Sie hat Angst vor Nähe – und geht trotzdem auf eine Kuschelparty. «Darf ich dich umarmen?»
Sie hat Angst vor Körperkontakt – also besucht sie eine Kuschelparty
Kuscheln ist doch eigentlich schön, ein menschliches Grundbedürfnis. Unsere Autorin aber erstarrt bei intimen Berührungen, ihr Herz wird zum Klumpen. Diese Erfahrung will sie nun ändern. Lässt sich Nähe lernen, wenn man sich nur genug bemüht?
Von Johanna Tesch18.07.2026, 05.30 Uhr
12 Leseminuten

Tara Moore / Digital Vision / Getty
Wir lernten uns auf einer Zugfahrt kennen. Er lebte in der Schweiz, ich zog nach Amsterdam. Als er mich besuchte, war das schön und irgendwie aufregend, wir kannten uns ja kaum. Vier Tage verbrachten wir zusammen, lösten Kreuzworträtsel in Cafés, kochten Nudeln mit Tomatensauce in meiner engen Küche. Trotzdem blieb körperlich Distanz. Am Abend des letzten Tages versuchte er, sie zu überbrücken. «Magst du kuscheln?»
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Am Morgen reiste er ab.
Seitdem ist da diese Frage: Warum nicht? Ich hätte mich so gern darauf eingelassen. Dass ich es nicht tat, tut noch heute weh. Statt ihm zu antworten, erstarrte ich. Mein Herz zog sich zusammen, ein Klumpen, kaum fähig, weiterzupumpen.
Kuscheln, das ist doch etwas Schönes. Ein menschliches Grundbedürfnis sogar. Wenn ein Säugling nicht regelmässig körperliche Nähe erfährt, diese Berührung von Haut auf Haut, dann kann das zu schweren Entwicklungsstörungen führen – lebensbedrohlich werden. Warum lehnt mein Körper diese Nähe, die ich doch eigentlich zulassen will, so sehr ab?
Im Regal im Wohnzimmer meiner WG finde ich ein Buch meiner Mitbewohnerin: «Jeder ist beziehungsfähig» von Stefanie Stahl. Menschen kommen mit unterschiedlichen Nähebedürfnissen auf die Welt, schreibt die Psychologin. Manche seien «Kuschelkinder», andere nicht.
Aber es ist doch nicht so, als hätte ich mir die Nähe nicht gewünscht. Und es gibt Momente, in denen ich sie geniesse. Mit meinen Schulfreundinnen, nach einer langen Silvesternacht zusammen auf der Couch. Das Kuschelkind in mir scheint im Alltag eingeschlossen, in einem Raum in meinem Innersten. Manchmal öffnet es die Tür, ganz sacht und vorsichtig. Viel häufiger bleibt die Tür verschlossen.
Und ich stehe davor, ohne Erklärung. Da ist nur dieses lähmende Gefühl; ich habe Angst. Aber wovor?
Freiheit liegt jenseits der eigenen Komfortzone
Meine Strategie war schon immer: zu springen. «Ins kalte Wasser», würden andere sagen. Aber kalt, das hat mir nie gereicht; meine Komfortzone wollte ich nicht nur ein wenig, sondern radikal verlassen. Das hat mir schon häufig geholfen. Ich war ein schüchternes Kind, also verliess ich als Einzige meiner Familie meine Heimatstadt im Norden von Deutschland, diesen Ort, an dem man das Meer noch nicht sehen, aber oft riechen kann. Ich wollte woanders hin, um an einem fremden Ort mehr ich selbst zu sein.
Ich kam nach Berlin. Irgendwann sagte ich «zu Hause» und meinte diese neue Stadt. Seither glaube ich: So fühlt sich Freiheit an. Nicht wegen Berlin. Sondern weil es eben nicht Berlin sein müsste. Weil ich jetzt weiss, dass ich das immer wieder könnte – irgendwo neu anfangen, auch ganz allein.
Im Skatepark war es genauso: Dort fühlte ich mich als einziges Mädchen unwohl. Also ging ich jeden Tag dorthin. Inzwischen grüssen die anderen mich mit einem Nicken; fernab meiner Komfortzone ist eine Gemeinschaft entstanden.
Also sage ich mir auch diesmal: Du hast Angst vorm Kuscheln? Dann geh zu einer Kuschelparty! Logisch.
