Wahl in Israel: Sorge vor Manipulation mit KI
Wahl in Israel
Am 27. Oktober wählt Israel ein neues Parlament – es ist die erste Wahl nach dem Hamas-Überfall am 7. Oktober 2023 und dem seither andauernden Gaza-Krieg. Der Urnengang wird vielfach als die bisher wichtigste Wahl bezeichnet. Der Wahlkampf verläuft für israelische Verhältnisse bisher eher ruhig. KI kommt dabei bereits in großem Umfang zum Einsatz – und es gibt Warnungen vor einer drohenden Unterwanderung der Wahl durch manipulative KI-Kampagnen.
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Am Freitag betonte der stellvertretende Leiter der Wahlkommission, Din Livne, es gebe Versuche mehrerer ausländischer Staaten, die Wahl zu beeinflussen, „um das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Wahl zu erschüttern“. Im Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Sender Kan nannte Livne aber keine Namen.
Die Parlamentswahl am 27. Oktober ist eine Richtungswahl. Das Rennen zwischen dem rechten Block um Langzeitregierungschef Benjamin Netanjahu und dem gemäßigten Lager, das vom Ex-Armeechef Gadi Eisenkot angeführt wird, ist laut Umfragen knapp. Möglicherweise gibt es keine klare Mehrheit, da auch das Eisenkot-Lager eine Koalition mit arabisch-israelischen Parteien ablehnt.
Livne unterstrich, es sei bezüglich Beeinflussungsversuchen der bisher „härteste“ Wahlgang des Landes. Die Zahl der Beschwerden bei der Kommission sei schon jetzt, eineinhalb Wochen vor dem Wahltag so groß wie bei den fünf vorhergehenden.
Einsatzstab gemeinsam mit Tech-Plattformen
Die Wahlkommission müsse jedenfalls „auf jedes Szenario“ vorbereitet sein. Am Wahltag wird daher ein gemeinsamer Stab mit den drei großen US-Tech-Firmen Meta, Google und Microsoft eingerichtet, um Beeinflussungskampagnen am Wahltag selbst „sofort stoppen“ zu können. Der Inlandsgeheimdienst habe zudem mächtige Instrumente, um illegale Kampagnen rasch zu erkennen, so Livne.
Neue Qualität der Beeinflussung
Mit KI produzierte Wahlkampfvideos sind en masse im Umlauf und verbreiten vielfach Fakes oder glatte Lügen. Doch das ist laut Fachleuten das geringste Problem – nach ersten Urteilen der Wahlkommission werden diese mittlerweile von den Parteien zumindest als KI-Videos ausgewiesen.
Die Beeinflussungsversuche, die durch KI nicht nur, was Quantität, sondern vor allem, was Tempo und Qualität betrifft, ein neues Niveau erreichen, seien viel weitreichender. Die israelische Tageszeitung „Haaretz“ berichtete bereits im August in einer detaillierten Recherche darüber, Ende September auch das britische Wochenmagazin „Economist“, das gewohnt griffig titelte: „Künstliche Intelligenz nimmt Israels Wählerschaft ins Visier. Regierungen und Wähler anderswo sollten genau hinschauen“.
Persönliches Profil der Wähler
Laut „Haaretz“ haben alle Parteien riesige Datenbanken von Wählerinnen und Wählern, das Wahlregister wird dabei im Wesentlichen mit persönlichen Daten der Wählerinnen und Wähler verschnitten. Diese wurden von darauf spezialisierten Firmen im Internet eingesammelt und umfassen vieles – bis zu Telefonnummer, Geodaten, Vorlieben und Kreditkarte. Daraus würden genaue Persönlichkeitsprofile erstellt. Diese seien vergleichbar mit extrem umfangreichen Kundendatenbanken.
Die Software kategorisiere die Leute danach, ob sie fix die Partei wählen werden, ob sie das überlegen oder ob sie jedenfalls dagegen sind. Bei Letzteren werde dann keine Überzeugungsarbeit geleistet, sondern vielmehr mit KI-geführten Methoden online versucht, sie zu demotivieren, zur Wahl zu gehen.
