Siebtklässler in die Berufschule: Eltern beklagen Schulchaos


Autorenfoto Birgit Bürkner, B.Z.-Chefreporterin / P-Tag: 2025-07-08 /

Berlin – Nach Verschärfung der Zugangsbedingungen fürs Gymnasium sind Dutzende Schüler im System verloren. 56 Siebtklässler werden in Steglitz-Zehlendorf ab dem neuen Unterrichtsjahr sogar in einer Berufsschule geparkt.

Sie sollen nach den Sommerferien am Louise-Schroeder-Oberstufenzentrum (OSZ) für Bürowirtschaft und Verwaltung in Lichterfelde Süd beschult werden. Dafür wurden Räume in dem grauen 1980er-Jahre-Plattenbau geblockt. Die Siebtklässler (12 bis 13 Jahre) lernen dann im selben Gebäude wie die Berufsschüler (17 bis 30 Jahre alt). Viele haben eine Fahrzeit dorthin von mehr als 45 Minuten.

„Meine Tochter fühlt sich minderwertig“

Bereits jetzt zeigt der aus der Not geborene Versuch deutliche Auswirkungen auf die Betroffenen. „Meine Tochter hat gesagt, sie fühlt sich minderwertig, wie Abfall“, berichtet eine Mutter, die anonym bleiben möchte. Eine andere Mutter sagt: „Alle anderen waren happy, meine Tochter hat Rotz und Wasser geheult. Sie ist eine Woche nicht zur Schule gegangen.“

Mutter Alicja M. (52) berichtet B.Z.: „Meine Tochter hat einen Durchschnitt von 2,5. Letztes Jahr hätte sie noch einen Platz auf einem Gymnasium bekommen. Jetzt wird sie abgeschoben.“ Und Dennis N. (49): „Meine Tochter hat eine Lese-Rechtschreib-Schwäche. Auf der Grundschule ist sie durch sozialpädagogische Einbindung aufgeblüht. Nun fehlt ihr die Zugehörigkeit.“ Er hat wegen Benachteiligung geklagt.

Das Oberstufenzentrum für Verwaltung und Bürowirtschaft an der Lippstädter Straße in Lichterfelde Süd
Das Oberstufenzentrum für Verwaltung und Bürowirtschaft an der Lippstädter Straße in Lichterfelde Süd Foto: Olaf Selchow

Hintergrund: Bei den künftigen Siebtklässlern handelt es sich um den ersten Jahrgang, für den Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (43, CDU) neue verschärfte Zugangskriterien für den Übergang auf das Gymnasium eingeführt hat: Notenschnitt bis 2,2. Dieser wird zudem nur noch aus drei Fächern (Mathe, Deutsch, erste Fremdsprache) statt aus fünf errechnet. Bisher konnten Schüler mit einer Durchschnittsnote zwischen 2,3 und 2,7 bei Empfehlung der Lehrer ein Probejahr am Gymnasium machen. Nun dürfen sie an einem dreistündigen Test teilnehmen – 99 Prozent Durchfall-Quote.

Entsprechend groß ist der Andrang auf Integrierte Sekundarschulen (ISS) im Bezirk: Bei der Wilma-Rudolph-Schule kamen 263 Erstwünsche auf 162 Plätze, bei der Max-von-Laue-Schule 172 auf 109 Plätze. Wer bei allen drei Wünschen eine beliebte ISS angab, ging leer aus.

Lehrer der Max-von-Laue-Schule sollen ab August zum fast vier Kilometer entfernten Standort des OSZ an der Lippstädter Straße pendeln und dort die Schüler unterrichten. Doch die Lehrer protestieren: Eine Berufsschule sei kein geeigneter Ort, um Kinder zu unterrichten.

Katharina Günther-Wünsch (CDU), Senatorin für Bildung, Jugend und Familie
Katharina Günther-Wünsch (CDU), Senatorin für Bildung, Jugend und Familie Foto: picture alliance/dpa

Auch Franziska Brychcy (42), Bildungssprecherin der Linken, sagt zu B.Z.: „Aus pädagogischer Sicht ist es verantwortungslos. Kinder, die den Durchschnitt nicht erreicht haben, zu sammeln und zu isolieren.“ Felicia Kompio, Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, kritisiert: „Die verschärften Zugangskriterien zum Gymnasium verstärken die frühe Auslese und damit auch soziale Ungleichheiten.“

Auf B.Z.-Anfrage sagt eine Sprecherin der Senatsbildungsverwaltung: „Der Bezirk Steglitz-Zehlendorf hat den zusätzlichen Bedarf an ISS-Plätzen frühzeitig berücksichtigt und den Neubau einer Integrierten Sekundarschule am Ostpreußendamm angemeldet und geplant. Nach derzeitigem Planungsstand soll der Baubeginn Anfang 2027 erfolgen.“

Die Eltern wollen ihren Protest organisieren und bitten Betroffene, sich unter der folgenden E-Mail-Adresse zu melden: [email protected].