Zumindest für mich. Meine Mitbewohnerin schüttelt sich, als ich ihr von der Idee erzähle. «Nein!», ruft sie. «Wirklich?» Sie habe neulich erst darüber nachgedacht: In dem halben Jahr, in dem wir zusammenwohnen, hätten wir uns vielleicht zwei Mal umarmt. Höchstens.
In meinem Leben suche ich selten Körperkontakt. Aber wenn, dann gebe ich meistens eine Umarmung. Meine Umarmungen können ein flüchtiges «Hallo» sein, sie können versuchen, Trost zu spenden, oder ohne Worte sagen, wie sehr ich jemanden vermisst habe. Meine Umarmungen sind Botschaften.
In meinem Alltag berühre ich kaum jemanden, und wenn doch, dann entschuldige ich mich dafür – im Bus, wenn ich mich an den anderen Fahrgästen vorbeidrücke, um an meiner Station auszusteigen, oder in einem Café, wenn ich einen anderen Gast aus Versehen streife.
Eine Kuschelparty: «Wie furchtbar!»
Ich tippe «Kuschelparty» bei Google ein. Und finde gleich zwei Kuschelpartys. Die eine bewirbt einen Wohlfühlabend, bei dem die positiven Effekte des Kuschelns auf Gesundheit und Wohlbefinden im Mittelpunkt stehen. Die andere verspricht einen Raum, um sich mit den eigenen Wünschen und Grenzen auseinanderzusetzen – dazu gibt es Kakao.
«Kakao & Kuscheln», ich sehe vor mir einen warmen Kakao mit Sahnehaube, die langsam zerfliesst – und fühle mich geborgen. Ein gutes Zeichen. Beim Weiterlesen stolpere ich dann aber doch. Programmpunkt: «freies Kuscheln». Will ich das wirklich? Ich klicke mich durch die Regeln für das Treffen und den «Kuschelknigge» – eine Sammlung von Empfehlungen, die das Kuscheln besonders schön machen sollen, darunter Hygienehinweise. «Kein Kuschelzwang», steht da. Ausserdem sind sexuelle Absichten tabu.
Ich denke zurück an das Gespräch mit meiner Mitbewohnerin; sie erzählte von einer Freundin, die gerne mit Freundinnen kuschle. Als diese sich von ihrem Partner trennte, fehlte er ihr, klar, aber sie fand weiterhin die Erfahrung von Nähe, eben in Freundschaften. Das wünsche ich mir auch. Und rein rational spricht doch so viel dafür! Kuscheln tut gut. Und wer Körpernähe auch bei anderen findet, bei Freunden oder eben auch bei Fremden, der emanzipiert sich.
Um mich zum Kuschelkurs anzumelden, schicke ich eine Mail. Ich schreibe zwei Zeilen, klicke auf Senden und denke: Die Party ist ja schon morgen, vielleicht findet sie bei über dreissig Grad gar nicht statt. Mein Herzschlag beruhigt sich.
Eine halbe Stunde später erhalte ich eine Antwort: «Du bist herzlich willkommen zu unserer Kakao-Kuschelparty!»
Ich rufe meine Mutter an, eigentlich war für morgen ein Besuch zu Hause geplant – Mama, ich gehe zu einer Kuschelparty. Sie sagt: «Wie furchtbar!»

Two bodies almost naked in a unusual position. This foto was shot in the photografic studio, over a black background.
Ana Migliari / Getty
In Socken und Schlafanzughose in den Kuschelraum
Wie bereitet man sich auf so eine Party vor? In der Mail steht: «Komm frisch geduscht und unparfümiert (zartes Deo ist eine gute Idee), mit bequemer, frisch gewaschener Kleidung.» Die Anweisung wird zu meiner Sicherheitsleine. Zwei Stunden vor der Party stehe ich unter der Dusche. Danach suche ich eine gemütliche Hose aus meinem Schrank aus, eine Schlafanzughose, blau-weiss geringelt, weit und lang. Dazu stecke ich ein langärmliges T-Shirt aus Baumwolle ein. Vielleicht etwas zu warm bei über dreissig Grad, aber ich habe das Gefühl, ein bisschen mehr Stoff zu wagen, wird mir guttun. Ich stecke noch ein Deo und frische Socken in meine Tasche – und fahre los.
Am anderen Ende der Stadt steige ich aus. Es fängt an zu regnen, dicke Tropfen, die Vorboten eines Sommergewitters. Ich nehme es als gutes Omen; «Kakao und Kuscheln» klingt gemütlicher, wenn es gewittert.
