Siedlergewalt im Westjordanland: Ein palästinensisches Dorf wird zur Sperrzone


Der christliche Ort Taybeh im Westjordanland wird immer wieder von Siedlern attackiert. Nun zieht Israels Militär Konsequenzen. Wird das helfen?

Zwei Personen an einem Zaun zu einem Grundstück
Eine Solidaritätsaktivistin steht auf dem Grundstück einer Beduinenfamilie, am Zaun warten israelische Siedler, Taybeh, 22. Juni

Foto: Ilia Yefimovich/afp

Serena Bilanceri

Radikale Lösungen für radikale Probleme: Im Westjordanland ist ein gesamtes Dorf zu militärischem Sperrgebiet erklärt worden. Und zwar offenbar, um es vor Angriffen durch israelische Siedler zu schützen.

Taybeh ist eine christliche Gemeinde im vorwiegend muslimischen Westjordanland, etwa zwölf Kilometer nordöstlich von Ramallah. Seit drei Jahren klagen die gut 1.200 Ein­woh­ne­r*in­nen über eskalierende Attacken von extremistischen Siedlern, die teilweise in auch nach israelischem Recht illegalen Außenposten in der Nähe des Dorfs leben.

Jetzt dürfen keine Fremden mehr ins Gebiet kommen; am Sonntag hat das israelische Militär die Sperrzone ausgerufen. „Bei Meldungen über Verstöße werden Sol­da­t:in­nen ins Gebiet entsandt und lösen die Versammlungen auf, um die dortigen Bür­ge­r:in­nen zu schützen.“ Ein­woh­ne­r:in­nen sollen sich bei solchen Sperrbefehlen in der Regel weiterhin frei bewegen dürfen.

Jour­na­lis­t:in­nen in diesem Fall theoretisch ebenso, sagt das Militär der taz – allerdings behält es sich das Recht vor, den Zutritt zu verweigern, sollte dies „eine Gefahr für ihr eigenes Leben darstellen oder die Operationen der Streitkräfte beeinträchtigen“. Be­ob­ach­te­r:in­nen hatten früher Bedenken geäußert, dass der Mangel an internationalen und lokalen Frie­dens­ak­ti­vis­t:in­nen zu verstärkten Angriffen in dem Gebiet hätte führen können. Diese Ak­ti­vis­t:in­nen aus Israel wie dem Ausland stellen sich im Westjordanland schützend vor die palästinensischen Be­woh­ne­r:in­nen und dokumentieren Angriffe.

Das Dorf ist Heimat der gleichnamigen Brauerei

In der vergangenen Woche waren extremistische Siedler nach Berichten von Ein­woh­ne­r:in­nen in ein leerstehendes Haus in Taybeh zum wiederholten Mal eingebrochen. Einmal hätten sie sogar Schafe mitgenommen. Die Menschen in Taybeh werten das als Versuch, sie einzuschüchtern und zum Wegzug zu bewegen.

Das Dorf ist von völkerrechtswidrigen Siedlungen und Außenposten auf beiden Seiten umgeben. Im Juni hatten mehrere Siedler die Feuerwehr und die Ein­woh­ne­r:in­nen mutmaßlich daran gehindert, einen Brand auf einem offenen Gelände auszulöschen.

Ob die neue Maßnahme helfen wird? Pater Baschar zuckt mit den Schultern

Ob die neue Maßnahme des Militärs gegen die Siedlergewalt helfen wird? Dazu zuckt der katholische Priester Pater Baschar auf Nachfrage der taz nur mit den Schultern.

Taybeh ist das einzig vollkommen christliche Dorf Westjordanlands und Heimat der gleichnamigen Mikrobrauerei – die älteste im Nahen Osten. Als die taz es vor einem Jahr besuchte, erzählte Pater Baschar von einer Eskalation der Attacken in den vergangenen drei Jahren. Lange waren sie als Chris­t:in­nen eher verschont geblieben, das hat sich mittlerweile geändert.

Und immer mehr Chris­t:in­nen im Westjordanland denken übers Auswandern nach, das zeigen die Umfragen. Ihre Zahl ist, verglichen mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts, über die Jahre gesunken und liegt heute bei etwa 45.000 Menschen.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.

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