Sechsjährige Volksschule soll nächstes Schuljahr an ausgewählten Standorten starten


Schulversuch

Bildungsminister Wiederkehr sucht im Alleingang mindestens fünf Pilotschulen. Die ÖVP sieht "noch lange keine sinnvolle Reform", die SPÖ betont ihre Forderung nach einer gemeinsamen Schule bis 14

24. September 2026, 13:43

Mehrere Grundschulkinder sitzen in einem Klassenzimmer an Holzschreibtischen. Einige Kinder haben die Hand gehoben, um sich zu melden. Im Hintergrund steht die Lehrerin vor einer Tafel. Schultaschen hängen an den Stühlen, und die Atmosphäre ist lebhaft.
Derzeit dauert die Volksschule vier Jahre. In ausgewählten Schulen wird das ab dem kommenden Jahr anders sein.

Es sei seine Entscheidung und nicht jene der Koalition, sagt Bildungsminister Christoph Wiederkehr. Denn zumindest einer seiner Partner ist nicht überzeugt von der sechsjährigen Volksschule: die ÖVP. Der Neos-Politiker schlägt nun jenen Weg ein, den er alleine gehen kann. Am Donnerstag stellte Wiederkehr seine Pläne für einen neuen Schulversuch vor.

Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) will eine spätere Trennung der Schülerinnen und Schüler.

Ab dem Schuljahr 2027/28 soll in mindestens drei Bundesländern die verlängerte Volksschule angeboten werden. Dafür sucht Wiederkehr allerdings noch Freiwillige, bis Mitte Oktober können sich Schulen oder einzelne Klassen bewerben. Zwar hätten sich inoffiziell bereits die ersten Bildungseinrichtungen aus "mehreren Ländern" gemeldet. Welche das taten und wo noch gezögert wird, wollte Wiederkehr am Donnerstag jedoch nicht preisgeben.

Wien dafür, ÖVP dagegen

Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit wird jedenfalls Wien dabei sein. Bildungsstadträtin Bettina Emmerling (Neos) hat Anfang des Jahres die Debatte über die sechsjährige Volksschule selbst erneut angefacht. Sie wollte Wien zur Modellregion machen – im Regierungsprogramm von Schwarz-Rot-Pink im Bund ist schließlich eine "Erleichterung von Modellregionen für die Gemeinsame Schule" festgeschrieben, Wiederkehr unterstützte damals den Vorstoß. Doch ÖVP-Bildungssprecher Nico Marchetti erteilte der verlängerten Volksschule im Februar auf STANDARD-Anfrage eine Absage: Die ÖVP sei "grundsätzlich dagegen".

Eine Frau mit blonden Haaren steht zwischen massiven Steinsäulen und schaut nachdenklich nach oben. Sie trägt einen schwarzen Blazer und hat die Arme verschränkt.
Bildungsstadträtin Bettina Emmerling wollte Wien zur Modellregion machen.

Der Schulversuch ist nicht mit den Koalitionspartnern abgestimmt, erklärte Wiederkehr selbst. Marchetti kritisiert am Donnerstag in einer Aussendung, dass die "vierjährige Volksschule gerade in Wien nicht die Ergebnisse erzielt, die wir uns wünschen würden". Gerade bei der Sprachförderung und dem Erreichen der Bildungsziele würde es Kindern seiner Meinung nach mehr bringen, "wenn die Ressourcen darin investiert werden, dass die vierjährige Volksschule besser funktioniert". Bei Wiederkehrs Plänen sei "völlig offen geblieben, was sich durch die sechsjährige Volksschule bei diesen konkreten und realen Problemen tatsächlich verbessert. Das Türschild zu tauschen, ohne tatsächlich einen Mehrwert für die Schülerinnen und Schüler zu schaffen, ist noch lange keine sinnvolle Reform", findet der ÖVP-Politiker. Eine generelle Reform der Primarstufe oder der Sekundarstufe 1 sei "aus gutem Grund nicht Teil des Regierungsprogramms".

Kritik kam auch von der FPÖ: Bildungssprecher Hermann Brückl nennt das Vorhaben einen "ordentlichen Kniefall vor der Mittelmäßigkeit" und "Versuch, nach und nach die sozialistische Einheits- und Gesamtschule einzuführen".

SPÖ will gemeinsame Schule bis 14

Andres sieht das die SPÖ: "Die sechsjährige Volksschule kann ein interessanter Schulversuch sein. Sie darf aber nicht zum Ersatz für die notwendige Debatte über die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen werden", findet Bildungssprecher Heinrich Himmer. Er stimmt Wiederkehr darin zu, dass "Kinder nicht bereits mit zehn Jahren über ihren weiteren Bildungsweg entscheiden sollen", der Schulversuch löse dieses Problem allerdings nicht: Die Trennung zwischen AHS und Mittelschule werde "zunächst nur um zwei Jahre verschoben: Nach der 6. Schulstufe stehen sich weiterhin AHS und Mittelschule als getrennte Schulformen gegenüber", sagt er und betont die SPÖ-Forderung nach einer gemeinsamen Schule bis 14 Jahre.