In der E-Mail steht, man solle zehn Minuten vor Beginn da sein. Fünfzehn Minuten bevor es losgeht, stehe ich vor einem Wohnhaus. Der Altbau ist mintgrün gestrichen, direkt neben der Eingangstür ist ein Schaufenster von innen mit Stoffen verhängt. Ich klingle – und werde direkt eingelassen. Im Eingang wartet eine Frau. Sie trägt ihre glatten, braunen Haare offen und ein bisschen zerzaust. Ich muss an meine Geigenlehrerin aus der Schule denken; zu ihr hatte ich kein besonders gutes Verhältnis.
Die Frau lächelt. «Willkommen», sagt sie. «Warst du schon einmal hier?» «Nein», antworte ich. «Ich bin etwas nervös», schiebe ich hinterher, weil ich gelernt habe, dass Unsicherheit sich für mich ein bisschen leichter anfühlt, sobald ich mich traue, sie auszusprechen. «Wie schön», sagt sie und lächelt weiter.
Als Erstes soll ich die Schuhe ausziehen. Als ich barfuss den Flur entlangtapse, kommt mir eine andere Teilnehmerin entgegen, sie ist wohl nur etwas älter als ich. In der Umkleide unterhalten sich ein Mann und eine Frau wie alte Freunde. Sie erzählt von ihrem stressigen Alltag, er empfiehlt ein Nahrungsergänzungsmittel. Vom Eingang höre ich, wie den nächsten Teilnehmern die Regeln erklärt werden. Ich bin also nicht die Einzige, die neu hierherkommt.
Ich schlüpfe in meine Schlafanzughose und das langärmlige Shirt, ziehe die Socken über und betrete den Kuschelraum. Der Boden ist mit Matten ausgelegt, bezogen mit hellblauem Plüsch. Hier sitzen schon etwa fünf Teilnehmer, den Rücken an die Wand gelehnt. Niemand spricht. Niemand sitzt beisammen. Ich setze mich und lasse, wie die anderen auch, einen guten Meter bis zur nächsten Person.
Seltsam. Eigentlich soll es hier ums Kuscheln gehen. Und wir sitzen da wie Menschen in einem Wartezimmer.
Der Höhepunkt: «freies Kuscheln»
Magnus und Rita, die Seminarleiter, die eigentlich anders heissen, sammeln die Teilnahmegebühr ein. Dreissig Euro. Er trägt eine eckige Brille vorne auf der Nasenspitze, dahinter kleine, warme Augen. Auf seinem T-Shirt steht in Grossbuchstaben Free Hugs, darum bunte Herzen. Sie trägt weite Kleidung aus Leinen mit Spitze am Ausschnitt und am Hosensaum. «Wie hast du von uns erfahren?», fragt Magnus. «Internet», antworte ich. Er lächelt: «Intrinsisch motiviert also. Wie schön.»
Als es losgeht, sind etwa zwanzig Personen im Raum. Die Altersspanne reicht von mir selbst – Ende zwanzig – bis über sechzig, etwa gleich viele Frauen und Männer.
Magnus und Rita erzählen, dass sie das mit den Kuschelpartys schon eine ganze Weile machen. Sie seien «total verkuschelt», sagen sie und tauschen ein Lächeln. Was uns heute erwartet? Meditation, Willkommenskreis, herzöffnende Übungen, Kakao und dann . . . «ab ins freie Kuscheln». Knapp zwei Stunden bleiben für diesen «Höhepunkt», wie sie das nennen. Danach folgt ein kurzer Abschlusskreis.
Ob die anderen sich wohl auf diesen «Höhepunkt» freuen? Alle wirken so gelassen. Bin ich die Einzige, der das schwerfällt? Wir beginnen mit Übungen. Das ist gut. Übungen, das klingt, als wäre Kuscheln wirklich etwas, das man lernen kann. Ein bisschen wie im Sportunterricht: Ein Bewegungsablauf wird in kleine Schritte zerlegt und so lange wiederholt, bis er sich selbstverständlich anfühlt. Vielleicht braucht das mit dem Kuscheln ja auch einfach nur genug Übung, damit der Kopf loslässt und an das Muskelgedächtnis übergibt.
Wir machen es uns gemütlich und schliessen die Augen. Rita führt uns durch acht Minuten Meditation. Wir atmen, lassen den Tag hinter uns und malen uns unser «persönliches Kuschelparadies» aus. Kuschelparadies, das ist weniger ein Ort als das Gefühl, das wir am Ende dieses Abends erfahren wollen: Welche Berührungen, welche Gefühle bringen uns dorthin?
