mir zu viel aufgeladen, konnte mich zu wenig abgrenzen.» Zudem setzte ihm enorm zu, wenn etwa wetterbedingt die Ernte auf dem Feld Schaden nahm.
«Ich musste lernen, hier gelassener zu werden», sagt er heute. Pirmin Bötsch profitierte in der Situation davon, dass er den Hof zusammen mit seinen Geschwistern und dem Vater führt. «Ich konnte mir erlauben, eine Auszeit zu nehmen, mich zu erholen», sagt er.
Stressfaktoren auf dem Hof
Was die beiden Jungbauern beschreiben, kennt der Arbeitsforscher Stefan Paulus (48) gut. Paulus forscht an der Ostschweizer Fachhochschule zum Thema «Burnoutprävention in der Landwirtschaft». Die Arbeit auf dem Bauernhof sei in vielerlei Hinsicht belastend, sagt er.
Aus den Untersuchungen zeigen sich bei den Betroffenen vor allem drei Stressfaktoren, die am meisten genannt werden:
- Sehr lange Arbeitstage
- Bürokratie
- Fehlende Wertschätzung durch die Gesellschaft
Armutsrisiko Bauernhof
Das sind Belastungsfaktoren, die auch andere Selbstständige, die Schreinerin im Dorf, der Malermeister im Quartier, beschreiben würden. «Das stimmt», sagt Stefan Paulus. «Allerdings haben Bauernfamilien das deutlich grössere Armutsrisiko als andere Selbstständige.»
Der durchschnittliche Stundenlohn in der Landwirtschaft beträgt laut Paulus 17 Franken. Das reicht für viele Familien nicht, ein Zusatzverdienst muss her. «Dieser Nebenerwerb bringt zusätzliche Arbeitsbelastung, was wiederum das Burnoutrisiko vergrössert», sagt der Arbeitsforscher.
Männer leiden meistens still
Natürlich sind Frauen und Männer auf Bauernhöfen von solchen Belastungsfaktoren gleich betroffen. Einen Unterschied macht der Arbeitsforscher an der Ostschweizer Fachhochschule aber aus: «Frauen reden häufiger, wenn es ihnen psychisch nicht gut geht. Männer leiden meistens still.»
Die Forschung zeigt: Unter vielen Bauern sind noch traditionelle Rollenbilder und Wertvorstellungen verankert, sogenannte Glaubenssätze. «Nur wer hart arbeitet, ist überhaupt wer», sei etwa ein solcher Satz, oder «Wer nach Hilfe fragt, ist schwach». Haltungen, die dazu führen, dass immer noch viele – vor allem Bauern – nicht über die eigene psychische Belastung sprechen wollen.
Krisen und Konsequenzen
Allerdings stellt der Forscher Bewegung fest. Jüngere Generationen seien sich bewusst, dass auch psychische Gesundheit wichtig sei für das Funktionieren auf dem Hof, darum würden sie mehr darüber reden.
Gleichzeitig ist eine Charta entstanden, die die verschiedenen Akteure – Bauernverbände, Forschung, Sorgentelefone und andere – besser miteinander vernetzt.
Ziel ist es, die hohen Fallzahlen von Burnout und Suizid in der Schweiz zu mindern. Ralf Kleger und Pirmin Bötsch haben unterschiedliche Konsequenzen gezogen aus ihren psychischen Krisen. Kleger hat seinen Hof verpachtet und arbeitet heute unter anderem als Heilpraktiker. «Ich will Menschen, die in Krisen geraten, helfen», sagt er.
Das Projekt «Burnoutprävention in der Landwirtschaft 2.0»
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Knapp zwölf Prozent der Landwirtinnen und Landwirte haben durch die Belastungen aus ihrem Arbeitsalltag ein Burnout-Risiko. Der gesamtschweizerische Durchschnitt liegt bei rund sechs Prozent. Landwirtinnen und Landwirte sind also einem deutlich höheren Burnoutrisiko ausgesetzt.
Ein gesamtschweizerisches Beratungsnetzwerk unter dem Namen «Burnoutprävention in der Landwirtschaft 2.0», initiiert von der Ostschweizer Fachhochschule und getragen von verschiedenen Organisationen aus der landwirtschaftlichen Branche, soll die Burnout- und Suizidprävention in der Landwirtschaft verstärken.
Ziel ist es einerseits, die bereits bestehenden Hilfsangebote, wie ein bäuerliches Sorgentelefon, besser zu vernetzen und sichtbar zu machen. Helfen soll auch die verstärkte psychologische Unterstützung auf dem Hof durch sogenannte Peers.
Bötsch führt zusammen mit seiner Schwester und seinem Bruder den Hof, den die drei mittlerweile ganz vom Vater übernommen haben. Aussteigen wäre für ihn nicht der richtige Weg gewesen, sagt er. Aber Abgrenzung habe er lernen müssen. Und das Gespräch mit anderen sei ihm auch enorm wichtig. Auch wenn es mal um ein schwieriges Thema gehe.
Doch Landwirte, sagte er, müssten das untereinander noch viel mehr tun. «Setzt euch am Abend zusammen, tauscht euch aus und seid ehrlich mit euch und dem Gegenüber. Nur so kommen wir weiter.»
Radio SRF 3, Input, 6.9.2026, 20 Uhr; rama