Himmer bezeichnet zudem die "organisatorische Ausgestaltung" als "anspruchsvoll". Das Modell könne "pädagogisch interessante Möglichkeiten eröffnen, darf aber nicht dazu führen, dass unser ohnehin komplexes Schulsystem noch komplizierter wird".

Die Anzahl der Schulen, die am Versuch teilnehmen können, ist jedenfalls beschränkt. Eine konkrete Zahl will Wiederkehr vorerst nicht nennen, jedenfalls sollen es mindestens fünf sein. Weitere Schulen sollen 2028/29 hinzukommen, der Schulversuch soll wissenschaftlich begleitet werden.

Wird eine Volksschule oder eine einzelne Klasse ausgewählt, wird sie um zwei Jahre verlängert. Die am Schulversuch teilnehmenden Klassen werden dann in der fünften und sechsten Schulstufe (Grundstufe III) entweder weiterhin am Standort der Volksschule oder in den Räumen der Kooperationsschule unterrichtet. Diese Partnerschule kann entweder eine Mittelschule oder ein Gymnasium sein, muss allerdings bei der Bewerbung bereits an Bord sein.

Fachlehrer aus Sekundarstufe

Denn die Volksschule soll nicht einfach verlängert werden, sondern die Übertritte in weiterführende Schulen fließend geschehen. Die Kinder "lernen zwei Jahre weiter gemeinsam, und sie wachsen in die Sekundarstufe I hinein", betont Wiederkehr. Der konkrete Plan sieht dafür eine Drittelung der Schulzeit vor: In den ersten beiden Jahren wird der Lehrplan der Volksschule durch die Klassenlehrkraft beibehalten. Ein besonderer Schwerpunkt soll dabei auf die Persönlichkeitsbildung gelegt werden.

Ab der dritten Klasse soll das Klassenlehrersystem punktuell durch Fachlehrkräfte ergänzt werden, die einzelne Stunden übernehmen. In der neuen fünften und sechsten Klasse bleibt die Klassenlehrkraft als Klassenvorstand für vier bis sieben Wochenstunden bei ihrer Klasse. Das gebe den Kindern "Kontinuität", meint Wiederkehr. Die einzelnen Unterrichtsgegenstände sollen allerdings von Fachlehrkräften gelehrt werden – wie bisher in der Sekundarstufe I. Diesen Unterricht sollen die Lehrpersonen aus der Partnerschule übernehmen, also Pädagoginnen und Pädagogen aus der Mittelschule oder dem Gymnasium. Dadurch würden die Kinder "fachlich auf demselben Niveau unterrichtet" wie Kinder, die eine reguläre Sekundarstufe besuchen.

"Längeres gemeinsames Lernen bedeutet nicht, dass alle zur gleichen Zeit das Gleiche lernen", erklärt Wiederkehr. Die Aufteilung auf Mittelschule und Gymnasium sei mit zehn Jahren zu früh: "Kinder entwickeln sich nicht alle im gleichen Tempo." So gebe es in der Volksschule Kinder, die schnell lernen und denen das auch weiter möglich sein soll. Andere hätten vielleicht noch Probleme bei den Grundkompetenzen, seien zwar gut in Mathematik, aber täten sich beim Lesen schwer. Um die Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern, erhalten die Pilotschulen daher auch vier zusätzliche Stunden für Lehrkräfte – etwa für die Bildung von Kleingruppen oder Teamteaching. Ab der fünften Klasse soll eine Extrastunde für "Persönlichkeitsbildung" hinzukommen.

An Volks- oder Partnerschule

Der Unterricht der letzten beiden Schuljahre kann entweder an der Volks- oder an der weiterführenden Partnerschule stattfinden. Am Ende der Volksschule erhalten die Kinder ein AHS- oder Mittelschul-Zeugnis mit einem Vermerk: Schulversuch. Die Durchlässigkeit werde gegeben sein, versichert Wiederkehr. Kinder, die nach der sechsjährigen Volksschule AHS-reif sind, haben auch eine Platzgarantie, dass sie an ein Gymnasium wechseln können.

"Mein Ziel ist, dass Kinder nicht mit zehn Jahren schubladisiert werden und einen Stempel aufgedrückt bekommen", sagt Wiederkehr. Die Trennung in diesem Alter sei früh, "für mich zu früh". Die sechsjährige Volksschule sei "eine Frage der Chancengerechtigkeit", sagt Wiederkehr. Tatsächlich gibt es eine vierjährige Volksschule innerhalb der 27 EU-Länder nur sechs weiteren Ländern.

Für die Teilnahme am Schulversuch braucht es jedenfalls noch eines: die Zustimmung der betroffenen Eltern, Lehrpersonen und des Schulgemeinschaftsausschusses. (Oona Kroisleitner, 24.4.2026)