Im Willkommenskreis stellen wir uns vor. Name, Kuschelerfahrung. Viele kommen regelmässig. Dass Berührungen entspannen, davon scheinen alle in diesem Raum überzeugt. Und eigentlich haben sie ja recht: Wer kuschelt, schüttet das Hormon Oxytocin aus, das «Kuschelhormon». Die meisten Menschen fühlen sich durch angenehme Berührungen weniger gestresst, und sogar ihr Immunsystem wird gestärkt – das zumindest sagt die Forschung. Mein Körper aber scheint nicht viel auf Wissenschaft zu geben, sobald ich nur ans Kuscheln denke, bekomme ich eher Lust zu fliehen.
Bevor es losgeht mit dem Berühren, werden die Regeln vorgestellt. Die wichtigste: Jede Berührung bedarf der Zustimmung. Magnus und Rita machen es vor. Das Ja, wenn man etwas auch möchte. Das Danke reicht, wenn man genug hat. Und das Nein.
«Darf ich deinen Arm berühren?» Ja. «Darf ich meine Hand auf dein Knie legen?» Ja. «Darf ich an deinem Ohrläppchen ziehen?» Ja, aber nur leicht.
Wir sollen in uns selbst hineinhorchen, es sei wichtig, dass wir uns wohlfühlten. Wenn wir ein Vielleicht fühlen, sollten wir besser Nein sagen. Auf jedes Nein antworten wir mit Danke. Das wirkt alles ein wenig unnatürlich, aber ich bin froh über die Spielregeln.
Dann sollen wir es ausprobieren. Ich laufe durch den Raum, bleibe vor der ersten Person stehen und lächle. Sie lächelt zurück. Ich überlege, welche Berührung ich gerne vorschlagen möchte, aber mein Kopf ist leer. Sie fragt: «Darf ich dich umarmen?» Ich antworte vielleicht ein bisschen zu schnell: «Ja.»
In dieser Runde üben wir erst einmal nur das Reden miteinander – das Ja, das Nein und das Vielleicht, das ausgesprochen zu einem Nein werden soll. Und ich bin dankbar dafür, dass auf mein vorschnelles Ja diesmal noch keine Berührung folgt.

Austin Scherbarth / Getty
«Darf ich dich umarmen?»
In der nächsten Runde bieten wir wieder Berührungen an. Diesmal folgen sie tatsächlich bei einem Ja. Ich bleibe vor einer Frau stehen. Ihre Haare sind kurz. Sie lächelt verschmitzt wie ein Junge, der sich gerade einen Streich erlaubt hat. Wieder fällt mir keine Berührung ein, die ich vorschlagen möchte. Sie fragt: «Darf ich dich umarmen?» – und ich antworte mit Ja. Sie hebt die Arme, legt erst den einen, dann den anderen um meinen Oberkörper. Ich tue es ihr nach. Während unsere Arme sich umeinander schliessen, kommen wir uns langsam näher, so nah, dass ich die Wärme ihres Körpers spüre. Trotzdem bleibt ein kleiner Abstand zwischen unseren Brustkörben. Ich versuche nicht, ihn zu schliessen, und bin froh, dass sie es auch nicht tut.
Wir lösen uns voneinander, und ich bin an der Reihe. Ich soll einen Wunsch formulieren. Ich horche in mich hinein, aber da ist nur Stille. Also frage ich auch: «Darf ich dich umarmen?» Sie lächelt etwas verwirrt: «Ja.» Wir umarmen uns ein zweites Mal.
Ich glaube, sie merkt nicht, wie ich beide Male die Luft anhalte. Wie ich innerlich verkrampfe und mir am liebsten auch die Augen zuhalten würde. Meine Sinne überlisten. Nicht sehen, nicht riechen, nicht fühlen. Um, wenn die Berührungen geschafft sind, stumm zu mir selbst zu sagen: Schau, jetzt hast du es hinter dir, und so schlimm war es doch gar nicht.
Ich gehe weiter, bleibe vor der nächsten Person stehen. «Darf ich meine Hände auf deine Oberarme legen?», fragt er. Ja. Warme Handflächen berühren für ein paar Sekunden meine Oberarme. Ich bin dran und frage «Darf ich meine Hände auf deine Oberarme legen?», weil mir nichts anderes einfällt. Ich lege meine Handflächen auf seine Oberarme. Ich spüre seine Muskeln unter der Haut, und das fühlt sich intim an. Vielleicht zu intim. Ich ziehe meine Hände zurück, schneller als er.