Das könne etwa mit „Information“, beispielsweise einer Umfrage, erfolgen, wonach die präferierte Partei keine Erfolgschancen hat. Auch Onlineumfragen würden von Parteien gezielt gemacht, um durch die Beteiligung die Einstellung bestimmter Wähler herauszufinden. Längst werden KI-Bots eingesetzt, um die leicht manipulierbaren Onlineumfragen in Richtung des eigenen gewünschten Ergebnisses zu drehen.
Anrufe von Kandidaten-KI
Israelis werden laut „Haaretz“ und „Economist“ nicht nur mit KI-Wahlwerbung in ihren Threads in sozialen Netzwerken überhäuft. Vielmehr würden die KI-generierten Nachrichten genau auf die persönlichen Profile abgestimmt. Neben quasi auf die Person zugeschnittener Wahlwerbung gibt es auch direkte SMS und immer öfter Anrufe von angeblichen Kandidatinnen und Kandidaten. Bei ihnen handelt es sich vielfach um KI-Bots mit zunehmend täuschend echter Stimme, die im Telefonat auch auf spontane Fragen und mit komplexen Antworten reagieren.
Eine Journalistin meinte dazu zuletzt im „Haaretz“-Wahlpodcast, ihre Form von „Rache“ sei es, diese Telefonate mit Bots durch banale Fragen möglichst in die Länge zu ziehen, um so die Kosten für die betreffende Partei etwas zu erhöhen.
Avatare infiltrieren geschlossene Gruppen
Darüber hinaus gibt es Avatare, die sich ebenfalls als echte Menschen ausgeben und geschlossene WhatsApp-Gruppen infiltrieren. Dort würden die wenigsten bisher vermuten, auf Bots zu treffen. Dazu kämen Armaden an (menschlichen) Influencern, die von Wahlkampagnen bezahlt und laut „Haaretz“ täglich mit Infos der Wahlkampfzentralen versorgt werden, welche Botschaften sie posten und welche Posts sie liken sollen. Ziel sei es, so reale Debatten vorzutäuschen.
Die Expertin Tehila Schwarz-Altschuler vom überparteilichen Israelischen Institut für Demokratie nennt die „Automatisierung der Überzeugung“ den bestverborgenen Teil der aktuellen Wahlkampagnen. KI sammle sogar Geodaten, um zu prognostizieren, wo sich die Person am Wahltag vermutlich aufhalten wird.
KI-Fake-News für KI-Bots
Umgekehrt wurden und werden laut „Haaretz“ gezielt KI-generierte Positiv-„Infos“ über die eigene Partei und Negativ-„Infos“ über die Gegner im Netz verbreitet – mit dem Ziel, dass dieser KI-Gatsch von anderen KI-Bots gelesen wird und diese „Infos“ beim Beantworten von Suchanfragen auf den Tech-Plattformen – verwenden.
Der Mitarbeiter eine Wahlkampagne sagte gegenüber dem „Economist“, die Partei publiziere möglichst viel Content auf Websites, die häufig von KI-Bots abgegrast werden, etwa Reddit. Denn in den Parteizentralen werde damit gerechnet, dass viele Israelis, besondere jüngere, KI-Chatbots bezüglich ihrer Wahlentscheidung um Rat fragen werden.
Maßnahmen gegen „Datenvergiftung“
Die israelische Sicherheitsdenkfabrik Institute for National Security Studies (INSS) in Tel Aviv sprach in dem Zusammenhang von „Datenvergiftung“ und zählte in einer aktuellen Studie mehrere Maßnahmen auf, um diese Form der Verfälschung des Wahlkampfs zu verhindern. Neben permanenter Überprüfung insbesondere hebräisch- und arabischsprachiger KI-Chatbots müsse unter anderem die Bevölkerung über die Gefahren und darüber, wie diese erkannt werden können, aufgeklärt werden.
Schwarz-Altschuler schloss gegenüber „Haaretz“ nicht aus, dass KI auch eingesetzt werden könnte, um nach der Wahl Verschwörungserzählungen verbreiten, um Zweifel an der Wahl oder dem Wahlergebnis zu säen. Das könnte den ohnehin tiefen politischen Graben, der quer durch die israelische Gesellschaft geht, noch vertiefen.