So stark trifft der Gesundheitshammer das Tessin
So hart schlägt der Gesundheits-Hammer hier zu
Angehörige ringen um jeden Franken
Prämiendeckel, höhere Steuerabzüge, Patientenbeteiligung – im Südkanton wehrt sich die Politik gegen die Prämienexplosion. Statt Entlastung drohen vor allem leere Staatskassen – und es steht bereits das nächste Ungemach vor der Tür.
Publiziert: 13:38 Uhr
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Aktualisiert: vor 15 Minuten
Darum gehts
KI-generiert, redaktionell geprüft
- Tessiner Angehörigenpflege leidet unter tiefen Löhnen und unzureichender Vergütung
- Dem Kanton droht ein Millionendefizit – auch aufgrund des Gesundheitssystems
- Reform ab 2032 könnte Pflegekosten im Tessin weiter erhöhen
Joschka SchaffnerRedaktor Politik
Etwas verunsichert sitzt Maria D.* da. Auf dem Tisch vor ihr hat sie sich ein dünnes Mäppchen bereitgelegt. Sie sei hier, um zu meckern, sagt sie.
D. ist pflegende Angehörige. Seit rund eineinhalb Jahren kümmert sie sich um ihre Mutter. Das belaste das Gesundheitssystem weniger als eine Betreuung durch die Spitex, so die 59-jährige Tessinerin. Ganz glücklich ist sie mit der Situation trotzdem nicht: «Die Entlöhnung ist tief, die Hin- und Rückfahrt wird mir nicht vergütet», sagt sie. Und pro Tag könne sie nicht mehr als eine Stunde abrechnen – obwohl es oftmals länger dauere.
Wettstreit mit den Privaten
D. ist dafür bei Alvad, der öffentlichen Spitex der Region Locarno und des Maggiatals, angestellt. Während in der Deutschschweiz die Angehörigenpflege ein Millionenbusiness ist, bleibt sie im Tessin bisher eine Randerscheinung. Doch auch im Südkanton setzen immer mehr private Spitex auf das Geschäftsmodell – und zwingen die öffentlichen Institutionen zum Handeln. «Für uns war klar: Wenn wir es nicht machen, würden wir unseriösen Anbietern das Feld überlassen», sagt Alvad-Direktor Gabriele Balestra (56) zu Blick.
Das Lohnniveau im Tessin sei jedoch ganz einfach tiefer als auf der Alpennordseite, sagt Balestra. Man zahle den pflegenden Angehörigen genauso viel wie einer SRK-anerkannten Pflegehelferin – 26 Franken pro Stunde. Und dies, obwohl die Krankenkasse denselben Betrag auszahlt, wie wenn eine ausgebildete und besser bezahlte Pflegefachfrau die Arbeit ausüben würde.
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«Wir nutzen die grössere Differenz, abzüglich der Administrativ- und Overheadkosten, um anderswo auszugleichen», so Balestra. Etwa um die Gemeinden zu entlasten, die in vielen Fällen einen massiven Kostenüberschuss decken müssen. Denn die Tessiner Pflegebranche verursacht bereits ohne die Angehörigenpflege horrende Mehrkosten. Eine Besserung ist nicht in Sicht.
Die Politik ringt nach Lösungen
Das Tessin altert schneller als jeder andere Kanton und wird zum Altersheim der Schweiz. Der Kanton mit den schweizweit höchsten Krankenkassenprämien versucht im Gesundheitswesen immer wieder gegenzusteuern. 2024 verabschiedete das Kantonsparlament etwa ein Moratorium für die Zulassung neuer Spitex-Dienste, seit April dieses Jahres müssen sich zudem Patientinnen und Patienten neu an den Pflegekosten beteiligen.
Letztes Jahr nahm die Tessiner Stimmbevölkerung an der Urne zudem gleich zwei Vorlagen – eine von links, eine von rechts – an, die die steigende Prämienbelastung abfedern sollen. Zum einen sollen die Krankenkassenprämien zukünftig nicht mehr als zehn Prozent des verfügbaren Einkommens eines Haushalts betragen. Zum anderen sollen die Steuerabzüge für Versicherungsprämien steigen.
EFAS-Reform könnte Tessiner Pflege hart treffen
Der «Protest» des Tessiner Stimmvolks wurde bei der Kantonsregierung wenig goutiert. An den steigenden Gesundheitskosten würde sich damit nichts ändern, warnte etwa der damalige Regierungspräsident Norman Gobbi (49) nach der Abstimmung. Die beiden Vorlagen, die laut dem Kanton rund 350 Millionen Franken pro Jahr kosten werden, würden nur ein noch grösseres Loch in die bereits lädierte Staatskasse reissen.
Mit der Einführung der einheitlichen Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen (EFAS), die ab 2032 auch in der Pflege gelten soll, droht bereits der nächste Gesundheits-Hammer. Wegen der vielen Täler, drohe die Reform die Pflegekosten im Tessin weiter aufzublähen. «Eine Spritze im Verzasca-Tal kostet mehr als doppelt so viel wie eine Dusche in Locarno», sagt Alvad-Direktor Balestra. «Die Privaten picken bereits heute die Rosinen, die ihnen am meisten Gewinn bringen.» Mit der EFAS-Umsetzung könnten sie also mit einfacherer Arbeit noch mehr verdienen.
* Name geändert