Mit jeder Übung kosten mich die Berührungen etwas weniger Überwindung. Vielleicht stimmt es, vielleicht ist Nähe etwas, das man lernen kann. Aber ich lerne eher, die Nähe auszuhalten. Jedes Mal bin ich erleichtert, sobald die Berührung vorbei ist. Kann ich auch lernen, sie zu geniessen?
Eine Frau steht vor mir, eine der Jüngeren. Wir lächeln uns an. Ein wenig erinnert sie mich an eine Freundin. Wenn sie eine Freundin wäre, wäre es dann nicht schön, sie zu umarmen? Ich frage: «Darf ich dich umarmen?» Sie überlegt. Nein, sagt sie – und lächelt immer noch.
Ihr Lächeln fühlt sich wie ein Widerspruch an zu diesen Worten, die mich ablehnen. Nein, nicht mich, nur mein Angebot. Ich sage: Danke.
Ein Vielleicht ist besser ein Nein
Nach vier Begegnungen setzen wir uns zurück in den Kreis. Die meisten Teilnehmer strahlen, als wir mit der Kakaozeremonie beginnen. Kakao in seiner reinen Form, erklärt Magnus, lasse das Herz weich werden.
Während ich an der bitteren, dickflüssigen Masse nippe, versuche ich zu erspüren, wie ich mich fühle. Im Raum ist es still. Sobald die Musik angeht, wird die freie Kuschelzeit beginnen. Was brauche ich jetzt? Wie könnte es denn aussehen, mein Kuschelparadies, in dem ich die Berührungen hier geniessen könnte? Ich trinke noch einen Schluck Kakao, aber mein Herz fühlt sich nicht weich an, eher wie der harte Klumpen, den ich von damals kenne.
Als die Musik wieder angeht, lasse ich meine Augen geschlossen. Kuschelkontakt beginnt mit Augenkontakt. Ich höre gedämpfte Schritte auf Polstern, sanftes Geflüster, leises Gekicher. Ich öffne die Augen und sehe, wie sich die anderen zu zweit zurückziehen. Rechts von mir sitzen zwei Frauen, Rücken an Rücken, sie lächeln. Gegenüber streicht eine Person jemand anderem zärtlich über den Unterarm. Ein Mann legt sich mitten in den Raum, ein anderer – einer der Neuen – schmiegt sich an ihn. Jemand kommt auf mich zu, schaut mir in die Augen, fragt, ob er sich neben mich setzen darf.
Weshalb ist da wieder dieser Klumpen?
Ich habe mir keine der Berührungen der vergangenen Stunde wirklich gewünscht. Trotzdem habe ich einige Male Ja gesagt. Ich denke daran, wie am Anfang die Regeln besprochen wurden. Ein Vielleicht ist besser ein Nein.
Nein, sage ich, trinke meinen Kakao aus – und verlasse das Treffen noch vor dem Abschlusskreis.
Mit der Bahn fahre ich zurück in meine WG, draussen ist es dunkel geworden. Allein in meinem Zimmer setze ich mich aufs Bett. Ich habe meine Ängste immer hinter mir gelassen, indem ich in sie hineingesprungen bin. Schocktherapie. Aber vielleicht ist Kuscheln nicht vergleichbar mit einem Umzug oder der Hartnäckigkeit, wieder und wieder in den Skatepark zu gehen, auch allein. Kuscheln ist intim, und Intimität macht verletzlich. Ist es da nicht okay, erst einmal nur einen Zeh ins Wasser zu strecken? Und ist es nicht auch okay, sich dann doch gegen den Sprung zu entscheiden, wenn sich etwas falsch anfühlt?
Aber warum fällt mir das überhaupt so schwer?
Die Frage nach dem Warum hat mich zu dieser Party gebracht. Warum kann ich das nicht? Aber vielleicht ist das Warum gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist doch, dass ein Nein ohne die Forderung nach Erklärungen angenommen wird. Dass jemand Danke sagt und es ernst meint. Vielleicht braucht Nähe genau das. Vielleicht ist mein Paradies ein Ort, an dem mein Nein okay ist. Ein Ort, an dem ich meinen Grenzen vertraue, ohne nach dem Warum zu fragen.
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