Siedlergewalt im Westjordanland: Ein palästinensisches Dorf wird zur Sperrzone
Der christliche Ort Taybeh im Westjordanland wird immer wieder von Siedlern attackiert. Nun zieht Israels Militär Konsequenzen. Wird das helfen?
Foto: Ilia Yefimovich/afp
Radikale Lösungen für radikale Probleme: Im Westjordanland ist ein gesamtes Dorf zu militärischem Sperrgebiet erklärt worden. Und zwar offenbar, um es vor Angriffen durch israelische Siedler zu schützen.
Taybeh ist eine christliche Gemeinde im vorwiegend muslimischen Westjordanland, etwa zwölf Kilometer nordöstlich von Ramallah. Seit drei Jahren klagen die gut 1.200 Einwohner*innen über eskalierende Attacken von extremistischen Siedlern, die teilweise in auch nach israelischem Recht illegalen Außenposten in der Nähe des Dorfs leben.
Jetzt dürfen keine Fremden mehr ins Gebiet kommen; am Sonntag hat das israelische Militär die Sperrzone ausgerufen. „Bei Meldungen über Verstöße werden Soldat:innen ins Gebiet entsandt und lösen die Versammlungen auf, um die dortigen Bürger:innen zu schützen.“ Einwohner:innen sollen sich bei solchen Sperrbefehlen in der Regel weiterhin frei bewegen dürfen.
Journalist:innen in diesem Fall theoretisch ebenso, sagt das Militär der taz – allerdings behält es sich das Recht vor, den Zutritt zu verweigern, sollte dies „eine Gefahr für ihr eigenes Leben darstellen oder die Operationen der Streitkräfte beeinträchtigen“. Beobachter:innen hatten früher Bedenken geäußert, dass der Mangel an internationalen und lokalen Friedensaktivist:innen zu verstärkten Angriffen in dem Gebiet hätte führen können. Diese Aktivist:innen aus Israel wie dem Ausland stellen sich im Westjordanland schützend vor die palästinensischen Bewohner:innen und dokumentieren Angriffe.
Das Dorf ist Heimat der gleichnamigen Brauerei
In der vergangenen Woche waren extremistische Siedler nach Berichten von Einwohner:innen in ein leerstehendes Haus in Taybeh zum wiederholten Mal eingebrochen. Einmal hätten sie sogar Schafe mitgenommen. Die Menschen in Taybeh werten das als Versuch, sie einzuschüchtern und zum Wegzug zu bewegen.
Das Dorf ist von völkerrechtswidrigen Siedlungen und Außenposten auf beiden Seiten umgeben. Im Juni hatten mehrere Siedler die Feuerwehr und die Einwohner:innen mutmaßlich daran gehindert, einen Brand auf einem offenen Gelände auszulöschen.
Ob die neue Maßnahme helfen wird? Pater Baschar zuckt mit den Schultern
Ob die neue Maßnahme des Militärs gegen die Siedlergewalt helfen wird? Dazu zuckt der katholische Priester Pater Baschar auf Nachfrage der taz nur mit den Schultern.
Taybeh ist das einzig vollkommen christliche Dorf Westjordanlands und Heimat der gleichnamigen Mikrobrauerei – die älteste im Nahen Osten. Als die taz es vor einem Jahr besuchte, erzählte Pater Baschar von einer Eskalation der Attacken in den vergangenen drei Jahren. Lange waren sie als Christ:innen eher verschont geblieben, das hat sich mittlerweile geändert.
Und immer mehr Christ:innen im Westjordanland denken übers Auswandern nach, das zeigen die Umfragen. Ihre Zahl ist, verglichen mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts, über die Jahre gesunken und liegt heute bei etwa 45.000 Menschen.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion.
Jetzt unterstützen
Israelische Siedlungen im Westjordanland
Wenn der Hinterhof zu militärischem Sperrgebiet wird
Im Dorf Umm al-Khair lassen sich israelische Siedler:innen nieder, direkt neben einer palästinensischen Familie. Die darf nun ihre eigene Toilette nicht mehr nutzen.
Von Serena Bilanceri
Israel
Minister gegen Militärs
Israels Verteidigungsminister feuert den Chef des israelischen Militärs im Westjordanland – wohl, weil der einen Haftbefehl für einen Siedler verlängern wollte.
Von Serena Bilanceri
UN-Direktor zum Westjordanland
„Das kann nur zu mehr Radikalisierung führen“
Israel geht seit Jahren gegen die Hilfsorganisation für palästinensische Geflüchtete, UNRWA, vor. Woran das liegt, erklärt ihr Direktor Roland Friedrich.
Interview von Serena Bilanceri
taz FUTURZWEI im Abo entdecken
Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren